Zum Tod von Wilhelm Wieben In allen Wohnzimmern zu Hause

Jahrzehntelang begann um 20.15 Uhr in westdeutschen Wohnzimmern die Freizeit - den viertelstündigen Übergang in den Abend begleitete der "Tagesschau"-Sprecher Wilhelm Wieben. Nachruf auf einen Conférencier der Sachlichkeit.

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Von Klaus Raab


Es gibt nur wenige Uhrzeiten, die so besetzt sind wie 20.15 Uhr. Um 8 Uhr ist Schule, um 15.30 Uhr begann früher die Fußball-Bundesliga, um halb zehn war laut Werbefernsehen "Frühstückchen". Aber 20.15 Uhr - das war lange die Zeit, die jeden Werktag in zwei Hälften teilte. Von der "bedeutendsten Zäsur des Tages" sprach der Kulturwissenschaftler und Journalist Andreas Bernard einmal: Nach 20.15 Uhr war endlich Feierabend und Zeit für Erwachsene.

Wilhelm Wieben gehörte als einer der prominentesten Sprecher der "Tagesschau"-Hauptausgabe zu den Menschen, die das Publikum viele Jahre lang sicher durch den viertelstündigen Übergang zwischen Tag und Abend geleiteten.

Er schuf kleine, elegante Wiebenismen

Wer zu jung ist, um das lineare Fernsehen als prägend für den eigenen Medienkonsum zu betrachten, kann womöglich nicht nachvollziehen, warum Menschen wie er, der doch irgendwie nur Texte vorlas, derart populär geworden sind. So populär, dass selbst Udo Lindenberg ihn in einem Lied verewigte: In "Mein Ding" sang er: "Später spricht dann Wilhelm Wieben, er ist sich immer treu geblieben." Der Grund ist diese jahrzehntelang für viele Menschen relevante Taktung des Tages. Wieben, der 32 Jahre lang die "Tagesschau" mitgeprägt hat, von 1974 bis 1998 auch als Sprecher der 20-Uhr-Ausgabe, war eng verbunden mit einem verlässlich wiederkehrenden Ritual.

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Zum Tode Wilhelm Wiebens: Ein Mensch für die Nachrichten

Seine Kunst bestand darin, Sachtexte angemessen ruhig und sachlich, fest in der Stimme, klar und deutlich vorzutragen, dabei aber nie roboterhaft zu wirken. Das zu können, ist die Aufgabe aller Nachrichtensprecher. Aber ohne ihn mit all den anderen vergleichen zu wollen, die es auch gab und gibt, kann man sagen: Wieben beherrschte diese Kunst außergewöhnlich gut.

Es sind fast unmerkliche Details, die einem auffallen, wenn man sich zum Beispiel seine letzte "Tagesschau"-Ausgabe heute noch einmal ansieht; kleine elegante Wiebenismen: So richtete er sich zu Beginn einer neuen Nachricht erst noch einmal auf, als hätte es während des vorangegangenen Filmeinspielers nicht genügend Zeit dafür gegeben.

Oder er nahm eine Hand plötzlich vom Blatt, während er eine Nachricht vorlas. Und bevor ein neuer Filmbeitrag begann, bereitete er die Zuschauer darauf vor, indem er, noch im Sprechen, das Papier ablegte. Achtung, hieß das, jetzt kommt etwas Neues - genau die richtige kleine Geste, die einem als Zuschauer half, den ersten Halbsatz des Folgenden nicht zu verpassen.

Vielleicht waren das nur Kleinigkeiten. Aber sie dürften dazu beigetragen haben, dass man sich von diesem Mann gern in den Abend bringen ließ.

Er verkörperte die "Tagesschau"-Farbe Blau - wie unmanipulierbarer Himmel

Wieben war deshalb nicht nur ein Nachrichtensprecher. Er konnte dialekt- und fehlerfrei vorlesen (was kein zu unterschätzendes Handwerk ist). Er war tatsächlich ein Fernsehnachrichtensprecher, der im Hörfunk, wo er in den Siebziger- und Achtzigerjahren ebenfalls arbeitete, beinahe verschenkt gewesen wäre. Er nahm die Leute mit und führte sie, wie ein Conférencier der Sachlichkeit, durch ein flüchtiges Medium. Ihm konnte man vertrauen. Er verkörperte im Grunde perfekt die "Tagesschau"-Farbe Blau, die Farbe des unmanipulierbaren Himmels, der unverstellten, für alle gleichen Endlosigkeit.

