»Tatort« aus dem Schwarzwald Breisgau brutal

Angeheiratet, zugezogen, verachtet: Der »Tatort« erzählt von einer jungen Mutter, über die jeder im Kaff eine Meinung hat. Lisa Hagmeister gibt Vollgas, doch die Figur bleibt auch für das Publikum eine Fremde.
Berg (Hans-Jochen Wagner) und Tobler (Eva Löbau, r.) verhören die Verdächtige (Lisa Hagmeister): »Sandra bleibt Sandra«

Berg (Hans-Jochen Wagner) und Tobler (Eva Löbau, r.) verhören die Verdächtige (Lisa Hagmeister): »Sandra bleibt Sandra«

Foto: Benoît Linder / SWR

Der einheimische Kommissar schaut auf die schönen Eigenheimquader, die im Breisgau zwischen Kornblumen und verbliebenen Apfelbaum-Solitären aus dem Boden gesprossen sind. »Vor zehn Jahren war das noch alles noch Streuobstwiese«, sagt er und macht mit dem wunden Blick deutlich, dass er die Entwicklung nicht begrüßt.

Mit dem Verschwinden der vielgestaltigen Flora hielt dann eine Art soziale Monokultur Einzug: Wer es hierher geschafft hat, der hat dafür gearbeitet, und achtet auf ein gewisses einheitliches, leises Auftreten. Die soziale Ächtung erfolgt hier schneller, als der Rollladen vor fremden Blicken heruntergelassen werden kann.

Gaffende Nachbarin, grimmige Schwiegermutter

Aber die junge Mutter Sandra (Lisa Hagmeister) ist eher nicht so der Rollladentyp. Ihr Anderssein lebt sie vor aller Augen aus, und jeder regt sich über sie auf, ohne dass er ihr Anderssein überhaupt definieren kann. »Sandra bleibt Sandra«, diese Aussage fällt immer wieder in verschiedenen Varianten, wenn man mit ihrem Umfeld über sie spricht. Sie ist nie positiv gemeint.

Szene mit Lisa Hagmeister: Abheben mit The Cure

Szene mit Lisa Hagmeister: Abheben mit The Cure

Foto: Benoît Linder / SWR

Und es wird gerade viel über Sandra gesprochen, denn ihr Mann und ihr jüngerer Sohn werden vermisst. Es fehlt jede Spur, aber die gaffende Nachbarin, die grimmige Schwiegermutter und die Kolleginnen und Kundinnen im Bürgermeisteramt glauben zu wissen, dass nur Sandra hinter dem Unheil stecken kann. Sie raunen dem aus Freiburg angereisten Ermittlungsduo Franziska Tobler (Eva Löbau) und Friedemann Berg (Hans-Jochen Wagner) allerlei Mutmaßungen über die Angeheiratete und Zugezogene zu. Breisgau brutal.

Das Drehbuch zu dem Provinzkrimi stammt von Bernd Lange, der schon mit der ersten Folge von Tobler und Berg 2017 den Schwarzwald als Terrain für den Kulturkampf zwischen Alteingesessenen und zugezogener urbaner Elite für den »Tatort« etablierte. Seitdem werden dort immer wieder schlüssig aktuelle Konflikte zwischen Landbürgertum und städtischen Dienstleistern, zwischen an der Gegenwart verzweifelnden Konservativen und sich nach Erdung sehnender Weltenbürger durchgespielt.

Gesellschaftslabor Schwarzwald

Wie tickt der Andere? Bei aller geballten Provinzialität taugt der Schwarzwälder »Tatort« als gesamtgesellschaftliches Labor, wo die großen sozialen Clashs und Konflikte der Republik im Kleinen durchgespielt werden.

»Die Blicke der Anderen« lautet nun der schöne Titel der neuen Episode, und es erscheint als starke Erzählanordnung, dass die Hauptperson, die Mutter im ewigen Ausbruchsmodus, über die Projektionen und Aufladungen ihres misstrauischen und missgünstigen Umfelds beschrieben wird. Hauptdarstellerin Hagmeister hält selbst in unspektakulären Momenten ein solch hohes Energielevel, dass wir automatisch in ihr undurchschaubares Leben gezogen werden, mit ihr über die leere Tanzfläche auf dem Betriebsfest treiben, wo sie einsam zu The Cure abtaucht, oder durch die Gärtnerei der Schwiegermutter, wo sie sich gegen die Pöbeleien der Schwiegermutter behauptet.

Das Problem: Hagmeisters Sandra bleibt uns bei allen Empathiebemühungen ebenso fremd wie den Breisgauer Gemüsebauern und Kleinstadtbürokraten. Es ist ja erst mal toll, wenn die weibliche Hauptperson nicht psychologisch filetiert wird für den einfachen Sonntagabendverzehr. So war es auch schon im letzten »Tatort« aus dem Südwesten, wo Johanna Wokalek als Verlegertochter und mögliche Vatermödererin unsere Fantasien entfachte. Wer die Frau war, wussten wir aber auch beim Finale des Falles nicht wirklich.

Ähnlich verhält es sich jetzt bei »Die Blicke der Anderen« (Regie: Franziska Schlotterer). Am Ende gibt es eine wahnsinnig gut gebaute und inszenierte Enthüllungspassage, ein bürgerliches Powerspiel – in der die weibliche Hauptfigur aber auf einmal nur eine Nebenrolle hat. Eben: »Sandra bleibt Sandra.« Eine Projektion, eine Leerstelle, ein Rätsel. Dabei wären wir ihr gerne ein bisschen näher gekommen.

Bewertung: 5 von 10 Punkten

»Tatort: Die Blicke der Anderen«, Sonntag, 20.15 Uhr, Das Erste

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