Streit über Netflix-Film "Mignonnes" Wie eine Debatte ein Kunstwerk zur Unkenntlichkeit verzerrt

Mehr als eine eine halbe Million Menschen protestieren in einer Petition gegen "Mignonnes". Ihr Vorwurf: Der Film beute Kinder sexuell aus – dabei will seine Regisseurin die Sexualisierung von Mädchen eigentlich kritisieren.
Szene aus "Mignonnes": Jede Pose ein Hilferuf

Szene aus "Mignonnes": Jede Pose ein Hilferuf

Foto: Netflix

Filme, Bücher, Gemälde und Plastiken sind keine mathematischen Gleichungen, sondern offen für Interpretation. Das macht sie anfällig für politische Instrumentalisierung. Ein Paradebeispiel dafür ist das, was gerade mit dem Netflix-Film "Mignonnes" passiert.

Auf äußerst einfühlsame Weise erzählt der von der elfjährigen Amy, die mit ihrer aus dem Senegal stammenden, allein erziehenden Mutter in Paris lebt und ihren Weg sucht zwischen den Traditionen eines konservativen Islam und den Verheißungen der westlichen Gesellschaft – dazu gehört auch die offen gezeigte Geschlechtlichkeit, die allgegenwärtige Sexualisierung.

Eine immer aufgeregter werdende Debatte, die über Europa und die Türkei in das für gesellschaftlich anspruchsvolle Gespräche toxische Klima der USA führte, hat es nun geschafft, die Aussage dieses Films in ihr Gegenteil zu verkehren. Die Anklage lautet: "Mignonnes" stelle Kinder in sexuell eindeutigen Posen dar und weide sich daran. Die konservative Kommentatorin Tammy Bruce sagte auf Donald Trumps Lieblingssender Fox News in Bezug auf diesen Film: "Vielleicht hat Jeffrey Epstein sich gar nicht umgebracht. Vielleicht arbeitet er als Berater bei Filmprojekten."

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So verzerrend dieser Vorwurf auch sein mag: Bruce offensichtlich auf maximale Provokation ausgelegte Sätze sind Teil eines schrillen Diskurses, in dem 600.00 Menschen eine Online-Petition unterzeichnet haben, die dazu aufruft, das Netflix-Abo zu beenden, weil die Firma Kinder ausbeute. Am Donnerstag war "#CancelNetflix" auf Platz Eins der trending topics auf Twitter in den USA. Doch man muss "Mignonnes" schon mutwillig falsch interpretieren, um zu dem Schluss gelangen zu können, er beute Kinder sexuell aus.

"Wisst Ihr, wo das Böse sich zeigt?"

Der Film bedient sich einer klassischen didaktischen Dramaturgie, um sein Thema zu umreißen. Er beginnt mit einer Betstunde, in der eine verschleierte Frau sagt: "Wisst Ihr, wo das Böse sich zeigt? In anzüglich gekleideten Frauen. Wir müssen sittsam sein. Unseren Ehemännern gehorchen." Amy hört diese Worte, so wie kurz darauf dieses eine: "Freiheit!" Es kommt aus den Kehlen einiger Mädchen, die an der Schule eine Tanztruppe gegründet haben und von einem Lehrer nach dem Ende der Pause vom Schulhof gescheucht werden.

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In der Folge wird der Zuschauer Zeuge, wie diese Kinder - Amy möchte gern zu ihnen gehören - sich auf einen Tanzwettbewerb vorbereiten. Je aufreizender sie tanzen und sich kleiden, desto mehr Aufmerksamkeit ist ihnen in den sozialen Medien gewiss. Sie entdecken dabei ihren eigenen Körper, der in der Pubertät dabei ist, sich zu verändern, und glauben, sich über ihn eine Anerkennung verschaffen zu können, die sie sonst nirgends bekommen.

Jede einzelne dieser Tanz-Sequenzen bindet die französische Filmemacherin Maïmouna Doucouré, die hier zum Teil ihre eigene Geschichte verarbeitet, in einen erzählerischen Kontext ein, der ihren wahren Kern zeigt. Ganz klar wird: Hier handelt es sich um Kinder, die keine positiven Vorbilder haben, die allein auf sich gestellt sind. Jede der eingeübten Posen ist ein Hilferuf.

Überdeutlich wird das noch einmal am Ende, wenn die Mädchen bei dem Wettbewerb knapp bekleidet und mit gespreizten Beinen auf der Bühne zu sehen sind. Die konservative Reporterin Mary Margaret Olohan pickte sich diese Sequenz für einen Tweet heraus, über den sie schrieb: "Netflix fühlt sich mit sowas wohl. Viele Leute werden es verteidigen. So weit ist es mit unserer Kultur gekommen."

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Was sie nicht schrieb: Dass sie nur einen Teil der Sequenz twitterte. Dass die im Film weiterläuft und zeigt, wie Amy während des Tanzes plötzlich abbricht und zu weinen beginnt, wie sie von der Bühne flieht und nach Hause zu ihrer Mutter läuft. Wie sie sich ihr in die Arme wirft. Und wie diese Mutter sich zum ersten Mal für ihr Kind in die Bresche wirft und für es zu kämpfen beginnt. Auf bewegende Weise skizziert Doucouré einen möglichen Weg für Amy in die Zukunft. Einen Weg, auf dem sie sich weder unterordnen noch verkaufen muss.

"Mignonnes", der in den USA unter dem Titel "Cuties" läuft (beides bedeutet "Die Süßen") beschreitet einen schmalen Grat und hält dabei auf bravouröse Weise das Gleichgewicht. Die aus dem Ruder gelaufene Debatte zeigt einmal mehr, dass eine Kunst der leisen Töne es schwer hat in einem aufgepeitschten Klima, in dem es selten um die Sache geht, sondern darum, Argumente für den eigenen Spin zu finden.

Eine Klarstellung, die eigentlich überflüssig ist

Netflix muss sich den Vorwurf gefallen lassen, diese verdrehte Debatte überhaupt erst möglich gemacht zu haben, indem die Marketingabteilung nicht mit dem Original-Filmposter Werbung trieb, sondern mit einem selbst gestalteten Motiv, das die minderjährigen Darstellerinnen in sexualisierten Posen zeigte - eben ohne den unerlässlichen Kontext. Das erst entfachte berechtigten Widerspruch in den Sozialen Netzwerken in Europa und hatte ein Verbot des Films in der Türkei zur Folge.

Inzwischen hat Netflix sich dafür entschuldigt. In den USA wird "Cuties" von einem gefilmten Statement begleitet, indem die Regisseurin Maïmouna Doucouré ihre Beweggründe schildert, diesen Film zu machen. Sie sagt: "Amy sucht durch ihr hyper-sexuelles Verhalten die Freiheit. Aber ist das echte Freiheit? Speziell für ein Kind? Natürlich nicht." Eine Klarstellung, die eigentlich überflüssig ist. Ihr Film sagt genau das sehr pointiert und klar. Man muss ihn sich nur ansehen.

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