Berlin-"Tatort" mit Hip-Hop-Einlagen Der Rapper, dein Freund und Helfer

Vom Gangsterparadies in die Streifendiensthölle: Der Berlin-"Tatort" beginnt im "4 Blocks"-Stil und wird zum Drama über kaputte Familien im Beamtenmilieu - rappender Polizei-Praktikant inklusive.

Stefan Erhard/ rbb

Von


Achtung, Kotti-Folklore! Aus den teuren Autos der Araber tönt der Rapper Fler, der vom feuerroten Himmel über Berlin und anthrazitfarbenen Asphalt schwärmt, und am Kottbusser Tor rieselt leise der Schnee. Wie sich der Berliner "Tatort" am Anfang mit Dicke-Hose-Gerappe und Kokser-Gelümmel an die Fans der Gangstersaga "4 Blocks" ranzumachen scheint, nervt ein wenig. Zu Unrecht.

Denn die Ranschmeiße an "4 Blocks" ist nur angetäuscht, das von Fler besungene Gangsterparadies verwandelt sich ganz schnell in eine Streifendiensthölle. Ein guter Einstieg, der den Blick dafür wachhält, um die komplizierteren Wahrheiten im Hip-Hop-Bilderbogen zu finden.

Hier rappen zu Beginn ja sogar die jungen Polizisten, weil sie nun mal jung sind und Rap das ist, was man da hört. Herzerwärmend, wie die Streifenpolizistin Sandra (Anna Herrmann) und der Einsatzpraktikant Tolja (Jonas Hämmerle) am Kotti drauflosreimen und -singen, während sie sehnsüchtig den Dealer-Karren hinterherschauen: "Wenn wir Bullen sagen 'Ab nach Hause', dann lachen die sich kaputt und bestellen 'ne Brause."

Fotostrecke

8  Bilder
"Tatort" mit Karow und Rubin: Eskalation auf dem Kiez

Die Autorität der Bullen im Block ist tatsächlich bescheiden, wie sich schon beim ersten Routineeinsatz mit dem alten Hasen Stracke (Peter Trabner) zeigt. Der scheint genervt von der Ohnmacht und lässt den Einsatz eskalieren. Aus einer Wohnung bollert Hip-Hop. Statt eine Ermahnung auszusprechen und wieder abzudackeln, stellt Stracke seinen Fuß in die Tür. Drinnen wird gerade Koks abgepackt, der junge Gangster Yakut (Rauand Taleb aus "4 Blocks") erschießt Sandra, schießt Stracke ins Bein und gibt zwei Schüsse auf Tolja ab, der zum Glück eine kugelsichere Weste trägt.

Rubin, eine Glucke?

Der Fall wird in diesem "Tatort" zur Familienangelegenheit, denn Tolja ist der Sohn von Kommissarin Nina Rubin (Meret Becker). Die kriegt aus dem Jungen jedoch nichts raus, so sehr sie auch mahnt und liebkost. "Vielleicht sind Sie ihm gerade zu gluckig", sagt Robert Karow (Mark Watschke), dem sich der Junge öffnet.

Zum Dank verunglimpft Rubin den umtriebigen bisexuellen Kollegen - in dieser Folge schläft er mit der Rechtsmedizinerin, um an wichtige Infos zu kommen - vor ihrem Sohn: "Er fickt alles, was nicht bei drei auf den Bäumen ist."

Fotostrecke

21  Bilder
Fotostrecke: Alle "Tatort"-Teams im Überblick

Über Strecken entfaltet dieser Hardboiled-"Tatort" einen guten Sog (Buch: Christoph Darnstädt, Regie: Christian von Castelberg). Die Dialoge kommen daher wie Backpfeifen, die Charaktere agieren handfest, die Handlung biegt in rasanter Fahrt um die Ecken. Doch irgendwann, und das ist das Problem, werden es ein bisschen zu viele Ecken. Jeder ist in diesem Berlin mit jedem bekannt, im Plot reiht sich ein unglücklicher Zufall an den anderen.

So auch im emotionalen Kernstück des Krimis. Da geht es um das sonderbare Verhältnis des alten Wachtmeisters Stracke zur jungen getöteten Kollegin, für die er wie ein Vater war. Noch so eine Familienangelegenheit: Auf einem Spielplatz erschoss die Junge einst den bewaffneten drogensüchtigen Sohn des Alten, trotzdem fuhren die beiden weiter Streife zusammen. Ein schönes Bild zwar von Zusammenhalt in grausamsten Zeiten, aber eben doch ein bisschen zu viel Zufall, um am Ende ganz zu überzeugen.

Apropos Zusammenhalt: Der ist bei Karow und Rubin immer noch ausbaufähig. Einmal macht Karow sich einen Kaffee, Rubin fragt: "Machen Sie mir auch einen?" Der schüttelt nur den Kopf angesichts einer solchen kollegialen Zumutung und säuselt ironisch: "Ja, genau."

Bewertung: 6 von 10 Punkte


"Tatort: Der gute Weg", Sonntag, 20.15 Uhr, ARD

insgesamt 1 Beitrag
Alle Kommentare öffnen
Seite 1
vankust 06.05.2019
1. Ursache und Wirkung
Durch einen kurzen Rückschnitt war dem Zuschauer früh, sehr viel früher als den Kommissaren, klar, was da gelaufen war. Konstruiert, aber unterhaltsam. Im Vordergrund stand eh das Grundthema des Berliner Tatorts, welches sich ja immer in den beiden Ermittlern ausdrückt und welches nun auch auf Streifenpolizisten erweitert wurde: Zieht dieser Job kaputte Typen an oder macht der Job sie kaputt?
Alle Kommentare öffnen
Seite 1

© SPIEGEL ONLINE 2019
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung


TOP
Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.