Raab-Rückzug Die Killerplauze macht Platz

Stefan Raab hat das Metafernsehen hoffähig und die Häme zu einer Geisteshaltung gemacht. Doch den lustigen Kindskopf hat ihm schon länger keiner mehr abgenommen - er geht zum richtigen Zeitpunkt.

Stefan Raab vor dem Kanzlerkandidaten-Duell 2013
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Stefan Raab vor dem Kanzlerkandidaten-Duell 2013

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Stefan Raab kommt nicht aus der Metzgerei, auch wenn ihm das mit pikiertem Vegetarierdünkel immer wieder nachgetragen wird. Stefan Raab kommt vom Musikfernsehen, wo er ebenfalls eine Gesellenprüfung abgelegt hat. Mit "sehr gut", versteht sich. In den Neunzigerjahren waren Viva oder MTV für kurze Zeit ein anarchischer Spielplatz für allerlei Knalltüten. Rückblickend wirken sie eher wie konkurrierende Akademien für kommende Talente - siehe Makatsch, siehe Ulmen, siehe Raab.

Der hatte sich damals bereits selbstständig gemacht und betrieb einen schwunghaften Handel mit Jingles, die er in seiner Dachgeschosswohnung produzierte. Beim Versuch, Viva seine kleinen Musikstückchen zu verkaufen, fiel er dem Aufnahmeleiter Marcus Wolter auf und rutschte so eher versehentlich vor die Kamera. Kein Fernsehgesicht, aber ein geborener Unterhalter, und als solcher ein "homo novus". Ein Emporkömmling oder zumindest ein Nachrücker, der Ende der Neunzigerjahre bei der Produktionsfirma Brainpool die Lücke füllte, die Harald Schmidt hinterlassen hatte. Die Spaßvögel von Brainpool und der Spaßvogel von Viva gründeten gemeinsam die Firma Metzger Raab TV und verkauften ProSieben, was im Grunde nur ein Spin-off der "Harald-Schmidt-Show" war: "TV Total".

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Raabs Karriere in Bildern: Metzger, Musiker, Moderator
Darin geschah zunächst kaum mehr, als dass ein eher ungeschlachter Typ mit mindestens einer Hand in der Hosentasche feixend Ausschnitte präsentierte, die er anderswo gesichtet haben wollte: "Schau'n Se mal hier, habe ich bei der ARD gesehen!" Und es war, als hätte der Zuschauer nur auf jemanden wie sich selbst gewartet, einen lässigen Dilettanten, der seine Plauze selbstbewusst "Killerplauze" nennt, und ihm das Fernsehen abnimmt, indem er ihm wie ein aufgekratzter Partygast die Höhepunkte und - noch besser! - Tiefpunkte des Programms mundgerecht serviert. Häme wurde hoffähig, war ja alles nur Spaß, und der Marktanteil in der "werberelevanten Zielgruppe" lag bald bei fast 50 Prozent.

Der Affe am Drücker

Schnell wurde Raab zum Zentralgestirn seines eigenen Kosmos. Ein alberner Sonnenkönig, dessen Strahlen adeln oder vernichten konnten. Er drückte nicht nur auf Knöpfchen mit Tonspuren, er war buchstäblich am Drücker. Dabei war er nicht gut oder böse, sondern einfach nur "lustig", wie ein kumpelhafter Rempler mit dem Ellenbogen. Damit erfand Raab das affirmative Metafernsehen. Was auch immer er vorführte, alles war "wow" beziehungsweise "sensationell". Bleiben Sie dran! Nach der Werbung geht's weiter mit peinlichen Sachen, die anderen Leuten passiert sind! Zwar machte er sich aus freien Stücken auch gerne selbst zum Affen. Aber dann war er noch immer der Affe am Drücker.

Mit seinem Sender verfuhr Raab bald wie der junge Napoleon mit Frankreich, führte ihn in immer weitere und stets siegreiche Unternehmungen auf dem Schlachtfeld des Blödsinns. Formate wie die "Wok-WM", das "TV Total Turmspringen" oder "Schlag den Raab" waren im Grunde clevere Persiflagen auf die hergebrachte Abendunterhaltung und zugleich ziemlich simple Diversifizierungen des immergleichen Produkts: Raab. Raab als volkstümlicher Matador, als Hansdampf mit vollem Körpereinsatz, der sich notfalls auch von einer Boxweltmeisterin verprügeln lässt - das Veilchen trug er wie einen Orden seiner eigenen Originalität.

