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Pinar Atalay: Die Neue bei den "Tagesthemen"

Foto: NDR/ Thorsten Jander

Neue "Tagesthemen"-Moderatorin Atalay "Türken haben immer noch ein Gastarbeiter-Image"

Am Freitagabend moderiert Pinar Atalay erstmals die ARD-"Tagesthemen". Welchen Tick sie vor der Kamera auslebt, welche Probleme sie als Deutsch-Türkin hat und ob von ihr in der Sendung auch mal Gefühlsausbrüche zu erwarten sind, verrät sie hier.
Zur Person

Pinar Atalay, 35, gibt als Nachfolgerin von Ingo Zamperoni am Freitag ihr "Tagesthemen"-Debüt. Künftig soll sie bei Bedarf als Vertretung für Caren Miosga und Thomas Roth durch die Sendung führen. Gebürtig kommt sie aus Lemgo, ihre Eltern sind in den siebziger Jahren aus der Türkei nach Deutschland gekommen. Nach dem Abitur eröffnete Atalay einen Modeladen, kam dann über ein Praktikum zum Radio. Seit 2009 gehört sie zum Stammteam der Moderatoren von "NDR aktuell", auf Phoenix führt sie durch die "Phoenix Runde" und seit 2014 durch die NDR-Ausgaben von "Plusminus".

SPIEGEL ONLINE: Frau Atalay, am Freitag moderieren Sie zum ersten Mal die ARD-"Tagesthemen" - live. Welches Worst-Case-Szenario geht Ihnen gerade durch den Kopf?

Atalay: Vor jeder Live-Sendung denkt man: "Ich will keinen Schluckauf kriegen, niesen oder ohnmächtig werden." Ich bin auf alle Eventualitäten eingestellt, weil ich die Erfahrung aus anderen Sendungen habe. Und ich weiß auch: Live kann immer was passieren. Man darf sich davon nicht verrückt machen lassen.

SPIEGEL ONLINE: Können die Zuschauer eine bestimmte Macke bei Ihnen entdecken?

Atalay: Bis jetzt ist es noch niemandem aufgefallen, aber ich habe irgendwann gemerkt, dass ich meine Moderationskarten immer mit den Händen zusammenrolle. Nach einer Dreiviertelstunde sind die ganz rund, ich muss also permanent an ihnen rumschrauben. Warum ich das mache? Keine Ahnung...

SPIEGEL ONLINE: Wollen Sie den "Tagesthemen" persönlich etwas mitgeben?

Atalay: Die Persönlichkeit des Moderators macht schon etwas aus, jeder hat seine eigene Färbung und seinen Stil. Meinen kann ich nicht beschreiben, da müssen Sie andere fragen. Aber ein Moderator ist authentisch, das ist ja keine Schauspielerei. Ich denke nicht: "Jetzt lege ich mal die Hand weiter nach rechts". Die meisten Sachen, die ich mache, merke ich gar nicht.

SPIEGEL ONLINE: Authentisch zu sein heißt auch, Emotionen zu zeigen. Als Nachrichtenmoderatorin ist das aber ein No-Go, oder?

Atalay: Wir sind ja keine Roboter. Wenn mitten in der Sendung eine heftige Nachricht reinkommt und ich mitteilen muss, dass soundso viele Menschen gestorben sind, bewegt mich das natürlich. Trotzdem wahre ich eine objektive Distanz dazu. Ich finde, dass ein emotionaler Ausbruch in so einem Moment einfach nicht angebracht ist. Dafür sind es eben Nachrichten.

SPIEGEL ONLINE: Wie sehr nervt es Sie eigentlich, dass Ihr Migrationshintergrund so häufig thematisiert wird?

Atalay: Die Frage ist, für wen das Thema ist und warum. Eigentlich habe ich ja auch gar keine Migrationsgeschichte, ich stamme aus Lemgo, also Ostwestfalen-Lippe. Meine Eltern sind in den siebziger Jahren aus der Türkei nach Deutschland gekommen. Aber das Gewese zeigt mir doch, dass so eine Biografie anscheinend in den Köpfen der Leute noch keine Normalität ist. Und dass es ein Unterschied ist, ob man, wie mein Vorgänger Ingo Zamperoni, Deutsch-Italiener ist oder, wie ich, Deutsch-Türkin.

SPIEGEL ONLINE: Warum?

Atalay: Man hat ein gewisses Image. Mit Italien verbinden die Menschen Urlaub und Kaffee trinken, wir Türken haben immer noch ein Gastarbeiter-Image. Mich nerven Kommentare wie: "Sie sprechen aber gut Deutsch". Sonst beschäftige ich mich aber gar nicht mal so sehr damit. Es ist ja nicht so, dass ich morgens aufwache und denke: "Oh mein Gott, ich bin ja Türkin!"

SPIEGEL ONLINE: Ingo Zamperoni hat während der Halbzeitpause des EM-Spiels zwischen Deutschland und Italien 2012 für einige Entrüstung gesorgt, als er sagte "Möge der Bessere gewinnen" - auf Italienisch. Könnte Ihnen auch so etwas passieren?

Atalay: Nein, die Türkei ist ja so gut wie nie dabei! Die Nationalmannschaft hat das letzte Mal bei der EM 2008 oder so mitgemacht. Und selbst wenn, auch damit muss ich dann gelassen umgehen. Am Fußball soll's jedenfalls nicht scheitern.

SPIEGEL ONLINE: Erinnern Sie sich noch an Ihren ersten Auftritt als TV-Moderatorin?

Atalay: Ja, das war gemein. Ich hatte vorher viel darüber nachgedacht, was ich so alles machen könnte. Und dann gab es eine wichtigere Neuigkeit, weshalb ich mich sofort um das Thema kümmern musste. Darauf konnte ich mich nur eine halbe Stunde vorbereiten. Aber es war wohl gut, dass ich ins kalte Wasser geschmissen wurde und ich einfach funktionieren musste. In der Zwischenzeit ist mir auch schon die ein oder andere Panne passiert: ein falscher Beitrag wurde abgespielt oder die Schalte zu einem Interviewpartner hakte. Und nach einem Fußballspiel in Hamburg hat mir mal während der Live-Sendung ein St.-Pauli-Spieler Bier über den Kopf geschüttet. Das wird mir bestimmt nie wieder passieren.

SPIEGEL ONLINE: Tom Buhrow hatte einen letzten Satz, Thomas Roth hat auch einen. Wie lautet der Ihre?

Atalay: Darüber habe ich, ehrlich gesagt, noch nicht nachgedacht. Ich werde mal am Freitag schauen, ob mir spontan etwas einfällt. Das ist aber kein Muss bei den "Tagesthemen". Ich weiß noch nicht, ob ich überhaupt so einen Satz haben will.

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