Der Streaming-Fahrplan Alles nur Taktik

Die Netflix-Serie "Das Damengambit" bietet Hochspannungs-Schach mit einem kommenden Weltstar, Werner Herzog sucht in einer neuen Doku das Erhabene, und beim ZDF therapieren Schwerverbrecherinnen Sexualstraftäter.
Anya Taylor-Joy in "Das Damengambit": Einem kommenden Star beim Werden zuschauen

Anya Taylor-Joy in "Das Damengambit": Einem kommenden Star beim Werden zuschauen

Foto:

Charlie Gray / Netflix

"Das Damengambit", Netflix

Zeitbudget: sieben Partien zwischen 45 und 67 Minuten
für Fans von: "Knight Moves", "Das Königsspiel"

Ein Gambit ist ein Eröffnungszug im Schach, bei dem der oder die Spielende eine Figur opfert, um daraus auf längere Sicht taktische Vorteile zu ziehen. Allerdings wird dazu gemeinhin ein Bauer genutzt, nicht die wertvolle Dame. Schon der Titel dieser Mini-Serie eröffnet also einen rätselhaften Assoziationsraum, und entsprechend vieldeutig ist auch die Geschichte um eine Schach-Großmeisterin und ihre Abhängigkeiten gestaltet. Waisenkind Beth steigt in den Sechzigerjahren in die Männerdomäne ein, aber Alkohol- und Medikamentensucht machen jede Partie legen ihrem märchenhaften Aufstieg Steine in den Weg. Beinahe heimlich, ohne nennenswerte PR, hat sich "Das Damengambit" zu einer der erfolgreichsten Netflix-Serien gemausert. Sie ist auch eine der besten des Jahres. Die Sechzigerjahre-Optik ist überwältigend, die Geschichte aufwühlend, packend und immer wieder komplett überraschend. Als Zugabe darf man hier einem der definitiv großen Stars der nahen Zukunft beim Werden zuschauen: Anya Taylor-Joy hat einen natürlichen Magnetismus und eine Tiefe, die einem schlicht den Atem raubt. Oliver Kaever

Der Vulkanologe Clive Oppenheimer in "Fireball": Auf der Suche nach dem Erhabenen

Der Vulkanologe Clive Oppenheimer in "Fireball": Auf der Suche nach dem Erhabenen

Foto:

Apple TV+

"Fireball", Apple TV+

Zeitbudget: 97 Minuten
für Fans von: „Begegnungen am Ende der Welt“, „Die Höhle der vergessenen Träume“

Nun also Meteoriten. Großregisseur Werner Herzog hat wieder eine Doku gedreht. In „Fireball“ erkundet er gemeinsam mit dem Vulkanologen Clive Oppenheimer von der Universität Cambridge das Faszinosum der kosmischen Körper. Wo kommen sie her? Wie haben sie die Erde beeiflusst? Und was bedeuten sie? Das sind die großen Fragen, auf welche die beiden Männer Antworten in der ganzen Welt suchen. Sie sprechen mit Wissenschaftlern in Europa und Amerika, betrachten kosmischen Staub unter dem Mikroskop und gehen auf Gesteinsjagd in der Antarktis. Und sie untersuchen, wie die Kulturen und Religionen der Welt Meteoriten interpretiert haben. In Indien befindet sich zum Beispiel ein hinduistischer Tempel, der dem Gott der Zerstörung Shiva gewidmet ist, ausgerechnet in einem Einschlagkrater. Warum? Und wie kann es sein, dass sich im Iran an der Wand eines Schreins ein Muster befindet, das Wissenschaftler Jahrhunderte später bei den sogenannten Quasikristallen wiederfanden? In solchen Momenten ist die Doku am spannendsten: wenn wissenschaftlicher Erkenntnisdrang und kulturelle Sinnstiftung aufeinander treffen. Mit der Mischung aus Interviews und beeindruckenden Landschaftsaufnahmen ist Herzog in „Fireball“ wieder ganz bei seinem Lebensthema: der Suche nach dem Erhabenen. Jonas Lages

"MeToo"-Satire "#heuldoch": Schwerverbrecherinnen als Therapie-Ersatz

"MeToo"-Satire "#heuldoch": Schwerverbrecherinnen als Therapie-Ersatz

Foto: Robert Schittko / Arte

"#heuldoch", ZDF und Arte Mediathek

Zeitbudget: fünf Therapiesitzungen à 15 Minuten
für Fans von: "In Treatment", "Knastschwestern"

"Ich habe mein Leben der Erforschung der Klitoris gewidmet." Der da so weihevoll seine Taten besingt, ist ein Gynäkologe, der seine massiven sexuellen Übergriffe als Forschungsarbeit zu verkaufen versucht. Nun soll er qua psychologischer Behandlung mit drei anderen Männern von seinen Überlegenheitsfantasien kuriert werden.

