Krimi-Saison 2019/20 Über diese "Tatorte" werden Sie streiten

Entfesselte Gewalt mit Ulrich Tukur, auf der Couch mit Til Schweiger, am Abgrund mit Verena Altenberger: Das sind die TV-Krimis, die in den nächsten Monaten für Aufsehen sorgen.

Ulrich Tukur in der "Tatort"-Folge "Angriff auf Wache 08"
Bettina Müller/ HR

Ulrich Tukur in der "Tatort"-Folge "Angriff auf Wache 08"

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Tukur und die Nacht der lebenden Toten

Der Begriff Fernsehkrimi wirkt immer ein bisschen piefig, wenn sich Ulrich Tukur in unberechenbaren Abständen von den irren Filmfreaks des Hessischen Rundfunks einen bildschirmsprengenden Ausnahme-"Tatort" um seinen Ermittler Felix Murot herumbauen lässt. Nach Tarantino-Hommage und "Se7en"-Variation, nach Edgar-Wallace-Musical und "Täglich grüßt das Murmeltier"-Neuauflage folgt mit "Angriff auf Wache 08" in diesem Herbst eine Liebeserklärung ans harte Genrekino der Sechziger und Siebziger. Auf einer verlassenen Wache in der hessischen Provinz verschanzt sich der Ermittler vor einer unheimlichen Rotte Jugendlicher. Action-"Tatort" mit vielen Anspielungen auf Klassiker wie John Carpenters "Assault on Precinct 13" und George A. Romeros "Night of the Living Dead".

"Tatort: Angriff auf Wache 08", Ausstrahlung: Oktober


"Polizeiruf"-Darstellerin Verena Altenberger mit Spielpartnern
BR

"Polizeiruf"-Darstellerin Verena Altenberger mit Spielpartnern

Altenberger und der Tanz am Abgrund

Die besten "Tatorte" sind oft "Polizeirufe". Das war zum Beispiel so bei den Krimis mit Matthias Brandt, der sich nach einem letzten Höhepunkt 2018 vom Fernsehkrimi verabschiedet hat. Jetzt wird alles neu beim Münchner "Polizeiruf". Und bleibt doch irgendwie beim Alten. Denn Brandts Nachfolgerin Verena Altenberger arbeitet mit einer ähnlich heiteren Lakonie, durch die auch der Blick in schwärzeste Abgründe genau, reflektiert und erträglich bleibt. Altenberger spielte in der RTL-Sitcom "Magda macht das schon" souverän mit Stereotypen über osteuropäische Pflegekräfte, in dem Kinodrama "Die beste aller Welten" verkörperte sie eine zerstörerische drogensüchtige Mutter. Als neue "Polizeiruf"-Ermittlerin Elisabeth Eyckhoff findet sie einen Tonfall, der nüchtern und verspielt zugleich ist. Wie sie sich in ihrer ersten Episode einem verwahrlosten Jugendlichen nähert, ist großes psychologisches Krimi-Kino.

"Polizeiruf 110: Der Ort, von dem die Wolken kommen", Ausstrahlung: September


Til Schweiger mit Fahri Yardim in dem alten Tschiller-"Tatort" "Kopfgeld"
ARD

Til Schweiger mit Fahri Yardim in dem alten Tschiller-"Tatort" "Kopfgeld"

Schweiger ohne Schusswaffe und Schlagerstar

Dass der beste "Tatort" ein "Polizeiruf" ist, findet auch Til Schweiger. In der Vergangenheit hat er sich begeistert zu dem "Polizeiruf"-Team aus Rostock geäußert, das meist sehr körperlich und zugleich sehr klug in Szene gesetzt ist. Verantwortlich dafür ist unter anderem der irische Regisseur Eoin Moore, der den Krimi mit Charly Hübner und Anneke Kim Sarnau entwickelt hat. Jetzt justiert Moore den "Tatort" um dessen Nick Tschiller neu. Der einst zu Extrakonditionen engagierte Megastar Schweiger brachte der Krimireihe keine Megaquoten, auch nicht durch Panzerfaust- und Helene-Fischer-Einsatz. Das Tschiller-Reboot zeigt einen gebrochenen Kommissar, der nach übertriebenen Gewalteinsätzen auf der Insel Neuwerk vor der Elbmündung zu Sozialarbeit und innerer Einkehr verdonnert ist. Regisseur Moore verspricht: "Der Film ist auf jeden Fall ein komplett anderer Tschiller-'Tatort'. Andere Bilder, anderes Tempo, wir lernen ganz neue Seiten von Nick Tschiller kennen. Und er schießt nicht einmal mit einer Pistole."

Titel noch nicht bekannt, Ausstrahlung: Anfang 2020


Eva Löbau und Hans-Jochen Wagner in "Masken"
Benoit Linder/ SWR

Eva Löbau und Hans-Jochen Wagner in "Masken"

Löbau und Wagner im Taumel der Fasnacht

Karneval, Fasching, Fasnacht - es gab schon etliche "Tatort"-Folgen, die vor dem Hintergrund regionaler Ausnahmezustände gedreht worden sind. Bei der Folge, die Anfang des Jahres rund um die letzte alemannische Fasnacht in Freiburg und Baden-Baden entstanden ist, sind die Erwartungen trotzdem groß. Zum einen weil die "Tatorte" mit Eva Löbau und Hans-Jochen Wagner in der letzten Zeit immer wieder ästhetisch über Grenzen gingen, zum anderen weil Episoden-Regisseur Jan Bonny für besonders entfesselte, in den realen Raum greifende Filme steht. Für einen Borowski-"Tatort" kaperte er vor zwei Jahren das Touristik-Highlight Kieler Woche für ein schmerzhaftes Selbstauslöschungs-Psychogramm. Die neue Folge "Masken" soll laut Bonny ambivalenter sein: Glücklicher Taumel, schwarze Täler, lustige Verirrungen stehen auf dem Programm. Auch dies wird wohl kein "Tatort", mit dem der örtliche Tourismusverband für die Region werben kann.

