Talkrunde über Fernsehkunst Plattitüden in Serie

Wenn Experten im TV über Literatur reden können, warum dann nicht auch über Fernsehen? In dem neuen Format "Serienquartett" sitzt nun der "Stromberg"-Erfinder und lästert über "Game of Thrones".

Krömer, Hoffmann, Hess, Husmann: Reden im Talk-Format "Seriös" über Fernsehserien
WDR

Krömer, Hoffmann, Hess, Husmann: Reden im Talk-Format "Seriös" über Fernsehserien

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Sitzen vier Menschen zusammen und reden über Serien. Das wäre nun nicht weiter berichtenswert, passiert schließlich täglich in diversen Wohnzimmer und Kneipen, wer weiß, vielleicht sogar in Chefetagen oder im Bundestag. Wenn schon das Klimapaket die düsteren Aussichten nicht zu lichten vermag - zumindest in Sachen TV-Serien sind die Zeiten golden.

Aber muss man deshalb auch noch im Fernsehen über Fernsehen reden?

Man muss, zumindest wenn man in der neuen Talk-Runde "Seriös - Das Serienquartett" sitzt. Und man möchte dann wahrscheinlich auch, denn wer hier sitzt, hat was zu sagen. Ist mindestens Hardcore-Binge-Watcher wie

  • der Komiker Kurt Krömer, der hier den Gesprächsleiter gibt,
  • und Moderatorin Annie Hoffmann ("Grill den Henssler").
  • Oder gleich vom Fach wie die Drehbuchautorin Annette Hess ("Kudamm 56 und 59")
  • und ihr Kollege Ralf Husmann ("Stromberg").

Wobei in einer von Kameras aufgezeichneten Gesprächsrunde naturgemäß Menschen am Hellsten strahlen, die nicht nur thematisch auf Stand sind, sondern griffig formulieren können. Marcel Reich-Ranicki war im "Literarischen Quartett", dem Urahn dieses Talk-Formats, nicht zuletzt deshalb der Star, weil er kongenial die verbale Streitaxt schwang ("Ich kann nicht anders, ich muss nörgeln").

"Game of Thrones" ist wie die "Lindenstraße" nur mit Drachen, "Babylon Berlin" wie "TKKG": In "Seriös" wird gelästert, aber selten vertieft
WDR

"Game of Thrones" ist wie die "Lindenstraße" nur mit Drachen, "Babylon Berlin" wie "TKKG": In "Seriös" wird gelästert, aber selten vertieft

Ralf Husmann gibt sich in "Seriös" zwar deutlich zurückhaltender und freundlicher, aber als gelernter Kabarettist hat er dann eben die Sätze parat, die hängen bleiben. Vor allem den hier, es geht um "Game of Thrones": "Das erinnert mich an die 'Lindenstraße', nur mit Drachen".

Dazu wäre nun einiges zu sagen, nicht nur, weil der Satz einfach sehr lustig ist, sondern vielleicht auch sehr wahr. Aber es gibt eher ein allgemeines Ein- und Ausatmen, und dann geht es auch schon weiter, es will ja noch viel besprochen werden, "Succession" und "Der Pass", "Derek" mit Ricky Gervais und die Netflix-Serienkiller-Teenie-Tragikomödie "The End of the F***ing World" mit Schwenks über "Babylon Berlin" und "Die Schwarzwaldklinik".

"Musst Du mal gucken, ist richtig gut"

Das ist das Hauptproblem von "Seriös": Selten ist mal Zeit, das Gespräch wirklich zu vertiefen, fast immer bleibt es bei Zweisatz-Urteilen, die kaum jemals echte argumentative Stringenz entwickeln. Tatsächlich erinnert das Niveau der Runde in seinen schlechtesten Momenten an private Gespräche, die zwischen Tür und Angel geführt werden und über ein "Musst Du mal gucken, ist richtig gut" nicht hinauskommen.