Kann man über männliche Aggression in Form einer entfesselten schwarzen Comedy erzählen? Auf jeden Fall. Dass das bei der Mini-Serie "#heuldoch" (Drehbuch: Victoria So Hee Alz und Florian Frei) über Strecken so gut funktioniert, liegt auch daran, dass sich hier keine ausgebildete Therapeutin in die Überlegenheitsfantasien der Aggressoren einfühlt. Denn die Therapeutin liegt längst tot in der Kühltruhe im Keller – zwei ausgebrochene Schwerverbrecherinnen (unter anderem Karin Hanczewski, am Sonntag auch im Dresden-"Tatort" zu sehen) haben sie abgemurkst und nehmen nun an ihrer Stelle die Behandlung der Grabscher und Vergewaltiger auf. Während im Soundtrack Ohrfeigen-HipHop von weiblichen Größen des Fachs wie Lizzo und M.I.A. gespielt wird, knöpfen sich die Knacki-Damen wenig zimperlich die aussichtslosen Fälle vor.

Ein so schlichter wie effizienter Plot, der für öffentlich-rechtliche Fernsehverhältnisse erstaunlich rabiat entfaltet wird. Die physischen Gags tun weh, die rohe Sprache führt direkt in die pervertierte Logik kranker Männerhirne. "Ich will offen sein", sagt einer der Therapiefälle, "es gab schon klare Neins. Aber ich habe es in den Augen gesehen: Nimm mich doch! Ich will es doch!" Die Worte stammen von einem Kino-Mogul. Hätte man für die ZDF-Comedy statt der schon etwas verbrauchten Figur des schmierigen Filmproduzenten die des schmierigen Fernsehredakteurs genommen, würde der Witz sogar noch böser funkeln. Christian Buß

"Search Party": Comedy als gesellschaftlicher Seismograf

"Search Party": Comedy als gesellschaftlicher Seismograf

Foto:

TNT / WarnerMedia

"Search Party", Staffel Drei, TNT Comedy

Zeitbudget: zehn Folgen à 25 Minuten
für Fans von: "Arrested Development", "Veronica Mars"

Wer sind eigentlich diese coastal elites, diese abgehobenen West- und Ostküstler, von denen die Republikaner immer reden? Mitten im US-Wahljahr 2016 machte sich "Search Party" auf, dieser Frage nachzugehen – vor allem von komödiantischem Anspruch getrieben, gleichwohl eine treffende Zeitgeistdiagnose mitliefernd. Denn Hauptfigur Dory (Alia Shawkat in einer Paraderolle) war die Verkörperung eines selbstgerechten New Yorker Hipsters: Statt sich mit den politisch-strukturellen Gründen zu beschäftigen, warum sie im Prekariat feststeckt, versteifte sie sich darauf, einer ehemaligen Kommilitonin zu helfen, die ihrer Hilfe gar nicht bedurfte. Dass Dory und ihr Freund Drew (John Reynolds) im Verlauf ihrer vermeintlichen Rettungsaktion jemand anderen töteten, war die schmerzhafte Pointe der ersten Staffel und erschütterte den Freundeskreis in Staffel zwei. In Staffel drei kommt es nun zum Prozess, und wie das politische Klima hat sich auch "Search Party" gewandelt, ist von der gekonnten Hipster-Parodie zur beißenden Mediensatire geworden. Wohin sich die bereits abgedrehte vierte Staffel entwickelt, darauf kann man sich schon jetzt freuen: Kaum eine Serie sonst hat so beiläufig seismografische Qualitäten und ist gleichzeitig so geradeheraus unterhaltsam. Hannah Pilarczyk

Und hier geht es zum aktuellen "Tatort".

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