Start der letzten "Lost"-Staffel Sind wir reif für die Auflösung?

Kaum eine TV-Serie fesselt ihre Zuschauer so wie das rätselhafte Inseldrama "Lost". In der letzten Staffel sollen nun alle Mysterien gelöst werden. SPIEGEL ONLINE verfolgt den Showdown in einem Blog - zum Auftakt: ein Überblick über die offenen Fragen.
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Kultserie "Lost": Gemeinsam leben, alleine sterben

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Hoffentlich kriegen sie das hin. Wer alle 103 bisher gezeigten Folgen der US-Serie "Lost" gesehen hat, kennt diese Angst: Da hat man sich auf Rauchmonster und Zeitreisen eingelassen, von den Toten Auferstandene und Unsterbliche hingenommen - und immer darauf vertraut, dass die Macher am Ende eine Lösung für alle Rätsel haben werden.

Wie keine Serie vor ihr hat "Lost" über bislang fünf Staffeln einen Sog entwickelt, der die Zuschauer in ein eigenes Universum zog. Was zunächst mit der klassischen Robinson-Situation begann - eine Gruppe von Fremden muss nach einem Flugzeugabsturz auf einer einsamen Insel ums Überleben kämpfen - wandelte sich zu einem Mystery-Epos voller paranormaler Phänomene. Die Rätsel, die die Macher um Damon Lindelof, Carlton Cuse und J.J. Abrams dabei kreierten, haben unzählige Theorien und Spekulationen bei Fans hervorgerufen - und mit jeder Staffel kamen neue, unheimliche Begegnungen und Ereignisse auf der Insel dazu.

Aber was ist, wenn am Ende alles Hokuspokus war? Wenn alle Theorien, die man sich mühselig aus über 4300 Minuten Laufzeit zusammengekratzt hat, umsonst waren und man einfach nur Lebenszeit damit verschwendet hat, über Eisbären, John Locke und die Zahlenfolge 4-8-15-16-23-42 nachzudenken?

Ab Dienstagabend wissen wir mehr - hoffentlich. Dann startet in den USA die sechste und damit letzte Staffel von "Lost". Die Macher haben Antworten versprochen - und wir, die "Lost"-Fans bei SPIEGEL ONLINE, haben sie beim Wort genommen. Wir werden nach der Ausstrahlung der jeweils neuesten Folge in den USA aufschreiben, bei welchen der zentralen Rätsel wir der Lösung näher gekommen sind - und wo sich nichts getan hat. Mit der sechsten Staffel sind die aktuellen Folgen auch über den deutschen iTunes-Store einen Tag nach der US-Premiere, also mittwochabends, erhältlich. Das Update zur jeweiligen Folge veröffentlichen wir deshalb donnerstags - immer versehen mit der Einladung an Sie, liebe Leserinnen und Leser,

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Bevor es mit der sechsten Staffel losgeht, haben wir aber noch einmal die zehn wichtigsten Rätsel der vergangenen Staffeln aufgeschrieben und notiert, was wir bis jetzt zu den jeweiligen Komplexen wissen. Wissensstand ist das Ende der fünften Staffel. Wenn Sie also noch nicht bis einschließlich Folge 17 von Staffel 5 geschaut haben - nicht weiterlesen! Alle Texte enthalten Spoiler ( mehr dazu auf Wikipedia ), in denen entscheidende Informationen verraten werden.

Was ist die Insel?

* SPOILER! Informationen bis Staffel 5, Folge 17! *

Himmel oder Hölle? Ort oder Person mit eigener Mission? Über die Insel, auf der Oceanic-Flug 815 abstürzt, weiß man nichts genaues - außer dem hier: Es gibt Mangos, Papayas, Kokosnüsse und, wenn man ein geschickter Koreaner ist, auch reichlich Fisch. Ansonsten sind die Details vage: Beim ersten Flugzeugcrash soll sich die Insel noch im Südpazifik östlich von Fidji befunden haben. Zumindest Benjamin Linus konnte sie in dieser Zeit - als Anführer der sogenannten "Hostiles" - anscheinend selbstständig verlassen. Die übrigen Inselbewohner brauchten dazu das U-Boot.

