Letzter "Tatort" mit Postel und Mommsen Zum Abschied eine Heroinspritze voll Irrsinn

Stedefreund im Rachemodus, Lürsen im freien Fall, und das BKA ist voll auf Heroin: Der Abgang des Bremer "Tatort"-Teams kommt als pralle Pulp-Fiction daher. Kann man bekloppt finden. Oder lieben.

Christine Schroeder/ Radio Bremen/ ARD

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"Tatort"-Abschiedsvorstellungen gibt es in zwei Varianten: als melancholischen Ritt in den Ruhestand, so wie ihn Peter Sodann als Kommissar Ehrlicher hingelegt hat, der 2007 wirklich auf einem Pferd in die Abendsonne trottete. Oder als blutigen Showdown wie Mehmet Kurtulus als Undercoverermittler Cenk Batu, der 2012 zur Rettung seiner Geliebten den Bundeskanzler als Geisel nahm, um sich dann in Zeitlupe von einem Spezialkommando zersieben zu lassen.

Der letzte Bremen-"Tatort" mit Inga Lürsen und Nils Stedefreund fällt eindeutig in die zweite Kategorie. Blut wird fließen, Bilder werden gefrieren. Am Anfang sieht man die beiden in einem Flugzeug mit aufgerissener Tür, beide in Fallschirmspringermontur. Stedefreund schreit: "Wenn du jetzt nicht springst, springst du nie." Ja, Inga Lürsen schafft nach 39 Fällen den Absprung, ihr Kollege und Freund Stedefreund, seit 35 Fällen an ihrer Seite, hilft ihr dabei. Die Landung wird brutal.

Und schuld ist mal wieder die Vergangenheit, die im Bremen-"Tatort" ja sowieso niemals ruhte. Lürsen (Sabine Postel) wurde seit Dienstantritt vor 22 Jahren immer wieder von ihrer frühen Biografie als linke Politaktivistin eingeholt, der umtriebige Stedefreund (Oliver Mommsen) hatte stets irgendwelche ominösen Extrajobs laufen, über die man gar nicht so genau Bescheid wissen will und aus denen fatale Verpflichtungen in der Gegenwart entstehen.

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Letzter Lürsen-"Tatort": Blut wird fließen

Erinnern Sie sich? In der Episode "Er wird töten" aus dem Jahr 2013, in dem Lürsens Kurzzeitlover starb, war Stedefreund angeblich aus Afghanistan zurückgekommen, wo er als Ausbilder gearbeitet haben soll. War natürlich ganz anders. Wie wir jetzt erfahren, hatte er in dieser Zeit einen langwierigen Undercoverjob fürs BKA gegen Menschenhändler, der am Ende aus dem Ruder lief. Drei junge Frauen starben bei dem Einsatz. Jetzt trifft Stedefreund zwei der BKA-Kollegen wieder, und die haben ihn aufgrund des Wissens über das geheim gehaltene Ermittlerfiasko voll im Griff.

Das BKA auf Heroin

Die BKA-Ermittler mauscheln mit einer Immobilienentwicklungsfirma, die Drogengeld der tschetschenischen Mafia wäscht. Ermittler Maller (Robert Hunger-Bühler) ist ein Psychowrack, der für den Job Ehe und Familie in den Sand gesetzt hat, sein Kollege Kempf (Philipp Hochmair) ist ein Junkie. Als Maller den anderen einmal nicht aus dessen Heroinkater wachgeschüttelt kriegt, bläst er ihm mit dem Strohhalm Koks in die Nase.

Beide träumen von Acapulco, aber ihr hass- und heroinverhangener Blick reicht nicht mal auf die andere Seite der Weser, wo die Scheinfirma der Tschetschenen mit dem Drogengeld unattraktives Brachland von den Kommunen aufkauft. Nachdem die Sekretärin der Firma tot unter einer neu gebauten Straße gefunden wurde, gerät Stedefreund in die unübersichtliche Gemengelage zwischen Drogengeld, Immobiliengeschäften und BKA-Unterwanderung. Die beiden Ex-Geheimdienstkollegen fordern, dass er doppeltes Spiel mit Lürsen treibt.

Die Verantwortlichen des Bremer "Tatorts" (Redaktion: Annette Strelow) hatten stets den Mut, gesellschaftspolitische Stoffe mit dem Mitteln des B-Movies zu erzählen; oft führte Florian Baxmeyer bei diesen bizarr entfesselten Themen-Thrillern Regie. Unvergessen sein "Tatort" über ein Killerauto mit Turbosound und Elektroantrieb, der, wenn man so will, wie ein röhrender, aberwitziger Kommentar auf die Debatte über Dieselmotoren und E-Mobilität in den Sonntagabend gebrettert kam.