Einige Zeit nach seinem Karriereende im Juni 1998 wurde in der 20-Uhr-Ausgabe der Sendung ein unterstützender Teleprompter eingeführt, damit die Sprecher länger Augenkontakt mit der Kamera halten können. Bestünde die Welt nur aus Wilhelm Wiebens, wäre der Teleprompter womöglich bis heute nicht erfunden worden. Er war auch mitten im Wohnzimmer, wenn er aufs Blatt blickte.

Wieben tummelte sich auch auf Nebenschauplätzen

Freilich bestand sein Leben nicht allein aus "Tagesschau"-Ausgaben. Er hatte Schauspielunterricht an der Max Reinhardt-Schule in Berlin genommen. Und das Schauspiel war auch stets ein zweites Standbein geblieben. In den Achtzigerjahren trat Wieben in Mozarts "Entführung aus dem Serail" an der Hamburgischen Staatsoper auf. In den Neunzigerjahren spielte er im "Tivoli"-Theater etwa den Kaiser Franz Joseph im "Weißen Rössl".

Wieben tummelte sich auch auf anderen Nebenschauplätzen: Er schrieb, gab Lesungen, trat in Unterhaltungssendungen und Talkshows auf. Und er engagierte sich gegen die Vereinsamung älterer Menschen und für das Altern in Würde. Er war, kurz, ein Mann, dem viele Menschen zuhörten: Wenn er von Katastrophen, Parteitagen und Lottozahlen zu berichten hatte; und auch, wenn er auf Plattdeutsch las.

Nun ist Wieben im Alter von 84 Jahren in Hamburg gestorben.



insgesamt 16 Beiträge
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Seite 1
Hexavalentes Chrom 13.06.2019
1. Danke, Herr Wieben, danke!
Herr Wieben ist mir durch seine sorgsam outrierte Sprache und seine manikürte Spießigkeit als talentierter Hanseatendarsteller in sehr guter Erinnerung geblieben, Er hat stets zuverlässig meine Meinung verfestigt, unter keinen Umständen jemals dort domizilieren zu wollen. Ich möchte ihm ausdrücklich dafür danken!
bfuehr 13.06.2019
2. Können diese Augen lügen?
Auch verewigt in dem Lied "Können diese Augen lügen" von Fettes Brot: "Ich sage "schlau" wie Wilhelm Wieben von der Tagesschau"
sonntagsberg 13.06.2019
3. Wieben würde sich im Grabe umdrehen
Zitat von Hexavalentes ChromHerr Wieben ist mir durch seine sorgsam outrierte Sprache und seine manikürte Spießigkeit als talentierter Hanseatendarsteller in sehr guter Erinnerung geblieben, Er hat stets zuverlässig meine Meinung verfestigt, unter keinen Umständen jemals dort domizilieren zu wollen. Ich möchte ihm ausdrücklich dafür danken!
ob Ihrer gekünstelten Sprache. Ich bin mir sicher, Sie wären in Hamburg nicht gut angekommen mit Ihrer Gestelztheit.
Shiva25 13.06.2019
4. Angepasst!
Ich verbinde mit diesem Mann keine Erinnerung, vielleicht noch Langeweile und Nachrichten aus der Tiefkühltruhe. Nach 20 Jahren immer noch derselbe Gesichtsausdruck. Nee! Mr. Tagesschau war so sehr Deutschland, wie man es eigentlich nicht möchte. Aber so etwas funktioniert in Deutschland und jetzt bekommt er noch einen Nachruf in der Rubrik 'Kultur'. Möge er wohl sein, wo auch immer.
nadennmallos 13.06.2019
5. Sachlich, klar, ohne Effekthascherei oder Emotionen, ...
Zitat von Shiva25Ich verbinde mit diesem Mann keine Erinnerung, vielleicht noch Langeweile und Nachrichten aus der Tiefkühltruhe. Nach 20 Jahren immer noch derselbe Gesichtsausdruck. Nee! Mr. Tagesschau war so sehr Deutschland, wie man es eigentlich nicht möchte. Aber so etwas funktioniert in Deutschland und jetzt bekommt er noch einen Nachruf in der Rubrik 'Kultur'. Möge er wohl sein, wo auch immer.
... so müssen Nachrichten rüberkommen und deswegen: Alles richtig gemacht Mr. Tagesschau! Guter Job!
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