Talks bei Illner und Beckmann Die Steuermoralapostel

Schwarzer, Schmitz, Linssen: Die Verfehlungen bei der Steuermoral liefern reichlich Stoff für Talkshows. Bei Maybrit Illner und Reinhold Beckmann waren sich die meisten Gäste einig: Schon die Diskussion stärkt das Rechtsbewusstsein. Nur ein Schweizer warnte vor einem "globalen Nordkorea".

Steuersünderin Alice Schwarzer: "Sie konnte den Hals nicht voll kriegen"
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Steuersünderin Alice Schwarzer: "Sie konnte den Hals nicht voll kriegen"


Nun reden sie wieder über Steuern, deren Hinterziehung sowie all die Rechts- und Gerechtigkeitsfragen, die damit zusammenhängen - Ehrlichkeit und Moral, Unterschiede zwischen Oben und Unten, Promi-Bonus respektive -Malus, die Cayman-Inseln und die Schweiz, Steuer-CDs und höchst erstrebenswerte Doppelbesteuerungsabkommen. Daran ist nicht allein die schräge Story von "Alice im Sünderland" schuld.

Mit einem Mal hat das Thema neue Brisanz erlangt, speziell für die SPD, die es eigentlich offensiv angehen und die Möglichkeit der Straffreiheit bei Selbstanzeige weitgehend abschaffen möchte, nur dass ihr dann leider der Berliner Kultursenator dazwischen kam samt einer Personaldebatte um Klaus Wowereit; dann ist noch der obskure Fall des CDU-Schatzmeisters Helmut Linssen. Reichlich Stoff also für Talkshows, der folgerichtig denn auch im Doppelpack serviert wurde, bei Maybrit Illner (ZDF) und Reinhold Beckmann (ARD).

Das war auch gut so. Wenn es nämlich eine Erkenntnis gab, die sich als Leitmotiv durch beide Sendungen zog, dann die, dass auch der öffentliche Diskurs über spektakuläre Steuerstraftaten und entsprechende Denkmalsstürze zu jenen Instrumenten zählt, die eine gewisse pädagogische Wirkung zwecks Stärkung des Rechtsbewusstseins entfalten können.

"Sie konnte den Hals nicht voll kriegen"

Niemand in der Illner-Runde, ob SPD-Fraktionschef Thomas Oppermann oder CDU-Innenpolitiker Wolfgang Bosbach, mochte ein gutes Wort über Frau Schwarzer verlieren. Nicht einmal Fachanwalt Thomas Wenzler wollte ihr zugestehen, sich in puncto Schwarzgeld aufgrund geschärften Unrechtsempfindens geoutet zu haben - dies sei vielmehr auf die Furcht vor Entdeckung wegen der neuen Schweizer "Weißenkonten-Strategie" zurückzuführen. Von Gier war die Rede, vom "zerbrochenen moralischen Zeigefinger", wie es Michael Spreng metaphorisch etwas gewagt ausdrückte. Und die bitter enttäuschte Schauspielerin und Mit-Feministin Maren Kroymann befand bündig: "Sie konnte den Hals nicht voll kriegen."

Dass angesichts der großen Mehrzahl ehrlicher Steuerzahler wohlhabende und reiche Prominente damit leben müssen, diesbezüglich mit besonderen Maßstäben gemessen zu werden, ohne deswegen regelrecht am Pranger zu landen, war weithin Konsens - und auch, dass der Bruch des Steuergeheimnisses gleichfalls nicht hinnehmbar und zudem strafbar ist.

Richtig flagranter Streit wollte ohnehin nicht entbrennen. Stattdessen wurde mit gebotenem Ernst problematisiert, über rechtsstaatliche Grundsätzlichkeiten philosophiert und bisweilen verlor sich die Diskussion ein wenig im Kleinteiligen. CDU-Mann Bosbach hatte zwischendurch auch noch ein Wort des Trosts für die SPD parat und meinte, der Berliner Regierende Bürgermeister werde die Affäre um seinen Senator schon durchstehen, nachdem er doch bereits so viel anderes politisch überlebt habe. Das klang fast wohlwollender als das, was dem hessischen SPD-Chef Thorsten Schäfer-Gümbel in der ARD-Runde hierzu einfiel, der energisch auf härteres Vorgehen pochte.

Warnung vor einem "globalen Nordkorea"

Die Dimensionen, um die es jenseits der aktuellen Einzelfälle tatsächlich geht, rückte bei Illner Kripo-Mann Sebastian Fiedler ins Bewusstsein. Nicht weniger als 300 Milliarden Euro werden ihm zufolge auf Auslandskonten gebunkert. Und die Schweiz sei nun mal lediglich eine Steueroase von vielen.

Aber sie spielt eben doch immer noch eine besondere Rolle, nicht zuletzt unterhaltungstechnisch, wenn beispielsweise der lustige Berufsschweizer Roger Köppel von der "Weltwoche" unter den Talk-Gästen ist wie jetzt bei Beckmann. Köppel pries die Segnungen des Steuerwettbewerbs und vertrat die Ansicht, es dürfe keinesfalls ein "globales Nordkorea" auf den Standards der europäischen Hochsteuerstaaten entstehen. Und wenn die übrigen Europäer etwas gegen seine heimatliche Oase hätten, dann sollten sie sich doch einfach bemühen, diese durch eigene Anstrengungen zur Wüste zu machen, weil das letztlich die Konkurrenz belebe.