"Tatort: Masken", Ausstrahlung: vermutlich zur Fasnachtszeit 2020


Miroslav Nemec (l.) und Udo Wachtveitl in "Unklare Lage"
Hagen Keller/ BR

Miroslav Nemec (l.) und Udo Wachtveitl in "Unklare Lage"

Im digitalen Ausnahmezustand mit Nemec und Wachtveitl

28 Jahre sind sie im Dienst, immer wieder stießen Miroslav Nemec als Batic und Udo Wachtveitl als Leitmayr in klassisch gebauten, nihillistischen Cop-Krimis an ihre Grenzen. Am schonungslosesten wohl 2016 in einer Folge, die den Titel "Die Wahrheit" trug, in der aber eben nicht im Ansatz so etwas wie eine "Wahrheit" ausfindig gemacht werden konnte. Für die Episode "Unklare Lage", wie die "Wahrheit" von der "Babylon Berlin"-Produktionsfirma X-Filme hergestellt und auf eine Handlungszeit von 36 Stunden begrenzt, wird das grausame Spiel mit falschen und richtigen Hinweisen jetzt noch weitergetrieben. München gerät nach einem Anschlag in den Ausnahmezustand, in den sozialen Netzwerken verdichten sich wahre Informationen, Fake News und infame Behauptungen auf unheilvolle Weise. Der Cop ist hier, das ist neu im Sonntagskrimi, auch Getriebener einer digitalen Alternativwirklichkeit.

"Tatort: Unklare Lage", Ausstrahlung: Frühjahr 2020


Die Sonntagskrimi-Saison in der ARD beginnt am 11. August mit einem "Polizeiruf" aus Magdeburg. Lesen Sie dazu am Freitag auch unsere "Fadenkreuz"-Kolumne.

insgesamt 41 Beiträge
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kraftmeier2000 08.08.2019
1. Die Tatorte werden in
den Jahren immer unrealistischer, und der schlimmste kommt hier aus Hamburg, erinnert mich irgendwie an Rambo diese komische Figur die vom Antischauspieler Til Schwaiger dargestellt wird. Gleich danach auf der Negativliste steht bei uns der Münchner Tatort. Natürlich sind auch andere nicht gerade um vieles besser, aber Teilweise mit ein wenig Humor (Münster) versehen, wo man dann auch über Ungereimtheiten hinweg sieht. Und ganz nebenbei, es gibt kaum etwas Neues, was nicht irgendwo in einem Krimi schon mal aufgetaucht ist, sei es Handlung oder Charaktere. Und die Bösen erkennt man oft schon an der Besetzung, so das man ohne darüber nachzudenken, den Mörder etc. daran festmachen kann. Und das nicht nur im Tatort, das Gilt vor allem auch für die ZDF Krimimacher, einfach Einfallslos und Langweilig die meiste Zeit.
frankenbaer 08.08.2019
2. Zu Tukur -im Schmerz geboren.
Dieses Machwerk wird als ein Meisterwerk bezeichnet - so können Ansichten auseinander gehen, denn für mich war dieser Tatort die schlimmste Entgleisung bisher. ,
dr.joe.66 08.08.2019
3. man muss ja nicht...
Man muss ja nicht Tatort schauen - oder überhaupt Fernsehen. Auch wenn man die GEZ bezahlt hat - es gibt kein Pflicht-Zuschauen. Es gibt tatsächlich noch andere Möglichkeiten der Unterhaltung. Ein schöner Abend bei einem Kartenspiel. Oder auch mal wieder Schach. Ein interessantes Buch. Ein Spaziergang im Wald oder am See, oder auch durch die verregnete Stadt. Ein Sprachkurs. Zu zweit etwas kochen, was man noch nie gegessen hat. Mir fallen da eine Menge Sachen ein, die man allein, zu zweit oder zu mehreren machen kann... In meinem letzten mit Absicht geschauten Tatort lief noch ein gewisser Tanner rum... Warum ich dann diesen Artikel gelesen habe? Naja, ich dachte, vielleicht sollte ich doch mal wieder einen Tatort schauen. Aber nee, ich denke nicht...
morrisfan 08.08.2019
4. Aufsehen?
Tatort und Aufregung, was war wohl letztmalig wegen Nastassja Kinski und das ist schon mehrere Fernsehgenerationen her. Realismus erwartet wohl niemand, aber wenn Til Schwieger in einem Tatort mehr Kugeln verschiesst als alle Polizisten Deutschlands seit 1949, dann ist das schlicht lächerlich. Aber vielleicht in diversen Altersheimen noch der "Tatort", bevor die sedierten Patienten komplett ins Wachkoma rutschen. Ich tue mir das jedenfalls schon seit Jahren nicht mehr an.
Schartin Mulz 08.08.2019
5. Ich schätze
Herrrn Tukur als Schauspieler sehr. Aber diese völlig abgedrehten Tatorte mit ihm sagen mir gar nicjhts. Was soll diese ständige Zitiererei von berühmten Filmen? Da schaue sich mir doch lieber dei Originalfilme an. Überhaupt habe ich immer wieder das Gefühl, dass sich die Tatort-Macher regelmäßig verheben. Weil sie mehr wollen als sie können. Das ist kein großes Kino, das sind Fernsehkrimis.
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