Wahl-Talk bei Jauch Dampfplauderer mit Pirat

Röttgen, Künast, Wowereit, Lindner, Gysi: Angesichts dieser Gäste war bei Günther Jauch keine tiefsinnige Wahlanalyse zu erwarten, sondern die üblichen Politiker-Klischees. So kam es auch - für Abwechslung sorgten nur der Pirat Johannes Ponader und ein aufgeregter Mann im Publikum.
Talkgäste Lindner, Röttgen, Ponader: "Pöbelnder Politikerhaufen"

Talkgäste Lindner, Röttgen, Ponader: "Pöbelnder Politikerhaufen"

Foto: Rainer Jensen/ dpa

Es ist ein Leichtes, Johannes Ponader zunächst zu unterschätzen. Das bayerische 1,0-Abitur sieht man dem schmalen, relativ unscheinbaren jungen Mann schließlich nicht an, schon eher den "Gesellschaftskünstler", wie er sich nennt, mit gelegentlichem Hartz-IV-Bedarf. Sein Outfit dokumentiert, dass er auf Äußerlichkeiten wenig Wert legt, und dass er solche klischeeverdächtigen Vokabeln wie "nachhaltig" und "achtsam" und "zuhören" verwendet, zählt ebenso zu jenem etwas irritierenden ersten Eindruck wie die nackten Füße in Sandalen und sein unablässiges Hantieren mit dem Smartphone.

Er twittert nebenher, während er, bisweilen ein wenig verloren wirkend, in Günther Jauchs Talkrunde zur Schleswig-Holstein-Wahl sitzt, und er sagt, derlei Multitasking sei für ihn kein Problem. Das klingt auch deshalb glaubhaft, weil er nicht allzuviel redet. Mit "buddhistischem Gleichmut", wie der Gastgeber wähnt, hat das allerdings kaum etwas zu tun.

Denn Johannes Ponader, der neue politische Geschäftsführer der Piratenpartei, kann auch anders. Vor allem aber hört er den anderen tatsächlich zu - um irgendwann zu Protokoll zu geben, was er von all dem hält. Und es ist ziemlich genau das, was einem als Zuschauer irgendwie die ganze Zeit durch den Kopf gegangen ist: "Ich brauche hier nur zu sitzen und zu lächeln", sagt er. Wenn sich noch irgendjemand frage, weshalb die Piraten einen solchen Zulauf hätten, müsse er diese Diskussion hier nehmen, dann wisse er, wer die wahren Wahlhelfer seien. Und freundlich, ohne die Stimme zu heben, attestiert er seinen Mitdiskutanten, sie seien der übliche "pöbelnde Politikerhaufen".

Gegenwehr seitens der Gescholtenen erfolgt nicht, und allein damit ist über die Qualität der Veranstaltung einiges gesagt. So als habe man sich insgeheim verabredet, sämtliche im Umlauf befindlichen Vorurteile gegenüber der herkömmlichen Parteipolitik und das verbreitete Unbehagen an ihr noch einmal nachhaltig zu bestätigen, bringt es die etablierte schwarz-rot-grün-gelb-dunkelrote Crew zu einer echten Höchstleistung in der Disziplin wahlabendliche Dampfplauderei.

Irgendwas mit "Protest und Internet"

"Was tun wir hier eigentlich?", entfährt es der Grünen-Fraktionschefin Renate Künast etwa auf halber Strecke. Das ist jedoch nur insofern selbstkritisch gemeint, als sie findet, man solle nicht immer nur über die Piraten sprechen, was in der Tat wieder einmal reichlich geschieht.

Christian Lindner von der FDP, der es nächsten Sonntag in NRW seinem Kieler Parteikollegen Wolfgang Kubicki gleichtun soll, allerdings vehement bestreitet, dass es dabei auch um seine Person als Hoffnungsträger gehe, meint die Piraten endgültig in der Nähe der Linkspartei verorten zu können, da sie ja alles mögliche zum Nulltarif wollten. Außerdem fällt ihm, den sie einst "Bambi" nannten, noch die inzwischen völlig abgegriffene Formulierung ein, die Newcomer dürften nicht dauerhaft unter "Welpenschutz" stehen.