Besonders enttäuschend ist das dann, wenn die Insider der Runde mal wirklich was erzählen könnten, das man als interessierter Zuschauer noch nicht weiß. Zum Beispiel als die unvermeidliche Frage kommt, was denn nun angesichts des Booms in den USA mit den deutschen Serien ist, können die da mithalten?

Husmann: "Der Druck nimmt zu, sind guter Hoffnung." Hess: "Goldgräberstimmung." Arg unterkomplexe rhetorische Stanzen, die nach der Prä-"4 Blocks"-Ära klingen, als sich deutsche Serien gerade erst aufmachten ins neue Streaming-Zeitalter. Wie sie sich dort nun schlagen und was genau Hoffnungen und Strategien deutscher Serienproduzenten sind, dazu war kaum etwas zu hören.

Immerhin nahmen die beiden Kreativen in der Runde kein Blatt vor den Mund, wenn es darum ging, Kollegen zu kritisieren - ein heißer Brei, um den sonst in der Öffentlichkeit gern herumgeredet wird. Gleich zu Beginn witzelte Annette Hess, deutsche Serien und TV-Filme liefen bei ihr immer in doppelter Geschwindigkeit ab, dann stimme die Ereignisdichte. Andererseits rochen einige Seitenhiebe dann doch unangenehm nach Retourkutsche, eben vor allem, weil gleichzeitig die Argumentationsdichte spürbar fehlte.

Endlich mal richtig auf diese erfolgsverwöhnten "Babylon Berlin"-Macher eindreschen, das tat spürbar gut. Hess: "Der Plot erinnert mich an 'TKKG'". Husmann: "Habe nichts davon kapiert". Dann vielleicht doch lieber die "Lindenstraße", auch ohne Drachen?


"Seriös - Das Serien-Quartett": Freitag, 21.00 Uhr, ARD One

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insgesamt 5 Beiträge
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Seite 1
stefan_fueger 27.09.2019
1. Das ganze gibt es auch in gut ...
... und nennt sich "Sträter Bender Streberg", ist als Podcast auf allen möglichen Platformen verfügbar, mit Bild auch auf YouTube, und es unterliegt nicht den redaktionellen Hemnissen des Fernsehens.
christian simons 27.09.2019
2.
Zitat aus der Kritik der Frankfurter Rundschau: "Anfangs hatte Husmann gegenüber der Presse noch geleugnet, "The Office" kopiert zu haben, später wurde das Original in den Stabangaben genannt. Eine der peinlichsten Episoden der deutschen Fernsehgeschichte. Einmal spielt Annette Hess auf jenen "Rechtsstreit" an, ohne dass dem Publikum die Hintergründe erklärt werden. Im Gegenteil: Die Redaktion stellt Ralf Husmann in einer Einblendung als "Erfinder von 'Stromberg'" vor." (Zitat Ende) Aber immerhin konnte Copycat Husmann die Lufthoheit über diesen Stammtisch mit ein paar schicken Sottisen gewinnen. In den einschlägigen Serienforen bekommt man vergleichbare polemische Leistungen für lau..
karla.hofer 28.09.2019
3. Wie die Fussgängerzonen
"was genau Hoffnungen und Strategien deutscher Serienproduzenten sind," It's dead, Jim!
wiispieler 30.09.2019
4.
Dann doch viel Lieber "Bada Binge" von Rocket Beans TV als dieser klägliche Versuch. Außerdem würde ich nicht unbedingt von Stromberg "Erfinder" sprechen. Immerhin ist das nur die lizenzfreie deutsche Adaption einer schon bestehenden Serie (The Office).
lüder fitschen 30.09.2019
5. Gute Serien Veriss
Nichts für ungut, aber "Babylon Berlin" so struntzdoof zu kommentieren, wie die uninteressante Dame mit den langen blonden Haaren, entspricht wirklich ihrer Haarfarbe. Sie hat ihre mangelnde Intelligenz deutlich zum Ausdruck gebracht! Obwohl ich nicht religiös bin, erbitte ich trotzdem: "Herr, lass Hirn regnen!"
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