Serien-Meisterwerk »Station Eleven« Was bleibt, wenn die Welt zusammenbricht?

Inmitten einer Pandemie eine Serie über eine Pandemie – muss das sein? Wenn sie so gut ist wie »Station Eleven«, dann unbedingt.
Welches Ziel verfolgt der undurchsichtige Tyler (Daniel Zovatto)?

Welches Ziel verfolgt der undurchsichtige Tyler (Daniel Zovatto)?

Foto: HBO Max/ The Hollywood Archive / Picturelux / IMAGO

Dieser Artikel gehört zum Angebot von SPIEGEL+. Sie können ihn auch ohne Abonnement lesen, weil er Ihnen geschenkt wurde.

Man kann es für einen schlechten Scherz halten, inmitten einer Pandemie eine Serie über eine Pandemie zu starten, die wesentlich drastischere Folgen hat als die, unter der die Menschheit in der Realität leidet.

Man könnte sogar vermuten, dass die Macher auf zynische Weise profitieren wollen von der Weltlage, dass sie auf sensationslüsterne oder masochistisch veranlagte Zuschauer hoffen.

Dagegen spricht vor allem dieses Argument: Eine ergreifendere, wahrhaftigere und erfindungsreichere Serie als »Station Eleven« dürfte in diesem Jahr schwer zu finden sein. Und daneben die Tatsache, dass die Dreharbeiten zu der HBO-Max-Produktion im Juni 2019 begannen, also Monate vor Ausbruch der echten Pandemie.

20 Jahre nach dem Untergang der Zivilisation: Kirsten (Mackenzie Davis) hat sich der Kunst verschrieben

20 Jahre nach dem Untergang der Zivilisation: Kirsten (Mackenzie Davis) hat sich der Kunst verschrieben

Foto: HBO Max/ The Hollywood Archive / Picturelux / IMAGO

Die zehn Teile erzählen vom Ende der Zivilisation, wie wir sie kennen. Sie versucht, das Undenkbare zu denken, es sich vorzustellen, es auszumalen. Aber sie kommt dabei ohne den Fantasy-Budenzauber aus, den Stephen King in seiner Endzeit-Saga »The Stand« betrieb (wurde auch kürzlich als Serie neu verfilmt).

Es geht hier auch nicht um Over-the-Top-Action wie bei »Mad Max«. »Station Eleven« funktioniert eher so, als würde die Geschichte von der anderen Seite der Dystopie, von jenseits des Kollapses zu uns herüberschauen; sehnsüchtig und traurig, aber auch verwundert und befremdet. Sie zeigt den unermesslichen Verlust und die verschlungenen Wege, auf denen es weitergehen könnte.

Diese Serie nutzt eine Geschichte vom Zusammenbruch, um grundsätzliche Fragen zu stellen: Was verlieren wir, wenn alles zu Ende geht? Was brauchen die, die weiterleben, zum Überleben? Und was macht den Menschen zum Menschen, jenseits biologischer Merkmale?

Dazu nimmt der Serienmacher Patrick Somerville, der schon früher an der fantastischen HBO-Weltende-Serie »The Leftovers« mitarbeitete, das Publikum mit auf eine epische Reise. Die beginnt im Jahr 2020, als eine tödliche Variante der Grippe einen Großteil der Menschheit auslöscht, und führt 20 Jahre in die Zukunft, als eine versprengte Gruppe von Männern und Frauen um die Großen Seen bei Chicago tourt und Shakespeare-Stücke aufführt.

Die Reiseroute allerdings ist keine gerade Linie, im Gegenteil: Sie beschreibt eine ständige Zickzackbewegung, und stellenweise kommt es dem Zuschauer so vor, als habe er sich in all der Schönheit und dem Schrecken völlig verlaufen.

Ausgangspunkt der Geschichte ist eine Bühne in Chicago, auf der der Filmstar Arthur Leander (Gael García Bernal) während einer Aufführung von »König Lear« einen theatralischen Tod erleidet. Kurz darauf setzt ein weitaus größeres Sterben ein, und zunächst zusammenhanglos wirkende Bilder zeigen, wie das Theater 20 Jahre später aussieht: Grünpflanzen brechen durch den roten Samtbezug der Stühle, eine Rotte glücklicher Hausschweine hat es sich zwischen den Stuhlreihen bequem gemacht. Dass die Zivilisation untergegangen ist, bedeutet nicht für alle Erdbewohner eine Katastrophe.

Für Kirsten schon. Die Achtjährige (Matilda Lawler) wirkte bei der Theaterproduktion mit, sie bewunderte Arthur, und nun ist sie allein in dem Chaos, das ausbricht. Der Zufall würfelt sie mit dem freundlichen Jeevan (Himesh Patel) zusammen, der verspricht, sie nach Hause zu begleiten. Dort ist allerdings niemand, und die beiden landen mit einem Haufen hastig eingekaufter Lebensmittel in der Wohnung von Jeevans Bruder, der in einem Hochhaus lebt. Hinter den Panoramafenstern beobachten sie, wie ein Flugzeug mitten in Chicago abstürzt und die Welt, wie sie sie kannten, untergeht.

Damit ist dann Schluss mit einer zumindest rudimentär linearen Erzählweise. Aus Vor- und Rückblenden, Auslassungen, Figuren, die sich zunächst nicht einordnen lassen, scheinbaren Nebenschauplätzen und immer feineren Verästelungen legt Somerville ein Mosaik, das erst nach und nach ein Bild erkennen lässt.

Das berührt allerdings umso stärker, weil es eine ständige Gegenwart kreiert, in der die Trauer um den Verlust allgegenwärtig ist, in der das Davor und Danach zu einem ständigen Jetzt verschmelzen. Das Gefühl, wenn in dieser so emotionalen Geschichte ein Mosaikstein an die richtige Stelle rückt und die Zusammenhänge klar werden, lässt sich nur als überwältigend beschreiben.

Ist die Kultur systemrelevant?

Selten wurden so radikal und so ergreifend wie in »Station Eleven« die dramaturgischen Mittel ausgeschöpft, die die episodenhafte Erzählweise der Serie zur Verfügung stellt und die Unmittelbarkeit des Films verschränkt mit der reflektierenden Poesie des Romans. Gleichwohl emanzipiert sich Somerville von der gleichnamigen Romanvorlage von Emily St. John Mandel, seine Version der Geschichte ist vor allem am Ende noch emotionaler.

Der Titel »Station Eleven« bezieht sich auf ein Comic, von dem nur wenige Exemplare existieren und das für einige Figuren die Welt bedeutet, nachdem die Welt untergegangen ist. Das ist der rote Faden dieser Erzählung: wie (über-)lebenswichtig die Kraft von Poesie und Fantasie ist, wenn alles andere zusammenbricht und der Lärm der modernen Welt verstummt. Ob die Kultur systemrelevant ist – diese Frage stellt sich nicht mehr, wenn das System verschwindet. In »Station Eleven« ist Kultur einfach das: der Kern des Menschseins.

Zu sehen bei dem Streamingdienst Starzplay (über App oder Amazon Channels)

Die Wiedergabe wurde unterbrochen.