Der Streaming-Fahrplan Die schlauere (und nettere) Schwester von Sherlock Holmes

Millie Bobby Brown bringt als Enola Holmes den Bildschirm zum Leuchten, Jonas Nay taumelt durch den Mauerfall-Thrill von "Deutschland 89", und Ewan McGregor fährt auf einem Strom-Motorrad durch Südamerika.
Millie Bobby Brown in "Enola Holmes": Das Patriarchat im Visier

Millie Bobby Brown in "Enola Holmes": Das Patriarchat im Visier

Foto:

LEGENDARY ©2020 / Alex Bailey / Netflix

"Enola Holmes", Netflix

Zeitbudget: zwei Stunden
für Fans von: "Sherlock Holmes", "Dickinson"

Man sagt ja, Frauen seien besser als Männer, wenn es um Kommunikation, Moderation und Ausgleich geht. Wobei, stopp: Man(n) sagt das? Wollten wir uns nicht angewöhnen, nicht mehr in Verallgemeinerungen zu sprechen? Also, konkret: Ganz sicher ist Enola Holmes eine bessere Kommunikatorin als ihr schlauer, aber unterkühlter Bruder Sherlock, den die ganze Welt als genialen Detektiv kennt. Während dieser beim Sammeln von Indizien unverständliches Zeug in sich hineinmurmelt, wendet sich Enola in Form der Schauspielerin Millie Bobby Brown in herzerfrischender Offenheit direkt an uns Zuschauer und nimmt uns mit in dieses Abenteuer.

Enola ist 20 Jahre jünger als ihr berühmter Bruder, gebildet, unkonventionell und überzeugt davon, sich als Frau nicht irgendwelchen Herren in lächerlichen Anzügen unterordnen zu müssen. Womit sie im viktorianischen England dann doch hier und dort aneckt. Diese Enola ist eine Erfindung der US-Autorin Nancy Springer, die das Personal aus Arthur Conan Doyles Geschichten für inzwischen sechs Romane borgte und konterkarierte. Die erste Verfilmung, in der Enola auf die Suche nach ihrer verschwundenen Mutter geht, ist nun so konventionell geraten, dass es quietscht. Aber der aus "Fleabag" entlehnte Spezialeffekt der mit dem Publikum kommunizierenden Hauptfigur entschädigt für die nervtötend fidelnden Geigen des Soundracks. Millie Bobby Brown, bekannt als gebeutelter Telekinese-Teen Eleven aus "Stranger Things", strahlt hier in unnennbar vielen Schattierungen und mit umwerfendem Charme. Dürfte nur eine Frage der Zeit sein, bis Netflix die Fortsetzung ankündigt. Oliver Kaever

Jonas Nay in "Deutschland 89": Verloren zwischen den Spionage-Welten

Jonas Nay in "Deutschland 89": Verloren zwischen den Spionage-Welten

Foto:

Anika Molnar / Amazon

"Deutschland 89", Amazon Prime Video

Zeitbudget: acht Folgen à 50 Minuten
für Fans von: "Finale in Berlin", "Dame, König, Ass, Spion"

Euphorie und Paranoia liegen manchmal dicht beisammen. So wie in dieser Szene in "Deutschland 89": Der junge Held der Serie (Jonas Nay), ein Agent der Hauptverwaltung Aufklärung (HVA) in Ost-Berlin, wird kurz nach dem Mauerfall mit halluzinogenen Pilzen abgefüllt, auf dass er sein Geheimwissen preisgibt. Im Anschluss sieht man ihn, wie er im Rausch Pogo gegen das Chaos in seinem Kopf und das in der Welt tanzt. Die Geheimdienste der Russen, Franzosen und Amerikaner sind hinter ihm her, eine Terrorzelle der RAF will ihn für ihre Zwecke missbrauchen - doch der Agentenspund macht hammerdicht und hammerglücklich in einem Berliner Hinterhof Stagediving in eine Meute Punks.

Zeitgeschichte als psychoaktiver Drogentrip? In der dritten und finalen Staffel des Ost-West-Spionage-Spektakels, mit dem neues deutsches Serienfernsehen ab 2015 im Ausland erstmals als satisfaktionsfähig wahrgenommen wurde, legen die Serienschöpfer Anna und Jörg Winger noch mal ordentlich eine Schippe an Dichtung und Verdichtung drauf. Ein Mordversuch der HVA an Egon Krenz, gemeinsame Anschläge von Stasi und RAF, Ost-Spione im Management der Deutschen Bank: Die verbürgten Ereignisse und Zusammenhänge werden korrekt dargestellt, die Grauzonen und Leerstellen aber umso greller und lustvoller ausgeschmückt. Die Wende als Chaos-Thriller, ein geglückter Abschluss der Serie. Christian Buß

Durchwursteln als Lebensmotto: Michael Fritz Schumacher als Serienheld "Mo" (r.)

