Susanne Gaschke bei "3nach9" "Ich habe es vergurkt"

Konnte das gutgehen? Ausgerechnet "Zeit"-Chefredakteur di Lorenzo befragte in "3nach9" seine Ex-Kollegin Susanne Gaschke, die als Oberbürgermeisterin von Kiel grandios gescheitert war. Tatsächlich zeigte die Journalistin ein gewisses Maß an Selbstkritik. Nun will sie wieder schreiben.

DPA

Es war keiner dieser ganz großen Skandale, für die eine eigene Talkshow gelohnt hätte. Aber immerhin spielte er in der nördlichsten deutschen Landeshauptstadt, in der ja politisch immer wieder die merkwürdigsten Dinge passieren. Und da die personelle Konstellation in diesem Fall eine nicht unbedingt alltägliche war, kam es nun wenigstens nachholend zu einem Auftritt bei "3nach9". Man könnte auch sagen: zur öffentlichen Wiederbegegnung zwischen einem Vorgesetzten und seiner früheren Mitarbeiterin, die nach Höherem gestrebt und dabei einen ziemlich unsanften Sturz erlebt hatte.

Es lag mithin eine gewisse Befangenheit in der Luft, als Susanne Gaschke, frischgebackene Ex-Oberbürgermeisterin von Kiel und ehedem Politikjournalistin bei der "Zeit", sich den Fragen von Giovanni di Lorenzo stellte, dem Chefredakteur des Blattes und Moderator der Unterhaltungssendung. Allerdings mühten die Beteiligten sich redlich, das nicht allzu deutlich zu zeigen.

Frau Gaschke gelang das in erster Linie durch eine regelrechte Offensive der Zerknirschung, angereichert mit einer Portion Rechtfertigung sowie einer offenbar unentbehrlichen Prise Larmoyanz. Aktuell fühlt sie sich laut Eigenauskunft "wie von einem Lastwagen überfahren". Da sie eine Weile warten musste, bis sie an der Reihe war, nutzte sie bereits frühzeitig die Gelegenheit zu einer kleinen Selbstkritik und brachte, als es um die Kunst des Twitterns ging, die Bemerkung unter, diese Art der Kommunikation sei für ihren Geschmack zu schnell; in der Politik brauche man mehr Zeit - "und auch dann kann's danebengehen".

Wie sehr ihr Ausflug aus der beobachtenden in die praktische Politik danebengegangen ist, daran wurde sie dann auch noch einmal durch einen kurzen Einspieler von ihrer denkwürdigen Abschiedsrede erinnert, jener irritierend emotionalen, ja "aggressiven Abrechnung", wie "Tagesthemen"-Moderator Thomas Roth leicht fassungslos konstatierte. Befragt von di Lorenzo, ob er hierfür eine Erklärung habe, musste der weltenkundige Gast passen.

Für seine Verhältnisse eine unfreundliche Bemerkung

Und einigermaßen ratlos, was das Agieren der langjährigen Kollegin in dem kommunalen Spitzenamt betraf, gab sich auch der Interviewer selbst, der demonstrativ jeden Anschein von Anbiederung zu vermeiden suchte. Mit ernster Miene und ohne die sonst gern mal eingesetzten Samthandschuhe formulierte di Lorenzo seine Fragen. Zwar habe er das alles "mit Anteilnahme" verfolgt, ließ er Frau Gaschke wissen, "aber vieles habe ich nicht verstanden". Ob sie, die Seiteneinsteigerin, nicht auch anmaßend gewesen sei mit ihrer Forderung, die Politik könne nicht so bleiben, wie sie ist. Und bezüglich der Seriosität jenes Augenarztes, wegen dessen Steuerschulderlass sich die Stadtchefin a.D. nun einem Ermittlungsverfahren ausgesetzt sieht, hatte er nur eine für seine Verhältnisse äußerst unfreundliche Bemerkung übrig.

Das heißt aber nun nicht, dass es atmosphärisch für die gescheiterte Problempolitikerin wirklich eng geworden wäre. Sie war hier, im Gegenteil, schon ganz komfortabel aufgehoben. Ein paar Streicheleinheiten gab es auch, etwa anhand der Bescheinigung, dass sie nun mal eine Person mit einem sehr eigenen Kopf sei und schließlich etwas riskiert habe. Sängerin Sarah Connor wusste solidarisch anzumerken, wie schwer es sei, mit solchem Druck umzugehen. Und im Übrigen wirkte Frau Gaschke so, als sei sie inzwischen wieder durchaus imstande, sich ihren eigenen Reim zu machen auf das, was hinter ihr liegt. Was vor ihr liegt, ist derweil ungewiss. Versorgungsansprüche oder eine Rückkehroption hat sie nicht.

Ein bisschen klang es manchmal so, als habe sich hier jemand zwecks Selbstanalyse eigenhändig auf die Psycho-Couch verfrachtet. Ja, sie habe Fehler gemacht, räumte sie ein, nannte sich "manchmal bockig", wie bereits der Genosse Björn Engholm das getan hatte, kreidete sich an, alles zu sehr auf sich bezogen zu haben - wobei dies aber auch bedeute, dass sie ihre Mitarbeiter aus der Sache herausgehalten habe, "was ich ganz okay von mir fand".

