Margarete Stokowski

Talkrunden im TV Schweigen kann so sexy sein

Margarete Stokowski
Eine Kolumne von Margarete Stokowski
Talksendungen sind oft schlechte Beispiele für Diskussionskultur, denn es geht dabei nicht ums Zuhören und Lernen, sondern um den inszenierten Showkonflikt. Unterhaltung ist gefragt, Reflexion ist da eher hinderlich.
Hart ja, selten fair: die Talksendung mit Frank Plasberg

Hart ja, selten fair: die Talksendung mit Frank Plasberg

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Stephan Pick / WDR

Es ist einerseits verständlich und richtig, wenn Menschen sich über diskriminierende Aussagen in Talksendungen aufregen, andererseits liegt die Produktion dieser Aufregung in der Natur der Sache. Und so kann man zwar zur Kenntnis nehmen, dass der WDR und einige der beteiligten Personen sich für die rassistischen Aussagen und die Besetzung in einer Folge der Sendung »Die letzte Instanz« entschuldigt haben, das Problem liegt aber tiefer und ist nicht neu. Dass Talksendungen oft eher schlechte Beispiele für Diskussionskultur sind, liegt daran, wie diese Sendungen meist angelegt sind.

Ein wesentliches Merkmal politischer Diskussionen ist, dass die Beteiligten zumindest grundsätzlich den Willen zum Zuhören und die Bereitschaft zum Überdenken von Argumenten mitbringen sollten und außerdem die Möglichkeit, auszureden, ohne unterbrochen zu werden. Talksendungen suggerieren, dass es um Austausch geht, aber üblicherweise gehen die Beteiligten mit exakt denselben Meinungen nach Hause, mit denen sie gekommen sind. Weil es nicht ums Zuhören und Lernen geht, sondern um einen inszenierten Showkonflikt, bei dem Schlagfertigkeit und Aussehen mehr zählen als gute Gründe. Man verbringt dort als Gast mehr Zeit in der Maske als beim Argumentieren und das Problem daran ist nicht, dass Schminken halt dauert.

Es ist ein Problem, dass politische Talksendungen unterhalten müssen, aber zugleich eben Themen behandeln, bei deren Behandlung Unterhaltung als Priorität nicht unbedingt hilfreich ist. Das kann manchmal gut gehen, es kann aber eben auch komplett schiefgehen, sodass Talkformate oft nur noch die Karikatur einer echten Diskussion sind. Wobei es durchaus unterhaltsam und zugleich der Sache dienlich wäre, wenn in einer politischen Talksendung eine der befragten Personen nach einer Frage einfach aufsteht, sich die Mikrokabel aus der Kleidung zieht und sagt: »Es tut mir leid, ich muss erst mal einmal um den Block gehen und darüber nachdenken, bin gleich wieder da.«

Besonders absurd ist es, wenn in Talksendungen zu bestimmten Themen – oft: Sexismus, Rassismus – eine Zuspitzung und Polarisierung der Debatte beklagt wird, die dann meist den sozialen Medien angelastet wird, faktisch aber durch genau diese TV-Sendungen mitgeschaffen wird. Während aber in sozialen Medien wie Twitter der begrenzte Platz bisweilen zwangsläufig für kurze Formulierungen und ausbleibende Vielschichtigkeit sorgt, hätten TV-Redaktionen und Produktionsfirmen durchaus die Möglichkeit, Sendungen so zu gestalten, dass mehr Platz für Argumente bleibt. Das geht allerdings nicht, wenn Formate auf rhetorische Schaukämpfe abzielen und es geht auch nicht, wenn man zu Diskriminierungsthemen einfach willkürlich irgendwelche C-Prominenten einlädt anstatt Leute, die vielleicht (noch) nicht berühmt sind, aber Ahnung haben.

Nicht besser als besoffene »Wahrheit oder Pflicht«-Runden

Eine Sendung wie »hart aber fair« hat das Wort »fair« im Namen nur verdient in dem Sinne, dass da bisher nicht geprügelt wurde. Da aber sowohl der Moderator als auch die Einspieler der Sendung sich oft als politisch tendenziös erwiesen haben, kann man schlicht nicht erwarten, dass dort irgendeine Form der kollektiven Wissensbildung stattfinden kann, ähnlich wie in »Die letzte Instanz«, die durch Ja-oder-Nein-Fragen zu bestimmten Themen die Vereinfachung schon im Konzept trägt und damit an sich nicht über das Niveau von Flaschendrehen oder besoffenen »Wahrheit oder Pflicht«-Runden hinauskommen kann. (Fun Fact: Beide Sendungen werden von derselben Produktionsfirma gemacht.)