Durchwursteln als Lebensmotto: Michael Fritz Schumacher als Serienheld "Mo" (r.)

Foto:

Amazon

"Für Umme", Amazon Prime Video

Zeitbudget: elf Folgen à 15 Minuten
für Fans von: "Jerks"

Und noch eine deutsche Serie von Prime Video: In "Für Umme" ist die Berliner Großstadtwelt fast ausschließlich mit Volltrottelinnen und Volltrotteln bevölkert, die sich zum Beispiel bei Raubüberfällen stotternd die Maske vom Kopf reißen oder in einer Würstchenbude in badischem Dialekt die schärfste Soße des Universums anpreisen. Auch der Held der Serie, der im Alter von 33 Jahren verzweifelt auf die große Karrierechance gierende Schauspieler Moritz "Mo" Mikkelsen, ist nicht der Schlaueste. Aber er stolpert ziemlich lustig von einem Schlamassel in den nächsten. Oliver Korritke und Gisa Flake gehören zu den vielen komikbegabten Darstellern, die dem Serienhelden "Mo", der von Michael Fritz Schumacher mit panischem Blick und staksigem Charme gespielt wird, beim Durchwursteln in den meist kunstfernen und manchmal kriminellen Alltagssituationen eines Schauspieler-Überlebenskampfs beistehen.

In "Für Umme" wird ein bisschen oft in Tagträumen geschwelgt, die dann doch wieder zerplatzen. Und manchmal wirkt die Serie, als hätten ihre Macher (unter denen der wichtigste offenbar Vlady Oszkiel ist) sich in den Pausen während ihrer Drehbuch-Tüftelarbeit ausgiebig über Fahri Yardim und Christian Ulmen in "Jerks" kaputtgelacht. Aber zum einen gibt es sehr viel schlechtere Vorbilder und zum anderen sind viele der Peinlichkeiten, durch die das Personal dieser Serie stolpert, äußerst liebevoll inszeniert. Zu den absurdesten Szenen gehört die, in der "Mo" wegen eines Werbejobs in einem Brathähnchenkostüm steckt und eine junge Frau begrüßt, die ein Schweinefleischkostüm trägt - mit den natürlich geschlechterpolitisch absolut inkorrekten Worten: "Hey, du heißer Schinken!" Wolfgang Höbel 

Ewan McGregor in "Long Way Up": Auf Elektrorädern Richtung Zukunft durch Südamerika

Ewan McGregor in "Long Way Up": Auf Elektrorädern Richtung Zukunft durch Südamerika

Foto: Apple TV+

"Long Way Up", Apple TV+

Zeitbudget: zehn Trips à 45 Minuten
für Fans von: "Easy Rider", "Der Wilde", "Mad Max"

Wenn der Schauspieler Ewan McGregor nicht gerade "Star Wars"-Filme dreht, sitzt er offenbar gern auf einem Motorrad und erkundet die Welt. Zwei Dokumentationen sprangen dabei schon heraus, nach "Long Way Around" und "Long Way Down" kommt jetzt, man ahnt es schon: "Long Way Up". Wozu braucht man nun filmische Reisetagebücher dieser Art? Jetzt, wo das eigene Reisen noch immer empfindlich eingeschränkt ist, bekommen sie mehr Dringlichkeit als vor Corona: Sie füttern das Fernweh und machen schmerzlich bewusst, wie sehr das Gefühl von Aufbruch gerade fehlt.

Darüber hinaus zeigt McGregors Doku, wie die Elektromobilität bald funktionieren soll: Er macht sich mit seinem besten Freund diesmal auf den Weg von Patagonien nach Los Angeles, einmal durch Süd- und Mittelamerika - auf eigens dafür angefertigten Elektromotorrädern. Damit sind die beiden ganz weit vorn, andererseits aber bereitet das Team die Dreharbeiten parallel von London und L.A. aus vor, inklusive ständigem Hin- und Herfliegen. Das wirkt heute schon anachronistisch. Wie wir durch die Pandemie gelernt haben, kann man sich viele berufliche Reisen tatsächlich sparen - und dafür auf die wirklich wichtigen konzentrieren. Oliver Kaever

Die Wiedergabe wurde unterbrochen.