Dritte Staffel von "Stranger Things" Monster sind schlimm, die Pubertät aber auch!

Netflix-Aushängeschild, Zeitreise in die Achtziger: "Stranger Things" ist zurück. Mit groß gewordenen Stars, mehr Horror - und noch viel mehr Schleichwerbung. Ist trotzdem aber ein großer Spaß.

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Liebe "Stranger Things"-Freunde, Sie hatten einen Trip in die Eighties gebucht? Bitte hier entlang, alle sind wieder versammelt: Eleven und ihre Nerd-Bande, Sheriff Hopper und Mama Joyce Buyers, Coke, Burger King, Schulterpolster, toupierte Haare, "Miami Vice" und "Never Ending Story", "Terminator" und "Aliens".

Die ganzen wohlfühlweichen, nach rosa Zuckerwatte duftenden und wie Synthie-Pop klingelnden Achtzigerjahre eben, in die man sich beim Sehen von "Stranger Things" verguckt, ob man das Jahrzehnt selbst durchlebt hat oder Limahl für einen Haushaltsreiniger hält; diese Welt, die so fein säuberlich unterteilt ist in Gut und Böse, in Hawkins und Upside Down, in schlaue Kinder und Erwachsene ohne Schimmer. Die dritte Staffel von "Stranger Things" blättert das alles auf wie ein großes Geschichtenbuch, in dem man versinken möchte.

Wirklich tauschen würde man mit den Kids von "Stranger Things" natürlich nicht gern. Das Grauen fernzuhalten, verlangte ihnen schon immer alles ab. Jetzt, in Staffel 3, wird der Kampf noch blutiger, der Einsatz ist höher. Denn das Böse muss nicht mehr durch ein Portal aus einer Parallelwelt einbrechen. Es hat sich schon in der Kleinstadt Hawkins in Indiana eingenistet. Und es wird schnell stärker.

Kein Wunder, dass die Dinge komplizierter werden. Mag ja sein, dass die Achtziger-Nostalgiewelle mittlerweile länger andauert als die Achtziger selbst, aber innerhalb der Erzählwelt von "Stranger Things" bleibt die Zeit deshalb nicht stehen. Mittlerweile ist die Geschichte im Jahr 1985 angekommen, nicht an Halloween diesmal, sondern im Sommer dieses Jahres, kurz vor dem Amerikanischen Unabhängigkeitstag am 4. Juli.

Und die Kinder von Hawkins haben sich verwandelt. Nicht in Monster, das nicht, aber in etwas Ähnliches: in Teenies. Die Körper in die Länge geschossen, die Gesichter in einem Morphingprozess begriffen, der noch nicht abgeschlossen ist, unfertig, irgendwo zwischen niedlich und ein bisschen gruselig.

Angsteinflößend unklare Teenager-Regeln

Entsprechend ändern sich die Probleme und Dynamiken. Die Jungsbande aus Mike, Dustin, Lucas und Will droht zu zerbrechen, weil die alten nerdigen Kinderspiele keinen Spaß mehr machen, auf das neue Spiel mit den Mädchen aber nicht alle Lust haben und die Regeln angsteinflößend unklar erscheinen. Wobei es wieder die Erwachsenen sind, die am wenigsten Ahnung haben, sich etwa Hopper (David Harbour) sowohl im Umgang mit dem schwer verliebten Paar Eleven und Mike als auch bei Flirtversuchen mit Joyce (Winona Ryder) erneut als emotionaler Trampel erweist.

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"Stranger Things": Der Horror der Adoleszenz

Die dritte Staffel walzt diese Liebeshändel und -tändel in den ersten drei Episoden breit aus, leider aber ohne jeden Anflug von Originalität. Hier zeigt sich, dass das Netz aus erzählerischen Versatzstücken und Popreferenzen an die Achtziger, das die Erfinder der Serie in ihrer Serie auswerfen, die Erzählung auch zum Stillstand bringen kann. Fast schon verzweifelt schicken die Duffer-Brüder einen Hit nach dem anderen ins Rennen, jede Szene mit "Material Girl", "I Just Died In Your Arms" oder "Cold As Ice" unterlegt. Aber auch das bringt die Handlung nicht auf Trab. "Stranger Things", so die Befürchtung, implodiert in der dritten Staffel wie die Blase eines Hubba-Bubba-Kaugummis.