Nachdem Ben die Insel verschoben hat, sind ihre neuen Koordinaten ungewiss. Nur mit Hilfe von Eloise, der mysteriösen Mutter von Daniel Faraday, die sich später als eine der Anführerinnen der "Hostiles" herausstellt, können die "Oceanic 6" wieder gezielt auf die Insel kommen. Daniel kehrt in Staffel 5 an Bord des U-Boots zwar auch zurück - allerdings ins Jahr 1977, in dem sich Jack, Kate, Sawyer und die anderen zurzeit befinden und in dem das U-Boot noch nicht gesprengt wurde. Ist die Insel zu diesem Zeitpunkt also noch oder wieder an ihrem alten Ort?

Jenseits der Geographie wirft die Einführung von Eloise als Schlüsselfigur noch viel weiterreichende Fragen auf - nämlich nach dem vermeintlichen Willen der Insel. Gibt es Personen, die mit dem Ort schicksalhaft verbunden sind? Mit denen die Insel bestimmte Dinge vor hat und die sie zu ihrem Schutz braucht? Alle Führergestalten von John Locke über Benjamin Linus bis Jack Shephard glauben dies - und sehen ihre Zeit auf der Insel als persönliche Mission an. Eloise überredet Jack schließlich zur Rückkehr auf die Insel mit den Worten, dass es sein Schicksal sei. Daniel hingegen versucht Jack davon zu überzeugen, dass seine Mutter gelogen habe und Jack keine Verpflichtungen gegenüber der Insel habe. Warum Daniel dieser Überzeugung ist, bleibt offen - denn er wird von seiner eigenen Mutter erschossen. Zurück bleibt ein erschütterter Jack, dessen Lebensmission plötzlich in Frage gestellt ist. Wenn die Insel überhaupt Auserwählte hat - gehört er dann zu ihnen?

Ebenfalls ungeklärt sind die heilenden Kräfte der Insel: Während Locke auf ihr seine Lähmungen in den Beinen verliert und der Krebs von Rose verschwindet, sterben Rückkehrer wie etwa Charlotte, weil sie bereits zu viel Zeit auf der Insel verbracht haben, um die Zeitsprünge zu verkraften. Warum sterben die Frauen, die auf der Insel schwanger werden? Und gibt es tatsächlich eine Krankheit, der das Forscherteam um Rousseau zum Opfer fiel?

Wer sind die Ureinwohner, und wann kamen die anderen Gruppen auf die Insel?

* SPOILER! Informationen bis Staffel 5, Folge 17! *

Vier riesige Zehen, die noch viel größere Rätsel aufgeben: Von einer gigantischen Statue, die sich einst an der Küste der Insel befand, ist zu Beginn der Serie nur noch der linke Fuß übrig. Wer sie erbaut hat, ist unklar - wen sie zeigt hingegen nicht: Es ist die ägyptische Göttin Taweret, Schutzpatronin für Schwangere und damit auf der Insel dringend gebraucht.

Anzeichen für eine den Ägyptern verwandte Kultur finden sich auch an anderen Orten der Insel, etwa in den Hieroglyphen im Tempel. Wann dieses Volk auf der Insel lebte, wissen wir aber nicht. Sind die "Hostiles" seine Nachfahren oder sein Ende gewesen?

Um 1845 muss noch das britische Handelsschiff "Black Rock" auf der Insel gestrandet sein. Was mit seinen Insassen passierte und was es mit seiner Ladung Dynamit auf sich hat - es ist wie immer unklar, allerdings scheint Jacob seine Finger im Spiel gehabt zu haben. Die nächste Zivilisation, die die Insel beherrschte, scheinen jedenfalls die sogenannten "Hostiles" unter der Führung von Jacob gewesen zu sein, der unter der Statue haust. Als die Dharma Initiative in den späten sechziger Jahren auf der Insel landete, konnte sie sich eine Zeit lang mit den "Hostiles" in einem Waffenstillstand arrangieren. Durch Bens Giftgas-Attacke wurde die Dharma Initiative jedoch komplett ausgelöscht.

Bis Oceanic-Flug 815 abstürzte, kam noch das Forscherteam um Rousseau auf die Insel. Außerdem stürzte ein kleines Drogenkurier-Flugzeug ab, in dem sich der Bruder von Mister Eko befand. Sowohl von den Forschern als auch den Schmugglern hat aber niemand überlebt. So verbleiben auf der Insel zu Beginn von Staffel 6 nur die Überlebenden der Flüge 815 und 316 sowie die restlichen "Hostiles". Oder haust dort noch jemand, den wir bislang noch gar nicht gesehen haben?

