Der Streaming-Fahrplan Auch Sias Songs können diesen Film nicht retten

Die Musikerin Sia scheitert mit ihrem Filmdebüt auf allen Ebenen. Der Netflix-Thriller »Red Dot« lockt auf abgründiges Terrain. Und Arte zeigt Meisterwerke des verstorbenen Drehbuch-Künstlers Jean-Claude Carrière.
»Music«: So unterkomplex kann man nicht mehr über Autismus erzählen

»Music«: So unterkomplex kann man nicht mehr über Autismus erzählen

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Merrick Morton / Alamode Film

»Music«, verschiedene Anbieter

Das waren noch Zeiten, als Dustin Hoffman als Darsteller eines autistischen Charakters in »Rain Man« einen Oscar gewann – und das Rührstück von Regisseur Barry Levinson außerdem als bester Film, für die beste Regie und das beste Drehbuch ausgezeichnet wurde. Das war vor 32 Jahren. Die Zeiten haben sich geändert. Man mag »Rain Man« und »Music«, das Regiedebüt von Popstar Sia, nicht miteinander vergleichen, dafür ist die Fallhöhe zu groß. Man muss es aber leider, denn die Story ist im Grunde dieselbe: Verkrachter Luftikus (Tom Cruise) muss sich plötzlich um seinen autistischen Bruder kümmern und wächst daran als Mensch, lernt sich selbst und andere zu lieben.

Im Film der australischen Musikerin Sia Furler (»Chandelier«) ist die kriminelle, alkoholkranke Zu (Kate Hudson) überfordert mit ihrer autistischen Schwester Music (Maddie Ziegler) – und eigentlich geht es die ganze Zeit vorrangig um ihren Kampf mit sich selbst und ihre zögerliche Romanze mit dem Nachbarn Ebo (»Hamilton«-Star Leslie Odom Jr.), der sein eigenes seelisches Päckchen zu tragen hat. Music, das Mädchen, wird dabei mehr und mehr zur bloßen Dramaturgiehelferin, darf sich aber in fantasievollen Kostümen durch bunte Musikvideo-Clips tanzen, denn »Music«, der Film, ist auch ein visuelles Vehikel für das gleichnamige neue Album von Sia, halb Drama, halb Musical. Über ein Mädchen mit Autismus, aber eigentlich auch nicht. So unterkomplex aber kann man das heute nicht mehr machen.

Schon als Sia ihre Protegée, die junge Tänzerin Maddie Ziegler, als Hauptdarstellerin ihres Films bekannt gab, die bereits in zahlreichen Videoclips der Sängerin als ihr Alter Ego fungierte, hagelte es Proteste in den sozialen Medien: Warum müsse sich ein neurotypischer Mensch mühsam Tics und Verhaltensweisen autistischer Personen antrainieren, wenn genauso gut ein autistischer Schauspieler den Part übernehmen könne? Sia zeige in ihrem Film außerdem eine umstrittene Methode zur Beruhigung autistischer Personen und würde sich generell nicht für Autismus interessieren, so der Vorwurf. Die Musikerin, die lange recherchiert haben will, wehrte sich, der Streit eskalierte. Inzwischen gibt es sogar eine Petition , die zur Annullierung der beiden (durchaus verblüffenden) Golden-Globes-Nominierungen für »Music« aufruft. Beim Kino-Geschmacksmesser »Rotten Tomatoes« rangiert der Film bei 25 Prozent.

Das dürfte aber nicht allein etwas mit dieser Kontroverse zu tun haben, sondern vor allem damit, dass der Film trotz tapferer Leistung Zieglers nicht nur am Thema Autismus scheitert, sondern auch auf allen anderen Ebenen erschreckend konventionell und vorhersehbar bleibt. Sogar Sias Songs, eigentlich Garant für Power, Drama und Euphorie, wirken flach und deplatziert, das muss man erst mal schaffen. Einzig die intensive Hudson und der ewig ernsthafte Odom Jr. retten mit ihrem Spiel, was zu retten ist. Vielleicht hätte Sia, die vier Jahre mit der Fertigstellung verbracht hat, ihren Film einfach auf diese beiden Charaktere konzentrieren sollen, ganz ohne »Music«. Andreas Borcholte (Kostenpflichtig zum Leihen oder Kaufen, zum Beispiel bei Amazon, Google Play, freenet Video)

»Red Dot«: Für David und Nadja wird ein Ausflug in die Wildnis zum Spießrutenlauf

»Red Dot«: Für David und Nadja wird ein Ausflug in die Wildnis zum Spießrutenlauf

Foto: Netflix

»Red Dot«, Netflix

Schon nach einem Jahr Ehe läuft es nicht mehr so zwischen David und Nadja. Also beschließen die Stockholmer, dem Zusammenleben in der Natur einen neuen Kick zu geben, mit einer Wanderung durchs winterliche Fjäll inklusive Abenteuernacht im Zelt. Und weil dies ein Survival-Thriller ist, taucht schon bald der titelgebende rote Punkt aus dem Zielfernrohr eines Scharfschützengewehrs auf und treibt die beiden durch die eiskalte Landschaft. In der ersten halben Stunde kommt »Red Dot«, die erste Netflix-Filmproduktion aus Schweden, noch reichlich formelhaft daher. Aber nur, um dann umso überraschender in abgründigem Terrain zu landen. Nur so viel: So nett, wie das junge Bilderbuchpaar zunächst wirkt, ist es mitnichten. Oliver Kaever

»Liebhaber für einen Tag«: Gilles möchte gern wissen, wo seine Tochter Jeanne mit ihrem Leben hin will

»Liebhaber für einen Tag«: Gilles möchte gern wissen, wo seine Tochter Jeanne mit ihrem Leben hin will

Foto: Guy Ferrandis / SBS Productions / picture alliance / dpa / Arte

»Liebhaber für einen Tag«, Arte-Mediathek

Mit Jean-Claude Carrière starb am vergangenen Dienstag einer der großartigsten Drehbuchautoren, die das Kino hervorgebracht hat. Seine Zusammenarbeiten mit Luis Buñuel (»Belle du jour«, »Der diskrete Charme der Bourgeoisie«) machten ihn berühmt, es folgten Filme mit Godard, Forman und Schlöndorff. Eine der schönsten Kollaborationen ergab sich aber erst in jüngster Zeit: Mit Carrière, Jahrgang 1931, und Philippe Garrel, Jahrgang 1948, fanden sich zwei, die in jedem Lebensalter Kino von begeisternder Offenheit und Erkundungslust geschaffen haben. Drei Filme entstanden so bis zu Carrières Tod, zwei davon sind gerade frei in der Arte-Mediathek verfügbar. »Im Schatten der Frauen« von 2014 ironisiert präzise, wie männliche Intellektuelle hinter ihrer künstlerischen Feinfühligkeit mitunter ganz altes Dominanzgebaren verstecken. »Liebhaber für einen Tag« von 2017 wagt es hingegen, ohne moralische Voreingenommenheit die emotionale Tiefe einer Langzeitbeziehung gegen die explosive Leidenschaft einer kurzen Affäre abzuwiegen. Zwei Filme, die nichts an menschlichen Widersprüchen beschönigen, aber ihnen durch genaues, vorurteilsfreies Hinschauen wunderbar gerecht werden. Hannah Pilarczyk

Und zum aktuellen »Tatort« bitte hier entlang.

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