Gaschke möchte nun wieder schreiben

Und vor allem habe sie doch nur Gutes für die Stadt gewollt. Nein, verbittert sei sie nicht, allerdings habe sie schmerzhaft erfahren müssen, welchen erheblichen Unterschied es bedeute, mitzuspielen in diesem hermetischen Spiel namens Politik, zu gestalten, statt nur zu bewerten und zu kritisieren und darüber zu schreiben. Das will sie, für wen auch immer, nun wohl wieder tun, auch weil das Schreiben ja etwas Therapeutisches haben könne. "Wahnsinnig schlimm" fände sie es jedenfalls, wenn jetzt niemand mehr Ähnliches wagen würde, "nur weil ich es vergurkt habe".

Und damit hätte es sein Bewenden haben können - wäre da nicht der Schauspieler Armin Rohde gewesen. Ausgerechnet er, dieses vor Virilität förmlich berstende Mannsbild, musste unbedingt noch einmal in einer kleinen feministischen Anwandlung gewisse Formulierungen ins Spiel bringen, die Frau Gaschke, anders als in ihrer spektakulären Abschiedsrede, an diesem Abend offenkundig bewusst nicht mehr benutzt hatte. Mitfühlend meinte er zu wissen, es habe sich da bei ihr einfach nur um "Fassungslosigkeit ob der männlichen Rituale" gehandelt.

Zum Schluss gab es als Trostgeschenk noch ein Gaschke-Porträt im Stil Roy Lichtensteins. Irgendwie passend angesichts der Tatsache, dass im Kieler Rathaus von dieser Amtsinhaberin das sonst übliche offizielle Bild fehlen wird.



insgesamt 42 Beiträge
Alle Kommentare öffnen
Seite 1
glaubenstrichter 02.11.2013
1. Blauäugigkeit + Oberflächlichkeit für dieses Amt der Oberbürgermeisters!!
Einsicht, dass bei Frau Gaschke der Fehler lag ist lobenswert. Warum dann diese bockige Art etwas durchsetzen zu wollen - was nicht Rechtens war und ist. Aus meiner Sicht kann man nicht so Blauäugig sein, in einem solchen Amte - dass man das wichtigste Kalkül nicht kennen möge - die Landeshaushaltsordnung, Diese besagt per Gesetzt genau was im Geldrecht und Steuerrecht rechtens ist oder nicht. Was mich stört ist diese Oberflächlichkeit der heutigen Politikergeneration - öffentlicher Darstellungswahn und keinen Background über den Inhalt und Umfang dieser Position. Aus meiner Sicht - Politisch gescheitert-.
hul1 02.11.2013
2. Warum so viel Plattform
für jemand, der wild um sich schlägt, wenig Stil besitzt und mit einem entartetem Rundumschlag versucht andere zu treffen? Die Dame ist weltfremd und auch als Schreiberin nur Mittelmaß...
cmann 02.11.2013
3. Unglücklich!
Um es mal vorsichtig auszudrücken. Di Lorenzo hat schon bessere Interwiews abgeliefert. Ihr kurz nach der Demission eine Platform zu bieten halte ich für keine gute Entscheidung. In diesem "speziellen Fall" wäre ein politisches Talk Show Format, in dem auch die "Gegenseite" zu Wort kommt, sinnvoller gewesen!
elbfischer72 02.11.2013
4. dass immer die,die mist bauen...
...sofort eine buehne in der Öffentlichkeit bekommen,sich und ihr handeln zu rechtfertigen,somit Werbung fuer sich machen zu duerfen,empfinde ich als Frechheit.das eigene handeln in frage zu stellen - ohne der scheinbaren gier,dies der oeffentlichkeit demonstrativ zeigen zu muessen - das ist offensichtlich nicht mehr zeitgemaess.
henrik-flemming 02.11.2013
5. Nix
Ich hege nach wie vor den Verdacht, dass Gaschke von irgendwelchen honorargeilen Rechtsanwälten herein gelegt wurde. Gaschke ist nur die Spitze des Eisbergs, was unter Wasser liegt, davon können sich die meisten Leute kein Bild von machen. Die hat sich eben auf das Eis führen lassen und ist eingebrochen. Ich hätte ihr nur die Souveränität einer Helle Thorning-Schmidt empfehlen können, als herauskam, dass ihr Ehemann Kinnock in Dänemark lebt, aber dort keine Steuern bezahlt hat. Sie hat es Løkke Rasmussen jetzt mit seiner erste Klasse Flugbonusmeilenaffäre für eine Klimaschutzorganisation zurück gegeben. Wenn Gaschke ein wenig mehr politisch fähig gewesen wäre hätte sie nichts auf sich bezogen (Teflon), sondern den Spiess umgedreht.
Alle Kommentare öffnen
Seite 1

© SPIEGEL ONLINE 2013
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung


TOP
Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.