Was steckt hinter dem schwarzen Rauch?

* SPOILER! Informationen bis Staffel 5, Folge 17! *

Erst sauste er nur durch den Wald, holte sich ausgewählte Opfer und verbreitete somit den wohl abstraktesten Schrecken auf der Insel: der schwarze Rauch. Zum Ende von Staffel 5 "wissen" wir endlich mehr über ihn. Er scheint eine Art Dämon zu sein, den Ben heraufbeschwören kann. Er ruft ihn an, als er sich für den Tod seiner Tochter Alex richten lassen will.

Doch statt sich vom Rauchmonster finden zu lassen, fällt Ben im Tempel durch ein Loch im Boden vor einen Altar, der mit Hieroglyphen übersät ist. Aus einem Gitter des Altars strömt daraufhin der schwarze Rauch. Er tötet Ben aber nicht, sondern gibt ihm über eine Halluzination in Form von Alex zu verstehen, dass er Locke folgen und beschützen soll. Ob der Rauch jemandem folgt und wenn ja, wem, ist aber zum Ende der Staffel weiterhin offen.

Wer ist Locke?

* SPOILER! Informationen bis Staffel 5, Folge 17! *

John Locke war tot. Er lag als Jeremy Bentham im Sarg, der Anblick erschütterte Jack so sehr, dass er mit Lockes Leichnam zur Insel zurückkehrte. Und hier läuft der wiederauferstandene Locke eine Staffel lang so entschieden herum, führt die anderen und manipuliert Ben, dass sich niemand bei so viel Entschlossenheit und Action fragt, wie das eigentlich sein kann und warum der neue Locke so anders als der alte ist.

Am Ende der fünften Staffel ahnt man, warum: Der gescheiterte Locke, der am Schicksal verzweifelte und sich erhängen wollte, liegt tot in dem Sarg des abgestürzten Flugzeugs. Der zweite Locke ist eine - weitere? - Materialisierung von Jacobs namenlosem Erzfeind. Er will Jacob töten, er bringt Ben dazu, das für ihn zu tun.

Dass das sein innigster Wunsch ist, sagt er selbst: Am Ende der fünften Staffel sieht man Jacob (weißes Hemd) und den Namenlosen (schwarzes Hemd) am Strand der Insel sitzen. Sie schauen aufs Meer, ein Schiff kommt näher. Es ist wohl die "Black Rock". Der Namenlose fragt: "Weißt du, wie sehr ich dich töten will?" Eines Tages, schwört er, wird er die Hintertür finden, um das zu tun.

Das ist also am Ende der fünften Staffel passiert. Nur: Was ist das?

Wer ist Jacob?

* SPOILER! Informationen bis Staffel 5, Folge 17! *

Jacob war immer schon da. Er gab 1976 dem jungen James den Stift, mit dem der den Brief an den Mörder seiner Eltern schrieb. Er trat im Jahr 2000 zu John Locke, der mit zertrümmerter Wirbelsäule am Boden lag und sagte ihm, das tue ihm leid. Und er war irgendwann im 19. Jahrhundert am Strand der Insel, als aus der Ferne ein Schiff heransegelte.

Jacob altert nicht, Jacob kann die Insel verlassen, Schicksale manipulieren und die Zukunft vorhersehen - manchmal zumindest. Seine ganze Macht setzt er daran, Menschen auf die Insel zu locken, mittelbar zu leiten und in Konflikte zu verwickeln. Warum tut er das? Und warum konnte er seinen Tod - wenn er denn stirbt, als Ben ihn niedersticht und der Namenlose ihn ins Feuer stößt - nicht vorhersehen? Vor allem, da der Namenlose ihm das zwei Jahrhunderte zuvor geschworen hat?

Was bedeuten die Zahlen 4-8-15-16-23-42?

