Fotostrecke

Südwest-"Tatort": Wahn und Wirklichkeit

Foto: SWR

Schwarzwald-"Tatort" über Schizophrenie Hölle im Kopf

Die Welt als Wahrnehmungsgewitter: Der Schwarzwald-"Tatort" folgt einem schizophrenen Jurastudenten. Bitte dranbleiben, auch wenn es wehtut.

Halten Sie bei dem "Tatort" am Sonntag vor Heiligabend bitte Ihre Augen offen und ihren Verstand beisammen - auch wenn das schwerfällt in diesen angespannten Vorweihnachtstagen, in denen alle kurz davor stehen, kollektiv durchzudrehen. Dass der Plot mit Wahrnehmungsmustern und Realitätsebenen spielt, macht es nicht leichter.

Auch die Ermittler stehen in diesem Krimi kurz davor, auszurasten, sie sind schon tagelang nicht mehr ins Bett gekommen. Franziska Tobler (Eva Löbau) und ihr temporärer Sidekick Luka Weber (Carlo Ljubek) tun über lange Strecken nichts anderes als zu warten, sich die Augen zu reiben oder wegzunicken. Und was ist mit diesem anderen Typen, der sonst immer im Strickpullover durch den Schwarzwald grollt? Ach so: Toblers Kollege Friedemann Berg weilt im Krankenurlaub (Darsteller Hans-Jochen Wagner erkrankte kurz vor Dreh). Bei diesem "Tatort" ist nichts wie immer.

Tobler und Weber lungern nun im Gemeinschaftszimmer auf dem Revier rum, in dem der Kaffeeautomat abgebaut wurde, um viele Stunden später endlich ihre Chefin zu fassen zu bekommen. Sie sitzen im Auto vor einem zugemüllten Haus, aus dem Leichengeruch zieht, erhalten aber keine Erlaubnis zum Zugriff. Sie stehen verloren im Musikzimmer einer Schule, um einen Lehrer zu verhören, müssen sich aber erst mal die erbarmungswürdig aufgekratzte Version von "Pictures of You" von The Cure anhören, die ihnen ungebeten ein Mädchenchor darbietet. Das Leben ist ein Wartesaal.

Fotostrecke

Südwest-"Tatort": Wahn und Wirklichkeit

Foto: SWR

Dies ist ein "Tatort", in dem sich die Zeit dehnt, um sich dann wieder zu überschlagen. Ein "Tatort", der eilig in der Handlung vorspringt, um dann wieder in beinahe quälender Echtzeit Szenen abzuspielen, die eigentlich schon Vergangenheit sind. Der Fall, das macht den Krimi nicht einfacher, besteht aus disparat nebeneinanderstehenden Vergehen und Verbrechen: dem Diebstahl eines Autos von einem Rentner, dem Doppelmord an einem Liebespärchen im Wald, dem Fund einer Brandleiche in einer abgefackelten Hütte.

Die Eltern malträtieren Damian mit Schlager

Eine Spur führt zu dem Jurastudenten Damian (Thomas Prenn), der zwar wie in Trance punktgenau die Paragrafen des Verwaltungsrechts runterbeten kann, aber wichtigste Prüfungstermine auch schon mal um ein paar Wochen verschläft. Die Welt ist eine einzige Zumutung für ihn. Die Eltern malträtieren den sensiblen jungen Mann mit Lustig-Lustig-Schlagern, seine Kommilitonen scheinen sich gegen ihn verschworen zu haben, die Dozenten wollen ihn offenbar auflaufen lassen, überall wird bösartig über den jungen Mann geflüstert und gezischelt.

Kurz: In dem Kopf des Studenten ist die Hölle los; dass Damian verdächtig nach Damien klingt, dem Namen des kleinen Satansbratens im Okkult-Horror "Das Omen", lässt Böses erahnen.

Fotostrecke

Fotostrecke: Alle "Tatort"-Teams im Überblick

Foto: Martin Rottenkolber / WDR

Doch trotz einiger plakativer Verweise, etwas zu vielen Ablenkungen und leicht zotiger Szenen - einmal vernehmen die Ermittler ein biederes Ehepaar, das ihre Wohnung zum Privatpuff umfunktioniert hat - finden die Filmemacher Lars Hubrich (Buch) und Stefan Schaller (Buch und Regie) einen einfühlsamen Inszenierungsstil, um das Wahrnehmungsgewitter darzustellen, mit dem sich Damian die Welt präsentiert.

Aber wie erfährt man wichtige Details von einem Zeugen, der die Welt verzerrt und übersteuert wahrnimmt? Davon handelte schon die sehr gute Bremer "Tatort"-Folge "Ordnung im Lot" vor sechs Jahren. Noch mehr als an diesen Krimi erinnert "Damian" aber an Hans Weingartners "Die Summe meiner einzelnen Teile", einem Make-believe-Drama über paranoide Schizophrenie, in dem gesunde und gestörte Wahrnehmung gekonnt in einen doppelbödigen Plot verschränkt waren.

So funktioniert nun auch dieser "Tatort". Nach dem Stuttgarter Film noir "Der Mann, der lügt" ist "Damian" eine weitere extrem fordernde Folge vom Südwestrundfunk. Ein "Tatort" über Wahn und Wirklichkeit, ein Wahnsinn kurz vor Weinachten.

Bewertung: 8 von 10 Punkten


"Tatort: Damian", Sonntag, 20.15 Uhr, ARD

Die Wiedergabe wurde unterbrochen.