Ernsthaft behauptete er, es existierten "Fluchtmotive" für Menschen, die verständlicherweise ihr Geld in Sicherheit vor dem Zugriff des Staats bringen wollten. Fast hätte man erwartet, der überaus freisinnige Schweizer würde sich auch noch zu einem Plädoyer für Alice Schwarzer hinreißen lassen. Aber so weit ging er dann doch nicht, sondern beließ es dabei, die "heilsame Entzauberung von Moralisten" zu begrüßen und zu beklagen, dass die Moral in den Debatten über das Geld überhaupt solch eine Rolle spiele. Da musste dann doch Reiner Holznagel vom Steuerzahlerbund, bei aller Kritik am deutschen Steuersystem, einiges gerade rücken, was Staatsverständnis und die Belange des Gemeinwesens anbetrifft.

Es war geradezu wohltuend, die Gegenstimme der jungen Autorin Julia Friedrichs zu hören. Sie beschäftigt sich mit genau dieser Moral und vermittelte einen Einblick in jene surreal anmutende, spielerisch-zynische Cayman-Inselwelt, in der nichts zählt außer Geld und Profit. Aber sie sprach auch davon, dass allmählich eine Art "finanzpolitischer Klimawandel" in Gang komme. Sie selbst und viele in ihrer Generation empfänden es keineswegs als Zumutung, Steuern zu bezahlen, sondern täten das sogar gern.

Noch scheint also nicht alle Hoffnung auf gerechtere Zeiten verloren. Wie hatte es doch Frau Kroymann so hübsch formuliert: "Steuerhinterziehung muss einfach als uncool gelten."



insgesamt 137 Beiträge
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Seite 1
bs2509 07.02.2014
1. Der Herr Weltwoche -Köppel . . .
. . . ist der rechts noch zu überholen...? Er ist ein sichtlicher Beweis, warum man die Schweiz weiterhin als dubiosen Finanzplatz im Auge behalten muß. Trotz schöner Worte vieler eidgenössischen Politiker und Banker, gehen solcher Art von Geldgeschäften weiter und solange kein wirklicher Druck auf den Hort der Demokratie ausgeübt wird, ändert sich nichts.
j.c78. 07.02.2014
2. Steuerhinterziehung
ist Betrug an der Allgemeinheit und folglich assozial. Da dieser in großem Stil nur von ohnehin vermögenden Menschen -die es nicht aus existenzieller Not heraus tun müssen- vorgenommen werden kann, ist einfach ein Ausdruck der primitiven Gier. Getreu dem Motto: "Mein Schatz".
fleischwurstfachvorleger 07.02.2014
3. Jeder Vergleich hinkt, aber
Zitat von sysopDPASchwarzer, Schmitz, Linssen: Die Verfehlungen bei der Steuermoral liefern reichlich Stoff für Talkshows. Bei Maybrit Illner und Reinhold Beckmann waren sich die meisten Gäste einig: Schon die Diskussion stärkt das Rechtsbewusstsein. Nur ein Schweizer warnte vor einem "globalen Nordkorea". http://www.spiegel.de/kultur/tv/talk-bei-illner-und-beckmann-ueber-schwarzer-und-die-steuermoral-a-952015.html
Steuerhinterziehung und Bankraub haben schon viel miteinander zu tun. Beides ist eine Straftat, die man auch dadurch begründen kann, dass man als Bankräuber mit der menschenverachtenden Politik der Banken nicht klar kommt. Wenn ich als Bankräuber das Geld dann doch "reumütig" zurück gebe, muss ich dann nicht ins Gefängnis?
thlogical 07.02.2014
4. Na Klar
Wenn der Staat den menschen so tief in die Tasche greift das sie sich kaum noch konsum leisten können dann frag ich mich wie man das nennt ... Na klar zahlen viele Menschen in Deutschland zu viel Steuern und hier bedarf es Reformen. Der Mittelstand schafft Arbeitsplätze und die leute die dort arbeiten erzeugen das größte Steueraufkommen. die paar die in Ausland gehen sind da wirklich unrelevant. Fakt ist das früher auch Leute ihr Geld in die Steueroasen geschafft haben aber es viel nicht auf weil der Staat einfach einen gut zahlenden Mittelstand hatte. heute haben wir Niedriglöhner und Aufstocker, Menschen die kaum noch von ihrem Geld leben können. Einen Mittelstand der seit Jahren schrumpft weil er zu hoch belasstet wird. Handwerker die billige Konkurenz aus Europa fürchten müssen. All das lässt die Einnahmen des Staates sinken und dann zapft man diese Quellen an sozusagen das Sparbuch was man jahrelang aufgebaut hat anstatt was am System zu Ändern. Warum wird Deutschland nicht selber zur Steueroase. Mal darüber nachgedacht?
galbraith-leser 07.02.2014
5. Alice Schwarzer ist keine Sünderin...
...und das Finanzamt keine Kirche, die ewiges Seelenheil verspricht. Frau Schwarzer ist, wie alle bestens verdienenden Steuerhinterzieher, eine Kriminelle, die gegen geltendes Recht verstößt und der Gesellschaft hier auf Erden schadet. Das einzige Problem, was in diesen Diskussionsrunden aber niemand anspricht, ist die fehlende Gerechtigkeit auf der Steuerausgabenseite. Wer Steuern verschwendet, egal in welchem Maßstab (die jährlichen Berichte des Bundesrechnungshofes sowie des Bundes der Steuerzahler sind voll davon), bleibt immer ungeschoren. DAS muss sich ändern, dann steigt mit Sicherheit auch die Bereitschaft, Steuern zu bezahlen. Alternativ könnte man auch das Wahlrecht ändern: Wer viel Steuern zahlt, sagen wir 10.000 ESt p.a., erhält bei der Bundestagswahl ein doppeltes Stimmrecht. Wenn 8 Millionen Menschen in diesem Land Dschungelcamp schauen, dann braucht man sich nicht wundern, wenn die Großkopferten den sogenannten Urnenpöbel verachten und Steuern hinterziehen.
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