Internetdebatte bei Jauch Omg, lol!

"Klicken wir uns das Gehirn weg?" Bei Günther Jauch durfte Psychiater Manfred Spitzer seinen Feldzug gegen das angeblich so gefährliche Internet fortsetzen. Immerhin hielten andere Gäste mit Gelassenheit und Kompetenz dagegen.
Günther Jauch (Archiv): Alkohol, Zigaretten, Röntgenstrahlen - Computer?

Günther Jauch (Archiv): Alkohol, Zigaretten, Röntgenstrahlen - Computer?

Foto: dapd

"Achtung, Computer! Macht uns das Internet dumm?", ist der Titel der Sendung, und mit ähnlicher Schlichtheit und gleicher Logik könnte man auch fragen "Achtung, Herd! Macht uns das Kochen dick?" Ernsthafte Antworten auf solch dumme Fragen sollten eigentlich überflüssig sein. Günther Jauch macht daraus eine Talksendung im Ersten.

Mal abgesehen vom immerhin noch lustigen Umstand, dass ausgerechnet im weitgehend passiv genutzten Fernsehen so über die größte interaktive Wissensmaschine der Geschichte gelästert wird - es war größtenteils wirklich schlimm. Wobei es später noch Punkte für Gelassenheit und Kompetenz zu verteilen gibt, allerdings nicht für Jauch und seinen Kronzeugen, den Psychiater Manfred Spitzer.

Der hat ein Buch geschrieben, in dem er vor Internet-Verdummung warnt und Eltern aufträgt, ihren Nachwuchs möglichst lange von Computern fernzuhalten. Es ist ein gewagtes Mash-up aus rhetorischen Fragen, Allgemeinplätzen und ausgewählten Studien. Die Jauch-Redaktion prügelt Spitzers 368-Seiten-Pamphlet für die Fernsehzuschauer in einen Satz: "Wir klicken uns das Gehirn weg." Was sich natürlich auch klicken lässt, ist eine harsche Rezension des Buchs, die kollaborativ im Web entsteht , außerdem eine Sammlung von Forschungsergebnissen , die einen gegenteiligen Schluss zulassen.

Jauch oder "Satire Gipfel"?

Die Sendung fängt schon schlecht an, als Jauch einen Bericht der Bundesregierung zitiert, demzufolge es in Deutschland 250.000 Onlinesüchtige geben soll - obwohl dafür allenfalls eine vage faktische Basis existiert und noch nicht einmal definiert wird, was eine Onlinesucht ist. Bis es einmal soweit ist, haben Forscher noch jede Menge Fragen zu beantworten. Auch Spitzer beruft sich gleich mehrfach auf den fragwürdigen Bericht mit seinen alarmierenden Zahlen: "Das! Ist! Schlimm!" Er vergleicht Internet und Computer mit Alkohol, Röntgenstrahlen und Zigaretten. Schüler sollten möglichst bis zum Abitur auf die Suchmaschine Google verzichten, um nicht völlig zu verblöden.

Was Schüler von dieser Idee halten, und was die eigentlich im Internet machen, ist offenbar egal: Unter 50-Jährige kommen nicht zu Wort. Nur einmal darf Spitzers Junior sagen, wie dankbar er seinem Vater für Fernseh- und Videospielverbot ist, und dass er seit zwei Wochen kein Smartphone mehr hat. Hallelujah! Omg, lol!

Spitzer zur Seite springt die ZDF-Moderatorin Petra Gerster, die findet, Kinder sollten Klavier, Skat und Ball spielen, aber bitte nicht Ballerspiele am Computer "machen". Später wird sie darum bitten, das ebenfalls kritisierte Fernsehen doch differenziert zu sehen, weil es da wundervolle Sendungen für Kinder gebe. Zum Beispiel die "Simpsons". Nur zur Vergewisserung: Es ist Sonntagabend, "Günther Jauch". Der "Satire Gipfel" läuft erst am Montag. Dabei liegt eine Verwechslung nahe, weil sonst wohl nur hartgesottene Comedians derart mühelos über Widersprüche und Details hinwegsehen, damit eine Pointe passt. Denn ob nun Ballerspiele, Computersucht oder Internet, alles wird zu einem diffusen Brei verrührt, Marke "Bedrohung", Geschmacksrichtung "Untergang".

"Kümmert euch darum, was sie dort machen"

Drei Gäste versuchen, dagegen anzureden. Der Kindermedienforscher Klaus Peter Jantke hält nichts von einem Medienverbot für Heranwachsende, lässt seinen fünfjährigen Sohn am Laptop Filme auf Englisch sehen. Neue Medien schaffen neue Probleme, sagt Jantke, man solle sich damit gründlich und tiefgründig auseinandersetzen. Er verteidigt das Internet, über das so viele Gedanken ausgetauscht und unzählige Anregungen eingeholt werden. "Wir brauchen diese Technologie", sagt Jantke, dessen Spezialgebiet Computerspiele und Lernprogramme sind. Den Eltern rät er: "Kümmert euch darum, was sie dort machen."

Das findet auch Wissenschaftsjournalist Ranga Yogeshwar, der ebenfalls geduldig für einen entspannten Umgang mit neuen Medien wirbt. Man solle nicht ja oder nein zu Computern sagen, so Yogeshwar, sondern zusammen mit den Kindern neue Regeln und Konventionen aufstellen. Günther Jauch schaut von der Seitenlinie beglückt zu, wie sich der digitale Graben in seiner Runde immer weiter auftut. Schulleiter Jens Haase kümmert sich an seiner Grundschule in Berlin um technische Aufrüstung. Dort wird nicht mehr an der Tafel gelehrt, sondern mit einem Beamer. "Wir müssen die Schüler auf ihre Zukunft und nicht auf unsere Vergangenheit vorbereiten", sagt Haase in einem Einspielfilm. Spitzers Buch hält er teilweise für richtig, teilweise für Humbug.

Der Angesprochene reagiert auf die Kritik zunehmend lauter. Spitzer entblödet sich auch nicht, mit dem Verweis auf die Zigarettenindustrie anzuführen, dass Wissenschaftler ja auch bezahlt würden, um Unwahrheiten zu publizieren.

Und er beharrt darauf: Internet macht doof, das wird man ja wohl noch sagen dürfen! Aber natürlich darf man das. Zum Beispiel im Fernsehen.