Zuletzt verwandelte er mit seiner freundlichen Übernahme des "Eurovision Song Contest" auch noch eine Veranstaltung von vorgestern in ein Event von gestern. Der Sieg von Lena Meyer-Landrut führte Raab endgültig aufs staatstragende Parkett - eine Rolle, die er mit Sendungen wie "Absolute Mehrheit" oder seiner Moderatorenrolle im TV-Duell zwischen Angela Merkel und Peer Steinbrück anzunehmen versuchte. Ausfüllen oder wenigstens mit Sinn füllen konnte er sie nicht.

Erhalten bleiben wird bestenfalls der Geschäftsmann

Zuletzt saßen ihm jüngere "neue Männer" im Nacken. Keine Frauen, wie immer. Dafür Leute wie Joko, Klaas oder Böhmermann, die sich ihr Handwerk zu guten Teilen bei Raab abgeschaut hatten, wie Raab seinerzeit bei Carrell oder Schmidt. Dass er sich durch die neckischen Scherze seiner hungrigeren Konkurrenz nicht einmal mehr zum Tänzchen aufgefordert fühlte, war nur ein Zeichen seiner Ermüdung - seine Performance bei "TV Total" war ein anderes. Das Unvorbereitete wirkte schon lange nicht mehr lässig, nur noch unvorbereitet. Und seinem bisweilen nassforschen Desinteresse war anzumerken, dass sich dahinter die Verachtung eines Emporkömmlings verbirgt, der es längst an alle langen Hebel geschafft und sich dort häuslich eingerichtet hat.

Möglich, dass sich diese Verachtung am Ende auch auf seine eigenen Zuschauer erstreckt hat. In seiner offiziellen Abschiedserklärung bedankt Raab sich bei aller Welt - nur nicht, wie das ein Entertainer doch tun sollte, bei seinem Publikum.

Es tritt womöglich nur der Teil von ihm ab, an dem man sich längst sattgesehen hatte. Der Kindskopf, den man ihm ohnehin nicht mehr abnahm. Erhalten bleiben wird bestenfalls der Geschäftsmann, möglicherweise als Duschkopfproduzent, schlimmstenfalls der Privatier mit Insel in der Karibik.

Mit etwas Glück bleibt seinen Fans sogar der Musiker. Der Rückzug jedenfalls verrät ein intaktes Gespür fürs Timing.



insgesamt 79 Beiträge
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Meskiagkasher 18.06.2015
1. Hoffnung.
Es ist immer schön, wenn sich die Möglichkeit ergibt triviale Unterschichtenunterhaltung durch etwas medial wertvolles zu ersetzen. Leider ist das von diesem Sender nicht zu erwarten, aber man soll die Hoffnung ja nicht aufgeben...
neerjo.sieker07 18.06.2015
2. Den Nagel auf den Kopf getroffen...
Janette nicht besser umschrieben werden koennen, well done. Best regards Neerjo
tkedm 18.06.2015
3.
Emporkömmlinge? An Joko & Klaas hat sich das Publikum doch schon jetzt, nach kurzer Zeit, satt gesehen. Und Böhmermann bleibt Böhmermann, nämlich Nische. Nein, Raab braucht keine Angst vor einem "Stuhlabsäger" zu haben, da ist weit und breit nichts in Sicht.
sissy69 18.06.2015
4. Genug!!!!
Der wievielte Artikel ist das heute hierzu? Ist der Mann gestorben? Nein, er macht kein Fernsehen mehr auf dem einem Sender und ist bald auf einem anderen zu sehen. That's all.
brendan33 18.06.2015
5. kaum 20 Stunden nach dem Rückzug...
...erscheint bei SPON der ultimative Nachruf auf 20 Jahre Raab. Alles ist untergebracht, alles perfekt durchleuchtet, alles durch und durch durchanalysiert. Was schreibt ihr denn, wenn in einigen Tagen rauskommt, warum die Ehe mit Pro7 zerbrochen ist und warum er nun doch bei RTL weitermacht. Dann muss wieder Augstein auf SPON beklagen, dass zu schnell geurteilt wird.
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