Berlins Regierender Bürgermeister Klaus Wowereit muss sich natürlich erst einmal pflichtgemäß daran delektieren, dass in Schleswig-Holstein Schwarz-Gelb abgewählt wurde und die Genossen dort nun die Option auf die sogenannte Dänen-Ampel haben, um sodann den nicht gerade originellen Gedanken loszuwerden, den Piraten stehe eine gewisse Entzauberung bevor.

Und Norbert Röttgen schafft es gerade noch, erstens seiner Genugtuung darüber Ausdruck zu verleihen, dass Rot-Grün in Kiel nicht geht, und zweitens über die Piraten irgendetwas in Richtung "Protest und Internet" zu äußern. Dann sieht er sich in einen leicht hämisch gefärbten Disput über die Dauerfrage verstrickt, ob er denn nun im Fall seiner Wahlniederlage als Oppositionsführer nach Düsseldorf gehen oder lieber in Frau Merkels Kabinett bleiben wolle.

"Hier wird keiner wie in der Ukraine rausgehauen"

"Er bleibt, aber er sagt es nicht", befindet Jauch, was Röttgen gar nicht witzig findet. Überhaupt will er doch vor allem ganz dringend über Sachpolitik reden, wie im Grunde ja auch die anderen. Und das geht dann so: Man beginnt bei der Haushaltssanierung, um die es selbstverständlich an Rhein und Ruhr bisher ganz schlecht bestellt ist dank Rot-Grün, wie Röttgen und Lindner besorgt feststellen, woraufhin Frau Künast die Steuerpolitik der Bundesregierung anprangert.

Das ist genau das Stichwort für Gregor Gysi, dem zwar zum miesen Wahlergebnis seiner Linkspartei nicht viel einfällt, wohl aber zum Thema Mövenpick-Steuer. Zur Bankenkrise sowieso. Und zur nach wie vor fehlenden Finanztransaktionsteuer. Und zu Schlecker. Wowereit assistiert, wenn auch ein bisschen bräsig: Nun ja, die FDP sei eben eine Klientelpartei, die vieles für wenige wolle. Die Luft im Gasometer ist aufgeladen von genau jenem Wahlkrampf der hinlänglich bekannten Art, die der Pirat zu Recht als unfreiwillige Wahlkampfhilfe für seine Partei identifiziert.

Dann wird es ganz kurz etwas grundsätzlicher, weil Jauch wissen will, ob es mehr auf Personen oder auf Programme ankomme. Ponader nutzt die Gelegenheit, um noch einmal dem Vorwurf zu begegnen, die Piraten seien zu inhaltsschwach, indem er als Belegbeispiele ein Ja zur Vermögensteuer und ein Nein zum Euro-Stabilitätspakt anführt. Das wiederum gefällt Gysi, der sich zuvor schon über die Wahlergebnisse in Frankreich und Griechenland gefreut hatte, wenn schon nicht über das in Schleswig-Holstein.

Aber viel Zeit bleibt nicht, weil zwischendurch noch etwas Unvorhergesehenes passiert. Jemand aus dem Publikum beschwert sich lautstark, dass es in Berlin nun doch keinen Neubau für die renommierte Schauspielschule Ernst Busch geben wird. Offenbar handelte es sich bei dem Protestierenden um einen Studenten der Schule. Der Mann wird von Sicherheitskräften abgeführt. Jauch hält seine Mitarbeiter auf. "Holen Sie den Mann bitte zurück", sagt der Moderator. "Hier wird keiner einfach aus der Sendung wie in der Ukraine rausgehauen", setzt er nach.

Ganz ohne internationale Bezüge kommt wohl heutzutage nicht einmal eine mehr oder minder normale bundesdeutsche Landtagswahl-Talkshow aus. Aber das macht die Sache auch nicht wesentlich besser.