SPD-Spitzenkandidat bei Illner Mehr Genosse Peer

Kanzler werden: Will er das wirklich, so richtig? Ein Solo-Auftritt im TV-Talk von Maybrit Illner gab Peer Steinbrück die Chance, seine Entschlossenheit zu demonstrieren. Doch der SPD-Kandidat wirkte, als schreibe jemand anderes seine Antworten vor.

ZDF

Es war die Stunde des Kandidaten, aber es war wohl nicht ganz sein Tag. Und im Nachhinein drängt sich die Frage auf, ob es diesen Moment, da alles passt, überhaupt je geben wird. Denn irgendwie fügt sich Peer Steinbrücks Solo-Auftritt bei Maybrit Illner in jenes Bild, das die Sozialdemokraten in diesem Wahljahrssommer des oppositionellen Missvergnügens bieten.

Statt sich als überzeugende Alternative zu einer wahrlich schwachen Regierung zu präsentieren, die überdies durch eigenes Versagen regelmäßig reichlich Steilvorlagen liefert, scheint diese Partei von einer seltsamen inneren Lähmung befallen zu sein.

Es wird mehr verteidigt und gerechtfertigt als angegriffen, so als seien die Zweifel, ob Kanzlerkandidat, Programm und Kompetenzteam tatsächlich kompatibel sind, einfach nicht auszuräumen. Entsprechend deprimierend sind die Umfragewerte. Und entsprechend viel zu erklären hat der Kandidat, der Auskunft auf Frau Illners Frage geben soll: "Wie wollen Sie Kanzler werden, Herr Steinbrück?"

Aber will er das wirklich? Steinbrück erweckt eher den Eindruck, als habe er sich in etwas Unvermeidliches geschickt und absolviere nun ein Pflichtprogramm bis zum leidigen Ende.

Agenda-Politik: Steinbrück muss sie richtig finden und kritisieren

Anstelle jenes Klartextes, mit dem er sich einst im Zuge seiner Kür Aufmerksamkeit verschaffen konnte, verwendet er nun Text, wie er zum Genossen Peer passt und nicht mehr zum kantigen Steinbrück, der der eigenen Partei auch schon mal die Leviten las. Und das wiederum tut er so, dass trotz seiner Beteuerung, er habe sich nicht verändert, sondern lediglich hinzugelernt, immer wieder der Verdacht genährt wird, es sei in Wirklichkeit nicht sein Text.

Wenn er nun in sozialpolitischer Hinsicht anders rede als früher, wie ihm die Moderatorin anhand von Zitaten vorhält, so habe das damit zu tun, dass sich die Zeiten eben geändert hätten infolge der Finanzkrise, behauptet er. Illners These von einem aktuell eher linken Zeitgeist nach den Jahren des Marktradikalismus mag er sich aber nicht zu eigen machen. Es gebe eine neue Strömung, "mehr wir, weniger ich", und es gehe nun um den inneren Zusammenhalt der Gesellschaft.

Konkret geht es allerdings für ihn um die nicht ganz leichte Aufgabe, die Agenda-Politik Gerhard Schröders, die ja die nach wie vor heikle Referenzgröße für den Bewusstseinszustand der Sozialdemokratie darstellt, gleichzeitig immer noch richtig finden und kritisieren zu müssen.

Steinbrück spricht von "einigen Fehljustierungen" vor allem auf dem Arbeitsmarkt mit seinem enorm gewachsenen Niedriglohnsektor. Und, sicher, es sei falsch gewesen, damals nicht gleich den Mindestlohn einzuführen. Zur Kompetenzteam-Berufung des Gewerkschaftsführers Klaus Wiesehügel, eines erklärten Agenda-Gegners, fällt ihm dann allerdings ein bemerkenswert knapper Kommentar ein: "Warum nicht?"

"Die kalte Hand des Sozialismus"

Es gibt auch zwecks Auflockerung des Dialogs ein paar Stimmen aus dem Volk. Eine davon gehört einer langjährigen SPD-Kommunalpolitikerin, die von Wiesehügel gar nichts hält, von Steinbrück aber auch nicht allzu viel, sondern lieber Sigmar Gabriel an seiner Stelle gehabt hätte.

Da sieht man kurz das Gesicht des Kandidaten in Großaufnahme - noch ein wenig schmallippiger als ohnehin oft an diesem Abend und erkennbar not amused. Auch ein mittelständischer Unternehmer kommt zu Wort, der Steinbrück zwar im Prinzip gut findet, ihn aber nicht wählen will wegen seiner Steuerpläne.

Und damit hat der Kandidat an einer anderen Verteidigungslinie Beschwichtigungsarbeit zu leisten. Er referiert, rückt zurecht ("95 Prozent sind davon nicht tangiert") und liefert dann ein veritables Versprechen: "Die SPD wird an der Unternehmensbesteuerung nichts ändern", verstärkt durch die an alte Steinbrück-Zeiten erinnernde Versicherung, "die kalte Hand des Sozialismus" werde da gewiss nicht zugreifen.