Es gibt ein Problem, solange es nicht zur Talkshowkultur gehört, auf Fragen mit »darüber müsste ich erst mal nachdenken« zu antworten . Das liegt teils in der Verantwortung derjenigen, die in Sendungen eingeladen werden, teils aber auch in der Verantwortung derer, die einladen. Dieses Problem beschränkt sich nicht allein auf Talksendungen im Fernsehen, sondern prinzipiell auf alle Medienformate, die eher auf diskursives Gemetzel als auf ausgeführte Gedanken abzielen. Es eignet sich auch nicht jedes Thema für ein Pro- und Contra-Format, Stichwort »Oder soll man es lassen?« .

Es gibt vieles, was man lassen sollte, in dieser Hinsicht. Manchmal ist es der beste Beitrag, den man leisten kann, zu einer Diskussion nicht hinzugehen. Im Zuge der #MeToo-Debatte hatte ich nicht nur einmal Anfragen der folgenden Art: Ein Radiosender ruft mich morgens an, um zu fragen, ob ich im Laufe des Tages an einer Diskussion teilnehmen möchte zu Vorwürfen gegen irgendeinen mehr oder weniger prominenten Mann, der Frauen belästigt haben soll und der nun deswegen irgendeine Art von Konsequenz spürt, also beispielsweise einen von vielen Jobs verliert. Man habe schon eine andere Person gefunden, die das kritisiert und brauche nun noch eine Person, die das aber gut findet – teilweise ging es dabei allerdings um Fälle, von denen ich noch nie gehört hatte oder deren Hintergründe ich nicht kannte. Ich nehme solche Anfragen nicht an, weil ich das ganze Format falsch finde.

Allerspätestens in der Corona-Pandemie sollten Medien eigentlich gemerkt haben, dass das Konzept »hier ist ein Experte und hier ist sein Gegenspieler« gefährlich ist. Es ist zwar Aufgabe der Medien, unterschiedliche Personen zum selben Thema zu befragen, aber das Problem ist, dass das Gegenspieler-Phänomen in den Redaktionen diese Gegenspieler oft erst erschafft, weil es sie durch Themenauswahl und Zuspitzung in Positionen bringt, die der Debatte an sich überhaupt nichts bringen. Wenn vermeintliche Expert*innen sich in ganz grundlegenden Fragen schon häufig inkompetent geäußert haben, dann braucht man sie nicht direkt aus der Manege zu canceln, aber es wäre hilfreich, sie dann nicht aus Prinzip zum Anti-Drosten oder Anti-Lauterbach zu stilisieren, denn es gibt exakt niemanden, dem das guttut, außer vielleicht dem Roboter, der die Klicks zählt.

Man könnte einiges davon auch auf Kolumnen anwenden: Auch Kolumnist*innen wird oft – und oft mit Recht – vorgeworfen, nur zwecks Polarisierung und Provokation zu arbeiten. Es gibt aber dennoch einen entscheidenden Vorteil gegenüber Talksendungen: Eine Kolumne mit einer Länge von etwas über 1000 Wörtern (das ist z. B. dieser Text hier) lesen Menschen im Schnitt in etwa sieben Minuten. In dieser Zeit kann die schreibende Person Gründe darlegen, Beispiele suchen, Gedanken zusammentragen, für deren Entwicklung sie länger als fünf Sekunden Zeit hatte. So viel zusammenhängende Redezeit kriegt man in keiner politischen Talksendung. Nun hat natürlich nicht jede*r eine Kolumne, aber das Problem ist eben nicht, dass zum Journalismus gehört, Meinungen unterschiedlicher Menschen abzubilden, sondern dass Talksendungen auf die Entwicklung von Argumenten, die länger als eine Minute dauern, wenig Wert legen.

Bessere Schulung von Redaktion und Moderator*innen

Es ist nicht so, dass es sich bei Talksendungen um unrettbare Formate handelt (wobei – bei »hart aber fair« und »Die letzte Instanz« wohl schon, außer sie switchen um auf unpolitischere Themen wie Desserts und Inneneinrichtung). Es wäre schon viel geholfen, wenn die Redaktionen, die diese Sendungen planen, Leute einladen würden, die etwas zum Thema zu sagen haben: Eine diversere Auswahl von Gästen, eine bessere Schulung der Redaktion und Moderator*innen zu Diskriminierungsthemen würde vieles ändern .

Wenn aber Talk- und Pro/Contra-Formate in den Medien so häufig hinter einem eigentlich nicht mehr als Geheimwissen betrachtbaren Wissensstand zurückbleiben und mehr Wert auf zackige Performance als auf Inhalte legen, führt es natürlich dazu, dass einige Menschen schlicht keinen Bock mehr haben, in solche Formate zu gehen, weil sie einfach ahnen, dass es nichts bringt. Sie gelten dann, wenn sie in den Medien auftauchen, zwar eventuell als Leute, die »nur ein Thema haben«, aber das ist ganz ehrlich beim derzeitigen Debattenstandort Deutschland nicht unbedingt die unglamouröseste Wahl.

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