* SPOILER! Informationen bis Staffel 5, Folge 17! *

Die Nummern sind vor Jacob in "Lost" aufgetaucht und so oft erwähnt worden, dass es inzwischen sogar eine recht ausführliche Erklärung für ihre Existenz und Bedeutung gibt - die leider komplett unbefriedigend ist: In den Siebzigern stellte der Mathematiker Enzo Valenzetti für die Hanso-Stiftung eine nach ihm benannte Gleichung auf, mit der man das Datum für den Weltuntergang berechnen kann. Die sechs Zahlen sind wichtige Variablen in dieser Gleichung, und weil nach Valenzettis Berechnungen die Menschheit in 27 Jahren untergeht, macht sich die Hanso-Stiftung daran, diese Variablen zu verändern.

Die Eisbären, Rauchmonster und elektromagnetischen Sperenzchen auf der Insel könnten etwas damit zu tun haben. Was? Woher kommen die Zahlen? Was hat die Kuba-Krise damit zu tun? Und warum musste jahrelang jemand alle 108 Minuten genau diese Zahlen in einen Computer tippen, der so aussieht, als würde darauf nicht mal DOS 7.0 laufen? Man weiß es nicht. Ach ja, eine Folge "Lost" läuft in etwa 42 Minuten lang.

Wer ist Richard Alpert und warum altert er nicht?

* SPOILER! Informationen bis Staffel 5, Folge 17! *

Eine der rätselhaftesten Figuren des "Lost"-Universums ist Richard Alpert, der Anführer der "Hostiles". Alperts Geschichte ist eng mit John Lockes Charakter verzahnt. Erstmals taucht er in verschiedenen Flashbacks der dritten Staffel auf, zunächst kurz nach der Geburt Lockes, als seine Mutter überlegt, das Baby zur Adoption freizugeben. Später unterzieht er den kindlichen John einem Test. Am College erhält Locke wiederum Besuch von Alpert, der ihn überzeugen will, an einem wissenschaftlichen Sommercamp der Mittelos Laboratories teilzunehmen. Doch Locke lehnt ab.

Nachdem Ben die Herrschaft über die "Hostiles" in der vierten Staffel an Locke übergeben hat, übernimmt Richard die Rolle seines "Beraters". Vieles deutet darauf hin, dass der selten selbst in Erscheinung tretende Herrscher der Insel, Jacob, Richard zu seinem operativen Stellvertreter ernannt hat. Aber vielleicht ist auch Richard selbst der wahre Lenker der Inselgeschicke: Als Locke am Ende der fünften Staffel zusammen mit Ben zu Jacob aufbricht, äußert Richard zwar Bedenken, lässt dem Geschehen aber freien Lauf - er nimmt also in Kauf, dass Jacob ermordet wird. Wusste er, dass er es nicht mit dem echten John Locke zu tun hatte?

Richard Alpert könnte also die Schlüsselfiguren der sechsten Staffel sein, zumal das größte Rätsel um seine Person ebenfalls noch nicht geklärt ist: Warum altert er nicht? Alpert ist in den fünfziger und siebziger Jahren ebenso wie in der Serien-Gegenwart stets im gleichen Alter zu sehen, während andere Insel-Charaktere, die der Zuschauer durch verschiedene Zeiten begleitet, durchaus jünger oder älter dargestellt werden. Es gibt natürlich mehrere Theorien zu diesem Paradox. Die zwei populärsten:

a) Jacob verlieh Richard Unsterblichkeit, damit über Jahrzehnte, wenn nicht Jahrhunderte, ein und derselbe Wächter auf der Insel präsent sein kann.

b) Richard kann beliebig durch die Zeit reisen.

Was ist mit Claire passiert?

* SPOILER! Informationen bis Staffel 5, Folge 17! *

Wenn man ein existentielles Drama schaffen will, geht es nicht ohne Babys. Wo der Tod auftritt, hat auch neues Leben zu erblühen, und diese alte Hollywood-Regel befolgten die "Lost"-Macher mit der Erfindung von Claire Littleton, Mutter wider Willen. Eigentlich will sie von Australien nach Los Angeles fliegen, um ihr noch ungeborenes Kind dort zur Adoption freizugeben - auf Rat eines rätselhaften Wahrsagers. Hochschwanger überlebt sie den Absturz auf der Insel, bringt dort nach einigen Traumata ihren Sohn Aaron zur Welt. Und verschwindet schließlich auf, wie sollte es anders sein, geheimnisvolle Weise.