Baxmeyer hat auch diese Abschiedsfolge (Buch: Michael Comtesse, Florian Baxmeyer und Stefanie Veith) inszeniert, in der Kommissar Stedefreund überhöht ins Bild gesetzt wird wie Liam Neeson in seinen vielen Rachethrillern und in dem die Drogen-Schockbehandlungen der korrupten BKA-Ermittler wie in einem Tarantino-Film daherkommen.

Kann man bescheuert finden. Oder lieben. Für Nostalgie und Melancholie bleibt in diesem kunstvoll überreizten Finale jedenfalls keine Zeit. Am Ende wird allerdings noch sehr schön Asche in den Himmel über Bremen gestreut.

Bewertung: 9 von 10 Punkten


"Tatort: Wo ist nur mein Schatz geblieben", Ostermontag, 20.15 Uhr, ARD

insgesamt 28 Beiträge
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jonath2010 19.04.2019
1. Verräter
Na so was, wieso wird hier die ganze Handlung verraten? Jetzt brauch ich überhaupt nicht mehr einzuschalten.
frantonis 19.04.2019
2. Danke für den Hinweis
Nun weiß ich, dass ich den Ostermontagabend für bessere Dinge als den Tatort nutzen kann...
tednuber 19.04.2019
3. Abgesang
Wer wird denn schon am Karfreitag die letzte Radio Bremen-Tatort-Folge in dieser Besetzung brutalstmöglich in Grund und Boden kritisieren. Es hat ja fast schon was von einem Ritual: gibt der SPON-Redakteur eine hohe Punktzahl, muss der Tatort extrem schlecht sein. Vielleicht haben sich die Bremer ja mal besonders angestrengt. Wenn ich es nicht vergesse, dass er Ostermontag gesendet wird, schau‘ ich schon aus Neugierde mal rein.
nexus32 20.04.2019
4. Danke
Schade. Immer wenn ein Tatort-Team den letzten Fall löst ist es häufig so, dass sich den Zuschauern die Möglichkeit bietet eine rückblickende Bewertung vorzunehmen. Im Fall von Lürsen/Stedefreund fällt mein Fazit eindeutig aus: Schade. Auch wenn mich nicht alle Fälle begeistert haben, so war doch deutlich mehr Licht als Schatten in den Fällen zu sehen. Ich hoffe, dass der neue Tatort aus Bremen sich auch die Zeit und die Muße nimmt soziale Themen und sozialen Sprengstoff unserer Gesellschaft menschlich und empathisch darzustellen und nicht in simple Effekthascherei oder in pseudohumoristischen Klamauk abzudriften. Aber da dies bisher nicht so war und Radio Bremen über herausragende Redakteurinnen, tolle Dramaturgen und sehr gute Drehbuchautoren verfügt, für die ich gerne bereit bin meinen Rundfunkbeitrag zu leisten, bin ich ganz optimistisch, dass das Gute der Bremer Tatorte bleiben wird. Ich möchte mich an dieser Stelle ganz herzlich bei Sabine Postel und Oliver Mommsen bedanken, die mit ihren herausragenden schauspielerischen Leistungen vielen Zuschauern über eine lange Zeit tolle Sonntagabende bereitet haben. Ich habe Respekt vor der Entscheidung auch Mal einen Schlußstrich zu ziehen, aber trotzdem bedauere ich es. Nochmals: Danke. Und ich freue mich schon auf die Neuen.
Dramaturgen-Frau 20.04.2019
5. Ostermontag - ein Tag zum Feiern
Es war wohl der große Theaterregisseur Fritz Kortner, der während der Proben von unten dem einen oder anderen Schauspieler, der nicht in seinem Sinne agierte, zurief: "Welchen Beruf schwänzen Sie gerade?!" bzw. „Sie schwänzen gerade einen anderen Beruf!“? Bei jedem Tatort aus Bremen mit der unsäglichen Sabine Postel schrie dieser Theaterregisseur imaginiert diese Miss Marple für Arme an, die phänotypisch eigentlich ihren angestammten Beruf der Bäckereifachverkäuferin ausüben sollte, anstatt zu versuchen, eine Kommissarin zu mimen. Nun endlich dürfen wir den finalen Feiertag dieser unserer Gebührenverschwendung erleben. Der Sekt ist gekühlt, bereit, wenn ich dann um 21:30 Uhr reinzappe, um den Spielfilmtod irgendeines der Protagonisten dieser unseligen Bremer Tatort-Versuchsreihe mit kräftigem Plopp zu feiern. Und wir bekommen als zahlende Zuschauer noch einen Bonbon dazu: der nächste Dreh für einen Bremer Tatort beginnt erst im Frühjahr 2020! Wenn man bedenkt, dass es mindestens sechs Monate braucht, um nach Drehschluss einen Tatort zu versenden, dann können wir uns also auf mindestens anderthalb Jahre Tatort freie Zeit aus Bremen freuen! Wenn das kein Grund zum Feiern ist! Man hört übrigens, Radio Bremen habe bereits eine seiner Meinung nach würdige Nachfolgerin für Sabine Postel gefunden: Thekla Carola Wied.
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