SPIEGEL ONLINE

SPIEGEL ONLINE

16. Februar 2018, 15:09 Uhr

Krimikunstwerk

Der "Taxi Driver" räumt im "Tatort" auf

Von

Zum Eröffnungswochenende der Berlinale huldigt der "Tatort" dem "Taxi Driver" und anderen Kinomythen. Fernsehen, das größer als die Wirklichkeit ist.

Er rollt mit seinem Taxi durch New York und fantasiert vom Regen, der irgendwann all den Dreck in den Straßen fortspülen wird. Die Rede ist von Travis Bickle, jenem narzisstisch gestörten Möchtegernrächer aus Martin Scorseses "Taxi Driver", der sich am Ende des Filmes, weil der reinigende Guss ausbleibt, einen Irokesenschnitt rasiert und den Zuhälter einer minderjährigen Prostituierten zur Rechenschaft zieht.

Gut möglich, dass sich auch so mancher deutscher Fernsehkommissar angesichts seiner vergeblichen Ermittlungsbemühungen den Iro-Fantasien Bickles hingibt; zum Glück kommen bei der Verwirklichung dieser Fantasien meist allerlei Dinge dazwischen: Paragraphen, Kollegen, Pflichttermine beim Polizeipsychologen.

Der Berliner Robert Karow (Mark Waschke) ist von allen TV-Ermittlern dem von Robert de Niro gespielten Bickle am nächsten; er ist der Mann mit der kürzesten Lunte im "Tatort"-Land: viel zu viel Testosteron, viel zu wenig Gesellschaft. Morgens wacht er allein auf, reißt erst einmal 100 Liegestütze runter, schaufelt Eiweiß in sich hinein, und wenn er überhaupt mit jemandem redet, dann mit seinem Spiegelbild. Narzisstische Störung nicht ausgeschlossen. Wagt ihn die Kollegin Rubin (Meret Becker) anzusprechen, starrt der aufgepumpte Polizist sie mit diesem "You-talkin'-me?"-Blick an.

Im neuen "Tatort" kurvt Karow jetzt tatsächlich wie der "Taxi Driver" durch die nächtliche Stadt; im Off schwelt monströs und melancholisch der Originalsoundtrack von Bernhard Herrmann. Und wie das US-Kinovorbild glaubt auch Karow, er müsse eine Minderjährige beschützen, die in einem illegalen Bordell anschafft. Er ist bei dieser selbstgestellten Aufgabe nicht erfolgreich.

"Der Film hat recht!"

Die Neuerfindung des deutschen Fernsehkrimis aus dem Geist des US-Genrekinos - keiner betreibt sie zur Zeit so konsequent wie der Drehbuchautor Erol Yesikaya und der Regisseur Sebastian Marka. Den Frankfurter "Tatort" haben die beiden mal als Variation auf den Horrorklassiker "The Last House on the Left" inszeniert, eine Folge von ihnen mit Ulrich Tukur kam als doppelbödige Hommage an den modernen Serienkillerklassiker "Se7en" daher.

"Tatorte" von Yesikaya und Marka sind Thriller, die auf mehreren Ebenen spielen und in der die Filmgeschichte miterzählt und reflektiert wird. Es sind Meta-Krimis. "Meta" ist nun auch der Titel ihres ersten Berliner "Tatort", und "Meta" ist auch der Titel eines Films, dem in diesem "Tatort" eine zentrale Rolle zukommt.

Denn jetzt wird es kompliziert: Der "Tatort" spielt zur Zeit der Internationalen Filmfestspiele in Berlin, wo ein Kinothriller Uraufführung feiert, dessen Handlung exakt den Fall erzählt, den die beiden Ermittler gerade untersuchen. Zur Mordkommission wurde ein abgetrennter Frauenfinger geschickt, der zu einer in Formaldehyd eingelegten Leiche führt, die zu einem illegalen Bordell mit minderjährigen Sexsklavinnen führt. Hier sollen auch hochrangige Geheimdienstbeamte ein- und ausgegangen sein, die Zeugen verschwinden lassen wollten. Dafür wurde offensichtlich ein einsamer, genialer Killer engagiert, der in der Videothek gearbeitet hat.

Cineasten-Alarm: Dieser "Tatort", von dem einige Szenen während der letzten Berlinale auf dem roten Teppich gedreht wurden, verwischt lustvoll die Grenzen zwischen Realität und Fiktion. "Der Film hat recht." So lautet einer der schönsten Sätze. Die Fernsehkommissare können den Filmkommissaren auf der Leinwand zuschauen, wie diese wiederum ebenfalls Kommissaren dabei zuschauen, wie diese dem abgetrennten Finger bis zu einem Komplott in höhere Etagen des Innenministeriums folgen.

Diese wunderbar verblasene, aber in sich schlüssige Konstruktion geht auch deshalb auf, weil durch verwinkelte Spiegelungen von Realität und Fiktion ein Paranoia-Szenario entsteht, das bei dem krankhaft in sich selbst verliebten einsamen Wolf Karow bestens zündet: Er glaubt, dass er nur den Film richtig lesen müsse, um das Verbrechen auflösen zu können, und als darin ein Hinweis eben auf "Taxi Driver" gegeben wird, steigt er völlig in die Fiktion ein, die nun auf einmal eben seine Realität wird und kurvt in Rächerpose durch Berlin. Ein Mann, der Einbahnstraßenschilder ignoriert. Ein Mann, bei dem man nicht weiß, ob er eingewiesen oder befördert gehört.

So oder so: ein wunderbarer Aufstand gegen das Realitätsdiktat des deutschen Fernsehen.

Bewertung: 9 von 10 Punkten


"Tatort: Meta": Sonntag, 20.15 Uhr, ARD

URL:

Verwandte Artikel:


© SPIEGEL ONLINE 2018
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung