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27. August 2012, 08:51 Uhr

Merkel-Debatte bei Jauch

Redeschwall einer Untergangsprophetin

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Lothar de Maizière blickte versteinert, Ursula von der Leyen war offenkundig fassungslos: Bei Günther Jauch ließ Merkel-Kritikerin Gertrud Höhler wieder Suaden gegen die Kanzlerin los. Die vielleicht interessanteste Frage wurde aber nur gestreift.

Es ging um Angela Merkel, aber eigentlich ging es um Gertrud Höhler. An der Frage, was es mit der Kanzlerin der Deutschen und mächtigsten Frau des Planeten eigentlich auf sich habe, "wie sie tickt", arbeiten sich bekanntlich seit längerem Exegeten und Kritiker aller Gewichtsklassen und Couleur ab. Bei Günter Jauch ergab sich insofern eine neue Lage, als sich der Zuschauer bisweilen bei der Frage ertappte, wie denn wohl eine Merkel-Gegnerin von bis dato ungekanntem Großkaliber ticken mag, die dieses Genre gewissermaßen in eine neue Dimension befördert, indem sie sich selbst zur ultimativen Kassandra stilisiert.

Wer der Publizistin Höhler folgt, muss nämlich aufgrund des Wirkens der Kanzlerin Merkel, wenn nicht mit dem unmittelbaren Untergang des Abendlandes, so doch zumindest mit der Abschaffung der parlamentarischen Demokratie in Deutschland rechnen.

"Die Patin", wie Höhler die Kanzlerin in ihrem neuen Buch tituliert, betreibe ausschließlich Macht- und keine Sachpolitik, und das mit den Mitteln eines "autoritären Sozialismus", der schlagartig Gesetze kippe, Entscheidungen als alternativlos deklariere und auf Staatswirtschaft aus sei statt auf Wettbewerb und freie Entfaltung. Mit den bundesrepublikanischen Werten gehe die Frau aus dem Osten lediglich situativ um, da ihr die westlichen Grundideen wegen ihrer DDR-Sozialisation fremd geblieben seien. Und die Bürger bekämen von dieser schleichenden Gefahr nicht einmal etwas mit.

So klang der duster-drohende, fast abgründig intonierte Grundakkord, den Höhler in mancherlei Variationen anschlug - egal, von welcher Seite Annäherungsversuche an das Thema unternommen wurden. Und wie er den anderen Gästen in den Ohren klang - allesamt übrigens CDU-Mitglieder -, das war auch an deren Mienen abzulesen.

Offenkundige Fassungslosigkeit

Lothar de Maizière, der erste und letzte frei gewählte Ministerpräsident der DDR, bei dem Frau Merkel einst als Sprecherin begann und der sie Helmut Kohl für sein Kabinett empfahl, blickte meist wie versteinert. Er murmelte mehrfach etwas von Empörung über die Diskriminierung der Ostdeutschen und brachte vorsichtig Joachim Gauck ins Spiel sowie die preußischen Tugenden, die ja doch wohl beispielhaft von Frau Merkel verkörpert würden.

Was in Ursula von der Leyen vorging, der Arbeitsministerin und Stellvertreterin Merkels an der CDU-Spitze, war leicht zu erahnen, vor allem, wenn ihr Gesicht groß ins Bild kam. Immerhin schaffte sie es, ihre offenkundige Fassungslosigkeit und noch ein paar andere nicht sehr freundliche Empfindungen so weit zu überwinden, dass sie tapfer und mit Verve gegenhalten konnte. Ob Wehrdienstabschaffung, Energiewende, Bildungs- und Familienpolitik, Mindestlöhne - auf Feldern wie diesen habe die CDU den neuen Anforderungen einer sich wandelnden Welt Rechnung getragen und damit letztlich auch das Notwendige getan, um Volkspartei zu bleiben. Im übrigen handele es sich beispielsweise bei der Kernkraft oder dem Wehrdienst nicht um Werte, sondern um Instrumente, um Mittel zum Zweck.

Doch solch eine Argumentation passte eindeutig nicht in das Szenario von Frau Höhler, die darauf gleich wieder zu einer Suada in ihrem speziellen Sound ausholte und der Partei im allgemeinen sowie Frau von der Leyen besonders vorwarf, sie hätten lediglich "Themen der Sozis ins Angebot übernommen". Auch die Beteuerung der Ministerin, es werde bei und mit der Kanzlerin sehr wohl diskutiert, ließ sie nicht gelten; da musste stattdessen an die lange Riege der Geschassten von Merz bis Röttgen erinnert und auf all die vielen verwiesen werden, die sich nicht mehr aufzumucken trauten mit der geballten Faust in der Tasche.

Nur einmal schien die schmallippig lächelnde Härte ein bisschen aufzuweichen. Das war, als von der Leyen ihr zunächst eine gute Beobachtungsgabe, jedoch "ungewöhnlichen Furor" und die Verwendung "abstruser Begriffe" bescheinigt hatte, um Höhler dann sichtlich erregt entgegenzuschleudern, wie schlimm sie es finde, dass in dem Buch die Rede von der "Fremden aus Anderland" sei.

Leichter Touch ins Surreale

Die Antwort Frau Höhlers lautete, dies sei durchaus sympathisch, ja mitfühlend gemeint mit Blick auf das "Herantasten" Frau Merkels an all das Neue. Es blieb nicht die einzige Szene des Abends mit einem leichten Touch ins Surreale.

Dem ZDF-Journalisten Wolfgang Herles ist zu verdanken, dass es nicht noch mehr wurden. Er schaffte es nämlich immer mal wieder vorzuführen, dass konservative Kritik am Merkel-Kurs auch eine Nummer kleiner zu haben ist. Dem höhlerschen Schreckensbild von der machtgierigen, egomanen Systemveränderin hielt er den eher schnörkellosen Befund entgegen, dass dieser Regierung ziemlich viele handwerkliche Fehler unterlaufen seien.

Man müsse zwar die Herkunft von Politikern nicht tabuisieren, und klar sei auch, dass die Kanzlerin keine Ahnung vom wahren Liberalismus der alten Bonner Republik habe und den Kommunismus der 68er mit dem Sozialismus der DDR verwechsele, so Herles. Aber zu einer "Dämonisierung" Merkels gebe es nun wirklich keinerlei Grund. Wenn sie nach wie vor und zumal in der Euro-Krise das Vertrauen im Volk genieße, dann liege dies eben auch an ihrer Gabe, die Dinge zu entdramatisieren und pragmatisch anzugehen.

Doch mit dem Entdramatisieren ist das so eine Sache, wenn eine Untergangsprophetin erst mal richtig in Fahrt gekommen ist. Dass Gastgeber Jauch an diesem Abend manchmal etwas ratlos wirkte, konnte man fast verstehen. Erst ganz gegen Ende rang er sich zu der Frage durch, ob denn da womöglich zwischen Frau Höhler und Frau Merkel "irgendetwas Persönliches" sei, was natürlich bestritten wurde. Und die vielleicht interessanteste Frage wurde nur kurz gestreift, aber leider nicht weiter vertieft: ob Schmidt, Kohl und Schröder tatsächlich weniger für ihre Macht und deren Sicherung getan haben als die derzeitige Amtsinhaberin.

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