TV-Serie "Stumptown" mit Cobie Smulders Die Aufputsch-Ermittlerin

Detektivserien mit toughen Frauen gibt es viele, aber keine ist so hinreißend verkracht wie die Ermittlerin aus "Stumptown": "How I Met Your Mother"-Star Cobie Smulders formt aus der Comicvorlage eine Paraderolle.
Cobie Smulders als Dex Parios in "Stumptown": Spektakulär verkracht

Cobie Smulders als Dex Parios in "Stumptown": Spektakulär verkracht

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Erin Simkin/ ABC/ Sky

Wenn sie im Casino die Würfel schleudert, kommt garantiert keine Gewinnerzahl: Dex Parios, die Antiheldin aus der TV-Serie "Stumptown" (ab 19. Mai auf Sky) hat horrende Spielschulden. Sie hat außerdem ein massives Alkoholproblem und leidet seit ihrem Kriegseinsatz in Afghanistan unter einer posttraumatischen Belastungsstörung, zu der unter anderem das Schuldgefühl gehört, für den Tod ihres Verlobten verantwortlich zu sein.

Den ganzen Stress betäubt sie nicht nur mit Whiskey und Schnaps, sondern auch mit reichlich wechselnden Sexpartnern (Männer und Frauen). Nebenbei kümmert sie sich auch noch um ihren Bruder, der das Downsyndrom hat und bei ihr lebt. Dex, das weiß man aus der Comicvorlage, ist eine Abkürzung für das Amphetamin-Medikament Dexedrine.

Das wandelnde Aufputschmittel ist eine großartige, spektakulär verkrachte Ermittlerin, deren Story der US-Comicautor Greg Rucka vor rund zehn Jahren erfand und als Heftserie bei einem Indie-Verlag veröffentlichte . Rucka ist ein Spezialist für feministisch grundierte, harte Frauenfiguren, ein Faible, das er auch in erfolgreichen Serien wie "Queen And Country", "Lazarus" oder "Wonder Woman" auslebte. Dex Parios jedoch ist seine komplexeste und unterhaltsamste Schöpfung. Die Serie spielt in Ruckas verregneter Heimatstadt Portland, "Stumptown" ist ihr Spitzname.

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TV-Serie "Stumptown"

Foto: David Bukach/ ABC/ Sky

Bei der Umsetzung fürs Fernsehen hätte so einiges schiefgehen können, zumal "Stumptown" nicht von Netflix, HBO oder anderen Premiumanbietern produziert wurde, sondern eine sogenannte Network-Show des Senders ABC ist, die in den USA frei empfangbar im Fernsehen läuft. Normalerweise verbietet sich dadurch jeder allzu radikale Inhalt: Sex, Gewalt, Sprache, Ästhetik - all das muss im familientauglichen Rahmen bleiben. Zudem gibt es im allzu üppig befüllten Genre der Polizei- und Crimeserie inzwischen ziemlich viele vom Leben zerrüttete, psychisch herausgeforderte und sexuell selbstbewusste Ermittlerinnen, die sich sämtliche Kaputtheiten und Noir-Topoi ihrer zumeist männlichen Detektivvorbilder angeeignet haben - von Saga Norén aus "Die Brücke" über Stella Gibson aus "The Fall" bis zu - natürlich - Marvels "Jessica Jones".

Bahnbrechend Neues addiert "Stumptown" nicht zu diesem Kanon, aber Showrunner Jason Richman und seinen Produzenten gelingt es trotzdem, den einen oder anderen Akzent zu setzen. Das beginnt mit der Actionsequenz, mit der die Pilotepisode eröffnet wird: Dex Parios muss sich in einem fahrenden Auto aus dem Kofferraum ihres eigenen, schraddeligen Achtzigerjahre-Mustangs befreien, um ihre Kidnapper mittels in den Innenraum des Wagens gesprühten Feuerlöschschaums zu überwältigen.

Leider kommen die beiden Trottel dadurch von der Fahrbahn ab - und der Mustang mit seinen drei plötzlich schwerelosen Insassen (ein schönes "Inception"-Zitat) fliegt im weiten Bogen und in Zeitlupe über die Brüstung. Im Autoradio, das eh schon lange spielt, was es will, dröhnt derweil brachial "Sweet Caroline" von Neil Diamond: Pure, sich selbst ironisierende Lust am Chaos.

Weibliches "Detektiv Rockford"-Update?

Der daraufhin in Rückblende erzählte Plot, der die Entführung und die zunächst unfreiwillige Detektivarbeit von Dex erklärt, ist allerdings nur mäßig interessant, und leider wird in die 45 Minuten lange Pilotfolge gleich alles reingestopft, was man über Parios' Laster, Traumata und Beziehungen zu Bruder Ansel (Cole Sibus), Ex-Lover/Kumpel Grey (Jake Johnson) und Polizist Hoffman (Michael Ealy) wissen soll. Die grobkörnige Portland-Atmosphäre des Comics kommt in dieser erzählerischen Hektik, in der aufdringlich viele Pointen gesetzt werden, zunächst nicht auf, in den folgenden Episoden wird die Gangart zum Glück ruhiger. Es lohnt sich also dranzubleiben.

Denn "Stumptown" ist vor allem ein Paradevehikel für seine Hauptdarstellerin. Cobie Smulders, 38, heimlicher Star der Blockbuster-Seifenoper "How I Met Your Mother" und Marvel-Nebenfigur Maria Hill in den "Avengers"-Filmen, wollte die prügelnde, saufende, heruntergekommene Dex unbedingt spielen. "Ich fand es interessant, eine Frau zu spielen, die ständig auf den Deckel bekommt, sich aber immer wieder aufrappelt", sagte sie in einem Interview. Die Bisexualität der Figur wollte sie unbedingt thematisieren in der Serie, zahmes Network-TV hin oder her.

Die spürbare Leidenschaft von Smulders und ihr Anspruch, sich endlich in einer starken Hauptrolle beweisen zu können, gibt der Serie den entscheidenden Energiestoß. Comedy-Timing und einen Hang zum trockenen Sarkasmus zeigte die Kanadierin bereits als Sitcom-Schönheit Robin Scherbatsky, jetzt addiert sie für die Aufputschermittlerin Dex Parios ihre handfeste Actionkompetenz und eine angenehm unprätentiöse Ernsthaftigkeit in den dramatischeren Szenen hinzu.

Mit seiner coolen, aber auch linkischen Protagonistin, seinem altmodischen Fernsehflair und seiner generellen Gutmütigkeit erinnert "Stumptown" vor allem an einen lieb gewonnenen Serienhit aus den Siebzigerjahren: "Detektiv Rockford: Anruf genügt" mit James Garner. Vielleicht ist die Zeit reif für ein weibliches Update dieses TV-Klassikers.

Kritiker und Ratingportale wie "Rotten Tomatoes" waren sich nach dem US-Start im Herbst 2019 verblüffend einig in ihrem Lob über die Serie, die Quoten ganz ordentlich. Bis jetzt wurde jedoch noch keine zweite Staffel geordert. Man wünscht sich für Cobie Smulders (und Dex Parios sowieso), dass die Würfel beim Fortsetzungs-Gamble mit dem Sender richtig fallen. Ausnahmsweise.

"Stumptown": Ab 19. Mai bei Sky One und Sky Ticket.

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