Mit dem Junkie Charlie verbindet Claire bis dahin eine wechselvolle Beziehung, bis der sich für die Gruppe opfert. Noch dramatisch-traumatischer sind die Erlebnisse mit ihrem Kind, vor und nach der Geburt: Claire wird von den "Hostiles" entführt, mediziert, entflieht, verliert ihr Gedächtnis, verliert ihr Kind an Rousseau, bekommt es zurück - und lässt es schließlich im Dschungel zurück, um sich ihrem eigentlich längst verstorbenen Vater Christian Shephard anzuschließen.

Kate und Jack nehmen sich des kleinen Aaron an und behaupten nach der Rückkehr von der Insel, er sei ihr eigenes Kind. Ab der vierten Staffel hat Claire nur noch gelegentliche Auftritte als enigmatische Traumgestalt - aber was ist wirklich mit ihr geschehen? Warum ließ sie ihren doch so innig geliebten Sohn einfach zurück? Welche Rolle spielt es, dass sowohl Claire als auch Insel-Arzt Jack Kinder des alkoholkranken Christian Shephard, also Halbgeschwister sind? Warum erscheint Claire Kate vor der Rückkehr zur Insel und warnt sie drohend, Aaron auf keinen Fall mit dorthin zurückzunehmen? Welche Beziehung verbindet sie mit ihrem doch eigentlich längst toten Vater, und was meint Claire, als sie einem erstaunten Locke in Jacobs Hütte eröffnet, sie sei jetzt "bei ihm", ihrem Vater Christian Shephard?

Was hat es mit dem Tempel auf sich?

* SPOILER! Informationen bis Staffel 5, Folge 17! *

Der Tempel, an einem geheimen Ort gelegen und von einer langen, zerbröckelnden Mauer umgeben, dürfte ein zentraler Schlüssel zum Geheimnis der Insel sein. Das offenbar sehr alte Gebäude ist überall mit seltsamen Hieroglyphen verziert. In seinen weitläufigen Kellergewölben findet sich auch ein Relief, das den ägyptischen Gott Anubis im Zwiegespräch mit dem Monster, dem Rauch, dem "Sicherheitssystem" der Insel zeigt.

Existiert der Tempel also bereits seit vielen tausend Jahren? Wer hat ihn erbaut, und warum reichen seine unterirdischen Katakomben bis unter das Barackenlager der Dharma Initiative, mutmaßlich also viele Kilometer weit? Warum sagt Ben einmal, der Tempel sei nur für seine Leute da, nicht für andere? Warum gibt es auf einer Karte der Insel ein eigenes Dharma-Logo für den Ort des Tempels? Ist er der Wohnsitz des Monsters, oder nur eine Art Tür zu dessen eigentlichem Aufenthaltsort? Warum attackiert der Rauch von dort aus manche Insel-Besucher, warum zerrt er einen der französischen Begleiter Rousseaus in die Katakomben? Haben der Tempel und der Rauch auch heilende Kräfte, sind sie es, die dem jungen Ben das Leben retten, nachdem ihn der zeitreisende Sayid niedergeschossen hat? Auf wessen Seite stehen der Tempel und die Mächte, die augenscheinlich ihn ihm zu Hause sind?

Jack oder Sawyer?

* SPOILER! Informationen bis Staffel 5, Folge 17! *

Eines der größten Mysterien von "Lost" ist gleichzeitig das klassischste: die Liebesgeschichte! Oder besser: Die Dreiecksbeziehung zwischen Jack Shepard, Kate Austen und James "Sawyer" Ford. Fünf Staffeln lang konnte sich Kate partout nicht für einen der beiden Männer entscheiden, nun wird sie es wohl endlich müssen - wenn man davon ausgeht, dass "Lost" in diesem Plotpunkt den Regeln des Storytellings in Film und Fernsehen folgt und es am Ende ein Happy End der Zweisamkeit geben soll. Wer weiß? Es gibt zwei Möglichkeiten, wie die Romanze ausgeht:

Kate entscheidet sich für Jack: Die klassische Hollywoodvariante. Jack ist der Held und die Hauptperson der Serie. "Lost" beginnt am Strand nach dem Absturz auf der Insel mit ihm, vieles spricht also dafür, dass er auch am Ende der sechsten Staffel derjenige sein wird, der moralisch die Oberhand behält, alles zum Guten wendet und zur Belohnung die Frau bekommt. Vergessen wir nicht: Jack ist Arzt, also eine archetypisch gute Figur. Trotz dunkler Abgründe in seiner Seele (Leiden unter dem übermächtigen Vater, Drogensucht, er verwehrt dem jungen Benjamin Linus die lebensrettende Operation) ist er stets der "good guy" der Serie geblieben, der wegen seines verbohrten, nicht immer altruistischen Gutmenschentums zuweilen auch enervierende Apostel des Richtigmachens.

