RTL-Kochshow im Gefängnis Henssler und die harten Kerle

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TV-Koch Steffen Henssler will ein paar schwere Jungs zu Hilfskräften für das Gefängnisbistro ausbilden. In der ersten Folge von "Henssler hinter Gittern" gab's Pfannkuchen, Spaghetti - und Anzeichen, dass es interessant werden könnte.

Schließlich ist eine Justizvollzugsanstalt keine Wellness-Oase. "Henssler hinter Gittern" nimmt sich sehr viel Zeit, diese verblüffende Erkenntnis auch dem Zuschauer nahezubringen. Henssler muss seine Habseligkeiten abgeben und versuchsweise auf den Spiegel zur Leibesvisitation steigen. "Tanz auf dem Vulkan" nennen das die Beamten, bevor sie ihn weiter durch die Anstalt führen.

Zellen. Sicherheitszellen. Und Hochsicherheitszellen mit Pritschen, auf denen die entsprechenden Kandidaten festgeschnallt werden können, wenn's denn sein muss. Mit gedämpfter Stimme sagt Henssler in die Kamera, wie er das alles findet ("Ist echt so, wie man sich das vorstellt!") und wie spannend die Aufgabe ist, auf dieser Bühne so etwas wie ein funktionierendes "Team" zu rekrutieren. Zumal ihm zunächst ein wenig mulmig ist, wenn die Zellen aufgeschlossen werden: "Das ist schon krass, wenn die Türen aufgehen und die Jungs rauskommen, die gucken dann auch so."

Miterzählt wird aber auch das Credo des humanen Strafvollzugs, die Wiedereingliederung der Gefangenen in die Gesellschaft. Dazu will Henssler, der "nicht zum Spaß hier" ist, sein leckeres Teilchen beitragen. Unter mehr als 700 Gefangenen fanden sich immerhin elf, denen die Arbeit mit dem Prominenten in der Knastkantine sinnvoller erschien als das Herumlungern auf der Pritsche.

Es ist eine verwegen inszenierte Gruppe gepiercter und halstätowierter Stiernacken und Drogenwracks, die ihre Situation illusionslos reflektieren: "Im Grunde ist das eine Schmiede für Schwerstkriminelle. Man fragt sich so: Was hast du gemacht? Und fragt sich dann natürlich selbst: Wie könnte ich das besser machen?" Der betreffende Häftling hat auch schon "Pläne", die er aber "hier jetzt nicht öffentlich machen möchte" - und wird als Erster von der Fahne gehen.

Der Unauffälligste und am nettesten Lächelnde ist ein Vietnamese, der 2007 an einem siebenfachen Mord in Sittensen beteiligt war. Das Gemetzel fand seinerzeit in einem China-Restaurant statt - was natürlich einen unangenehmen Hautgout hat, der Mahlzeit aber einen gewissen Gruselfaktor verleiht.

Hier schickt RTL einen harten Jungen zu noch wesentlich härteren Jungs, auf dass er ihnen zupackend und kumpelig Wege aus dem Elend weise. Wie überhaupt das Privatfernsehen nach der "Unterschicht" nun im Justizvollzug den "Bodensatz der Unterschicht" entdeckt zu haben scheint - und diese Entdeckung mit dem bekanntlich auch schon leicht abgestandenen Konzept der Kochshow verbindet. Wo doch der gemeinschaftlichen Zubereitung von Mahlzeiten längst eine zivilisatorische Wirkung beigemessen wird. Warum nicht auch im Knast? Ein resozialisierendes Risotto, das wär's.

Da stellen sich dann rührende Szenen ein wie jene, in der ein Häftling seine erstaunte Freude darüber kaum verbergen kann, von Henssler für seinen Pfannkuchen gelobt zu werden - und man durchdringt, dass dieser Mensch in seinem Leben wohl wirklich nur selten gelobt worden sein dürfte.

Es wird sich noch zeigen müssen, ob das Format aus seinem pflichtschuldig menschelnden Anspruch ein gewisses Kapital schlagen kann. Oder ob der eher handelsüblich denunziatorische Voyeurismus die Oberhand behält. Wofür leider auch einiges spricht. So auch, wenn Henssler vertraulich einräumt, in der Küche, wo die Messer liegen, selbst ganz gerne bewaffnet zu sein: "Für mein eigenes Gefühl, da hätte ich schon gerne was in der Hand, wenn's losgeht."

Als es dann losgeht in der Küche, nimmt nur die Kamera die Reihe blanker Küchenmesser mit dem liebevollen Interesse eines irren Serienkillers in Augenschein. Während die Häftlinge nur darum bemüht sind, sich nicht zu schneiden. Messer eben. "Schon mal benutzt?", fragt Henssler. "Ja, nur zum Stechen!", lautet die dumme Antwort auf eine dumme Frage. Und das "Stechen" läuft dann als Echo weiter, niederfrequent verzerrt und mit ganz viel bedrohlichem Hall, wie in einem Thriller von Martin Scorsese.



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17 Leserkommentare
geschmacksverirrung 14.07.2014
Basiscreme 14.07.2014
mischpot 15.07.2014
noalk 15.07.2014
7ty7 15.07.2014
ferdi111 15.07.2014
tommit 15.07.2014
daldner 15.07.2014
wernichtwill 15.07.2014
haraldhenn 15.07.2014
weserwasser 15.07.2014
ornitologe 15.07.2014
DMenakker 15.07.2014
kriminal3 16.07.2014
stelzenlaeufer 16.07.2014
ctwalt 20.07.2014
veraku 21.07.2014

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