Und dann ist man bei dem dritten großen Themenfeld, dem Euro, seiner Rettung, der europäischen Integration, die "uns einiges wert sein sollte", wie der Kandidat mit einem leichten Anflug dessen fordert, was bei ihm wohl als Pathos zu gelten hat.

Noch viel mehr Hilfe für Krisenländer? "Gut möglich"

Er zitiert Willy Brandts Wort von den guten Nachbarn, welche die Deutschen zu sein hätten, damit es ihnen selbst gutgehen könne, findet einige kritische Worte zur Austeritätspolitik, muss sich dann aber von einem Volkswirtschaftsprofessor sagen lassen, dass sich die Programme von SPD und CDU zur Europapolitik praktisch nicht unterschieden.

Frau Illner versucht es mit einer Einladung zur Offensive. Ob denn die SPD nicht viel deutlicher sagen müsse, dass noch mehr Hilfe für die Krisenländer nötig sei? Die Antwort Steinbrücks: "Gut möglich." Möglich ist so manches.

Vermutlich lässt sich auch eine eigene, konturierte Oppositionspolitik etwas druckvoller formulieren. Vielleicht könnte jemandem, der Kanzler werden will, sogar noch etwas Unfreundlicheres zur Politik der Kanzlerin einfallen, als ihr nur relativ dezent anzukreiden, sie habe vier Jahre lang verwaltet und nicht regiert und leider kein eigenes Rentenkonzept.

Und es sollte auch möglich sein, die eigenen Machtambitionen eine Spur engagierter zu formulieren, als es der Kandidat bei diesem Auftritt nur ein einziges Mal, im Zusammenhang mit der Steuerpolitik, überhaupt tut: "Ich sehe ganz gute Voraussetzungen, mit den Grünen eine Regierung zu bilden, wenn denn das Fell des Bären verteilt wird."

Die Antwort auf die Frage, wie Herr Steinbrück Kanzler werden will, steht jedenfalls weiterhin aus.

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Seite 1
MütterchenMüh 14.06.2013
1. alles gesagt
Zitat von sysopAFPKanzler werden: Will er das wirklich, so richtig? Im TV-Talk von Maybrit Illner hatte Peer Steinbrück die Chance, mit einem Solo-Auftritt seine Entschlossenheit zu demonstrieren. Doch der SDP-Kandidat wirkte, als schreibe jemand anderes seine Antworten vor. http://www.spiegel.de/kultur/tv/steinbrueck-bei-illner-solo-auftritt-fuer-spd-kandidat-a-905659.html
.."Mehr Hilfe für die Krisenländer gut möglich.............." Dies bedeutet früher oder später die Beteiligung des Sparers und/oder Steuerzahlers. Eine Antwort die mir gar nicht passt. Goodbye ....................!
Progressor 14.06.2013
2. Woran liegt Steinbrücks Missmutigkeit?
Er hat von hohen Genossen gesteckt bekommen, dass falls es nach der Bundetagswahl für Rot-Grün nicht reicht, es eben Rot-rot-Grün sein muss. Auf seine Antwort "Ohne mich!" kam ein "Aber sicher!".
kaiserbubu1 14.06.2013
3. Wie im richtigen Leben
Das Steinbrück nicht funktioniert als Wahlhelfer der SPD war doch klar. Aus diesem Grund hat der bürgerliche Mainstream in ja gefordert, gefördert und jetzt sanktioniert. Wie im richtigen Leben. Steinbrück hat jede Wahl verloren. So lange die SPD weiter an die Agenda Lüge glaubt und den vergifteten Applaus aus der Mitte erhält ist sie schlechter wie das Original aus Union und FDP. Keiner brauch diese Partei mit diesen Funktionären, die sich als Totengräber der Sozialdemokratie erwiesen haben.
wqa 14.06.2013
4.
Zitat von sysopAFPKanzler werden: Will er das wirklich, so richtig? Im TV-Talk von Maybrit Illner hatte Peer Steinbrück die Chance, mit einem Solo-Auftritt seine Entschlossenheit zu demonstrieren. Doch der SDP-Kandidat wirkte, als schreibe jemand anderes seine Antworten vor. http://www.spiegel.de/kultur/tv/steinbrueck-bei-illner-solo-auftritt-fuer-spd-kandidat-a-905659.html
Finde ich nicht. Er redet einfach zu schnell. Da kommt der eine oder andere, offensichtlich auch ihr Redakteur, nicht mit.
alfred.nicklaus 14.06.2013
5. Merkels Lieblingsminister
Merkel muss mit Schäuble mehr ringen, als sie das je mit Peer Steinbrueck musste. Der gibt sich gerne kantig. Nach Berlin kam er aber nur, weil er in NRW gegen Rüttgers verloren hatte. Dort gab er Mamas Liebling. Und "Kanzlerkandidat" ist er nur, weil die anderen von der ehemaligen Volkspartei noch weniger Chancen hätten. .. So ist es wie bei der SPD immer: vor der Wahl links blinken...danach Hartz-Gesetze, Riester Rente, Förderung der Hedge-Fonds. ..
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