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"Starfighter": "Top Gun" in Norddeutschland

Foto: RTL / Wolfgang Ennenbach

RTL-Drama "Starfighter" Der Albtraum vom Fliegen

Flieger, grüß mir die Sonne? Mit "Starfighter - Sie wollten den Himmel erobern" rollt RTL den Skandal um den "Witwenmacher" der Luftwaffe neu auf. Und stellt tatsächlich die Witwen in den Mittelpunkt.

Kein Kampfjet war jemals so tödlich für seine eigene Besatzung wie die Lockheed F104 für die Piloten der Luftwaffe. Den Start von "Starfighter", das die Affäre nacherzählt, musste RTL beim ersten Versuch noch abbrechen - weil die Realität in die Quere kam.

"Auch wenn Gegenstand des Films die militärische Luftfahrt ist und der Skandal rund 50 Jahre zurückliegt, entsteht die hohe Emotionalität des Films u.a. durch den Verlust und Schmerz der Witwen und Familien, deren Fragen teils bis heute nicht beantwortet sind".

Mit diesen Worten begründete RTL im März, kurz nach der Germanwings-Katastrophe in den französischen Alpen, eine Verschiebung seines für den 2. April geplanten Dramas "Starfighter - Sie wollten den Himmel erobern" zunächst auf unbestimmte Zeit.

Tatsächlich gibt es eine quälende Szene, in der ein Starfighter mit ohnmächtigem Piloten an Bord an einem Berg zerschellt. Und das ist nur einer der dramaturgischen Höhepunkte dieser Produktion, mit der ein Privatsender den Öffentlich-Rechtlichen zeigt, dass eine spannende Aufbereitung zeitgeschichtlicher Themen kein trübes Kammerspiel sein muss.

"Top Gun" auf einem norddeutschen Fliegerhorst

Der Anfang erinnert an "Top Gun", verlegt auf einen norddeutschen Fliegerhorst. Die Piloten sind Rivalen oder Buddys, ihre Bräute kecke Verkäuferinnen, und immer laufen irgendwo die Stones, die Beatles oder Jerry Lee Lewis. In den Sechzigerjahren galt der Starfighter als das modernste Kampfflugzeug der westlichen Allianz.

Auf Betreiben von Franz Josef Strauß sollte die Bundesrepublik unter nebulösen Bedingungen 916 dieser Maschinen vom US-Hersteller Lockheed ordern. Von 916 dieser Düsenjäger im Dienst der Luftwaffe stürzte fast ein Drittel ab, was 116 Piloten das Leben kostete. Nur sehr allmählich setzte sich die Erkenntnis durch, dass die Bundeswehr einen unausgereiften "Witwenmacher" gekauft hatte.

So verknüpft auch der Film zu Beginn die Begeisterung für den Flieger und die Fliegerei mit der Ästhetik des Wirtschaftswunders. Hinter beschlagenen Scheiben im Autokino kommt Betti (Picco von Groote) dem verwegenen Piloten Harry (Steve Windolf) näher. Es geht im Alfa Romeo aufs Land, es flimmert der Schwarz-Weiß-Fernseher, die Röcke sind kurz, alle rauchen wie die Schlote, und an der Wand im Büro des Kommodore hängt ein Porträt von Bundespräsident Lübke.

Für die Liebesgeschichte nimmt sich der Film viel Zeit und führt sie eng mit dem damaligen Lebensgefühl: "Willst du wirklich mit einem Soldaten zusammen sein? Was, wenn's wieder Krieg gibt?", fragt die beste Freundin. "Wenn's Krieg gibt, dann sind wir doch genauso dran wie die Soldaten. Mit den Atombomben und allem!", antwortet Betti.

Dran sind zunächst einmal die Piloten, einer nach dem anderen. Wie sich die Todesfälle häufen, so schwindet auch Harrys Vertrauen - erst in den Starfighter, dann in seine Vorgesetzten. Kurz bevor er den Hut nimmt und zur Lufthansa wechselt, nach der Hälfte des Films, erwischt es ihn selbst. Nichts gegen die 14 am Computer entstandenen Flugminuten, das ist solide bis spektakulär. Aber gegen die Verzweiflung von Harrys bestem Freund Richie (Frederick Lau aus "Victoria"), als er Betti die Nachricht vom Tod ihres Mannes überbringt, kommt keine Tricktechnik an.

Die Frauen werden zu den Helden der Geschichte

Nach Harrys Tod wechselt der Film auf einmal Ton und Tempo. Nicht mehr die breitbeinigen Kriegshelden, die Frauen werden zu den eigentlichen Helden der Geschichte. Die Witwe ist schwanger und allein mit der Frage, warum der "beste Pilot der Staffel" sterben musste. Also macht sie sich, unterstützt von Richie und ihrer politisch bewegten Freundin (Alice Dywer), auf die Suche nach Antworten - und bekommt keine, die Bundeswehr hält alle Berichte unter Verschluss. Weil sie die Bundeswehr nicht verklagen kann, bereitet sie eine Sammelklage vor, wird als "Kommunistenhure" beschimpft, vom MAD verhört und nimmt es doch mit dem Hersteller Lockheed auf.

Regisseur Miguel Alexandre ist es gelungen, einen der größten Skandale der wiederbewaffneten Bundesrepublik für ein breites Publikum aufzubereiten. Dabei bedient er sich durchaus "amerikanischer" Kinotugenden, die alle Sinne bedienen, und verliert doch über zwei Stunden nie den Plot aus den Augen oder gar die erzählerische Balance. Weder opfert er die Dramaturgie der Genauigkeit, noch stehen die Fakten der Zuspitzung im Weg.

Zugleich funktioniert "Starfighter" auch noch als der vielleicht aufwendigste Trailer, der jemals produziert wurde - für die Dokumentation "Mein Mann war Nummer 57", die gleich im Anschluss gesendet wird und bei der Peter Kloeppel den Fall noch einmal aufrollt. Kloeppel besucht Absturzstellen, Piloten und Witwen, hierbei werden auch einige der Nebenfiguren aus "Starfighter" kenntlich.

Im Paket ergeben Spielfilm und Doku einen stolzen Themenabend, wie ihn sich RTL gern häufiger leisten darf.


"Starfighter - Sie wollten den Himmel erobern", Donnerstag, 20.15 Uhr RTL

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