Bis sich das Böse endlich immer vernehmlicher Gehör verschafft und dafür sorgt, dass sich doch noch etwas rührt. Die Teenie-Soap wird recht unvermittelt zum Horror-Spektakel mit überraschend vielgestaltigen Ekeleffekten. Der Reverenzrahmen erweitert sich ganz entscheidend um George A. Romeros Zombie-Klassiker "Day of the Dead" und seine kulturkritischen Implikationen, und der Kalte Krieg, bisher komplett abwesend aus der Serienwelt, schwingt im Hintergrund mit.

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Nicht, dass die Duffers es sonderlich ernst damit meinten. Verweise auf die Wiederwahl von Ronald Reagan 1984 in der zweiten Staffel führten auch schon nicht zu großen, politischen Schlussfolgerungen. Auch die reale und permanente Bedrohung durch zwei Machtblöcke wird in den neuen Folgen "Stranger Things" nur zu einer weiteren Erzählfarbe.

Der Vollwaschgang der Ironie läuft eben auch in Staffel Drei auf Hochtouren und sorgt dafür, dass alles angesprochen werden kann, aber nichts wirklich Konsequenz hat. Klassenunterschiede, Emanzipation, bestechliche Politiker, die Verlogenheit des amerikanischen Traums, das alles scheint auf und verglimmt wieder. Zynisch wird das, wenn Kapitalismuskritik formuliert und gleich darauf wieder ins System eingespeist wird: Das Ausmaß an Schleichwerbung ist atemberaubend. Aber hey, ist doch alles nur Zitat!

Allerdings macht die Ironiemaschine der Duffer-Brüder dann halt, wenn es um menschliche Beziehungen geht. Nicht um das Liebes-Einerlei der ersten drei Folgen, sondern um tiefer liegende Schichten: Verlustängste, Traumata, die Sehnsucht nach Geborgenheit und Zugehörigkeit. Das ist entscheidend für den Erfolg dieser Serie, weil es für einen echten emotionalen Anker sorgt.

Also samplen die Duffers auch den Humanismus und die Sentimentalität, die vielen Filmen der Achtziger zugrunde liegt, unter all den Oberflächeneffekten. Sie machen das aber so geschickt, dass der Kitsch, der aus vielen Filmen von Spielberg und anderen quoll, draußen bleiben muss. Leben kann nur gelingen, wenn Menschen aufeinander achtgeben. Mit dieser Botschaft ist es "Stranger Things" dann wirklich ernst. Ganz ohne Ironie.

Ab 4. Juli auf Netflix.



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spon_5711341 03.07.2019
1. Null Problemo!
Wir schauen Stranger Things mit unseren Teenie-Kindern zusammen und aus meiner Sicht ist es kein Problem, dass bestimmte Fragestellungen nur angerissen werden. Wenn unsere Kinder dann hinterher fragen: Wie war das eigentlich damals mit dem kalten Krieg oder warum machen die Leute in der Folge dieses oder jenes, dann gibt mir das genau den Aufhänger, aus den 80ern zu erzählen, den ich ohne Stranger Things eben nicht hätte. Auf diese Weise bleibt man auch mit Teenagern im Gespräch und kann eben Geschichte vermitteln ohne Gefahr zu laufen, dass es belehrend wirkt. Ganz am Rande: an unserem Gymnasium gibt es seit 5 Jahren eine Dungeons and Dragons-Rollenspielgruppe, in der auch meine Kinder mitspielen. Wenn sich nur mehr Leute zum "Mastern" finden würden, gäbe es Nachfrage für 3-4 Pen&Paper-Rollenspielgruppen. So gibt es freie Plätze eben nur, wenn jemand aufhört - was nur durch Abitur passiert. Allerdings spielt man heutzutage D&D Edition 3.5 oder 4. In jedem Fall finden sie es obercool, dass sie etwas spielen, was in Stranger Things vorkommt. Manchmal denke ich, so viel hat sich gar nicht geändert, wenn sie für die Dauer des Rollenspiels ihre Handies vergessen und ums richtige Würfelergebnis zittern.
benmartin70 04.07.2019
2.
Ich freu mich drauf. Wenn die ersten drei Folgen eher langatmig sind ist das natürlich nicht so klasse, aber wahrscheinlich sind die dann immer noch besser als das meiste was sonst so läuft. Wenn die im Deutschen ÖR TV laufen würden wären sie wahrscheinlich als sensationell abgefeiert worden....
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