Jack Shepard ist, wie sein Name schon sagt, "der gute Hirte" der Überlebenden auf der Insel. Folgerichtig versucht er im Jahre 1977, am Ende der fünften Staffel, den Energieausbruch unterhalb der "Swan"-Station zu verhindern, um dadurch möglicherweise auch den Absturz von Oceanic Flug 815 aus der Zukunft zu tilgen. Für Kate, die gesuchte Verbrecherin, wäre eine dauerhafte Liaison mit Jack wie eine Katharsis, die Reinwaschung von all ihren Sünden und der Aufbruch in ein neues, unschuldiges Leben. Das ist schön, aber auch ein bisschen langweilig.

Kate entscheidet sich für Sawyer: Im Gegensatz zum moralisch integren Langweiler Jack umweht Sawyer der Ruch des Amoralischen, des Abenteurers. Nicht umsonst stand wohl Tom Sawyer, Mark Twains berühmter Poser und Draufgänger, Pate für seine Namensgebung. Mit ihm kann sich der gefallene Engel Kate naturgemäß besser identifizieren als mit Jack, zu dessen hoher Moral sie aufschauen muss. Mit Sawyer wähnt sie sich auf Augenhöhe, er hat Verständnis für ihre charakterlichen Schwächen, es sind auch seine eigenen.

Zwischen Jack und Sawyer zu entscheiden, heißt für Kate, zwischen Engel oder Teufel zu wählen, und was, vom Standpunkt der Wollust und Reizhaftigkeit gesehen, ist attraktiver als das Böse? Doch Sawyer ist kein durch und durch verdorbener Bösewicht, sondern ein mit sich und der Welt unversöhnter Gauner, der bereit ist, sein Schicksal zu wenden.

In der fünften Staffel bietet sich für ihn die Chance für einen Neuanfang, die er willig ergreift: 1977 erneut auf der Insel gestrandet, nimmt er bei der Dharma Initiative die Rolle eines Vorarbeiters ein, verliebt sich in Juliet und führt mit ihr eine Art Ehe. Bis Jack und die anderen, darunter Kate, auftauchen und alles wieder von vorne losgeht: Bei Kate werden beide Männer, Jack wie Sawyer, immer wieder schwach und werfen ihre guten Vorsätze über den Haufen. Manchmal widerwillig, wie in der fünften Staffel zu sehen, ist, nachdem sich Sawyer und Juliet in das U-Boot der Dharma Initiative gerettet haben und 1977 in Los Angeles neu anfangen wollen.

Doch dann kommt in letzter Sekunde Kate dazu - und Sawyers gequälter Gesichtsausdruck spricht Bände. Während Jack in Kate das gefallene Mädchen sieht, das seinen Helferinstinkt weckt, betrachtet Sawyer sie vorrangig als Objekt der Begierde, das ihn immer und immer wieder in Schwierigkeiten bringt.

Zu lösen ist dieses Love Triangle möglicherweise nur durch schmerzhafte Maßnahmen. Sprich: Einer der beiden Männer muss sterben. Kommt Jack in der sechsten Staffel auf seiner Mission, Insel und Überlebende zu retten, um, gibt es für Sawyer und Kate die Möglichkeit, ihre moralischen Unzulänglichkeiten gemeinsam auszugleichen, vielleicht sogar als Reverenz an Jack, der als Erlöserfigur der Serie auch nach seinem Tod metaphysischer Bestandteil dieser Liaison bliebe. Stirbt Sawyer, wird es wahrscheinlich in einem heroischen Akt der romantischen Selbstaufopferung geschehen, beispielsweise um Kate vor dem Tod zu retten. Da Sawyer aber innerhalb der Serie der sympathischere, da tragische Held ist, kann er seine Sünden damit tilgen, bekommt aber nicht die Frau.

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