Fasnacht-"Tatort" aus dem Schwarzwald Jeder mit jedem, alle gegen alle

Saufen, lallen, lieben: Die "Tatort"-Kommissare müssen im Trubel der alemannischen Fasnacht einen Mord ermitteln - zwischen Menschen, die Sex als Sprachersatz praktizieren.
Beziehung unter Strom: Romy (Darja Mahotkin) und David (Andrei Viorel Tacu)

Beziehung unter Strom: Romy (Darja Mahotkin) und David (Andrei Viorel Tacu)

Foto: Benoît Linder/ SWR

Dies ist ein "Tatort", in dem die Menschen sehr viel Sex miteinander haben. Und einer, in dem sich die Menschen sehr viel anschreien. Meist tun sie beides in ein und demselben Moment. Manchmal fällt das aber gar nicht so auf, weil all der Sex und das Anschreien in den Fasnachttrubel im Schwarzwald platziert ist. Da fallen eh alle übereinander her, im Guten wie im Bösen.

Im Mittelpunkt steht die ehemalige Prostituierte Romy (Darja Mahotkin), die von dem Arzt David (Andrei Viorel Tacu) samt kleinem Sohn vom Strich in Karlsruhe in ein Schwarzwaldkaff mit Schönheitsklinik geholt wurde. Sie arbeitet dort jetzt als Krankenschwester.

Romy und David würden wahrscheinlich sagen, dass das, was sie füreinander empfinden, Liebe ist. Auch wenn es sich für Außenstehende eher nach Krieg anhört, wenn die beiden im Sprechzimmer von David in Rollenspielen und mit brachialem Vokabular nachahmen, was sie in Wirklichkeit auch sind: Ex-Prostituierte und Arzt.

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Ex und hopp im Schwarzwald

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Der Sex ist in diesem "Tatort" Sprachersatz, das letzte Mittel der Auseinandersetzung mit einem Gegenüber, die finale Versicherung der eigenen Existenz. Das gilt für alle Personen, die in dem zum Teil während der Fasnacht 2019 gedrehten Film auftreten und hier nach folgendem Prinzip agieren: Jeder mit jedem, alle gegen alle.

Dialoge wie aus einem Porno

Mitten drin in dem Szenario ist ein Fremder aus Ludwigshafen (Andreas Döhler), der mit seiner Frau (Bibiana Beglau) in die Schönheitsklinik anreist, weil sie sich aus unerfindlichen Gründen ein neues Gesicht machen lassen will. Die beiden reden ebenfalls sehr rabiat, wenn sie über ihre Körperteile und Nachrüstungsstrategien sinnieren. Es klingt wie ein Dialog aus einem Porno.

In Krankenschwester Romy erkennt der Fremde die Prostituierte von einst wieder, und während die Ehefrau unterm Messer liegt, versucht er ein Treffen mit der ehemaligen Sexarbeiterin zu arrangieren. Die Frau hat sich mit den Eskapaden arrangiert, "kleine Leben" nennt sie verächtlich die bezahlten Sexpartnerinnen ihres Mannes. Doch auch "große Leben" vergehen: Der Mann wird ermordet im Hotelzimmer aufgefunden, der Verdacht fällt auf Romy.

In einer Reihe von grausamen Szenen ist dies die grausamste: Friedemann Berg (Hans-Jochen Wagner) und Franziska Tobler (Eva Löbau) müssen der frisch operierten Witwe die Todesnachricht bringen, die aber liegt bewegungslos mit komplett bandagiertem Kopf im Krankenhausbett. Unter dem Verband dringt ein martialischer Schmerzenslaut hervor.

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Kommissar-Karussell: Alle »Tatort«-Teams im Überblick

Foto: Christian Koch / SWR

So sprachlos die Figuren, so beredt die Musik. Auf der Tonspur begleitet der Pianist und Sänger Jens Thomas mit gesungenen Heine-Rezitationen den Todestaumel: "Ich hab‘ im Traum geweinet / Mir träumte du lägest im Grab / Ich wachte auf / Und die Träne floss noch von der Wange herab."

Pornografisches und Romantisches stehen in diesem Film dicht nebeneinander, manchmal gehen die Formen ineinander über. Regisseur Jan Bonny, der für rabiat entfesselte "Polizeirufe" und "Tatorte" steht, die immer wieder zu wütenden Publikumsreaktionen führen, nennt die gezeigten Beziehungen "Lieben jenseits der gesellschaftlichen Basisvereinbarungen".

Bei allem Staunen über die Figuren in "Ich hab im Traum geweinet" (Co-Autor: Jan Eichberg) führt Bonny, der empfindsame Provokateur, diese nie vor. In ihrem rausgebrüllten, grob verbalisierten Sehnen erscheinen sie alle gleich; auch die Ermittler finden kaum artikulierte Worte für ihr Verlangen und für ihre Träume.

Erst fällt Friedemann im Fasnachtsuff zu Chris De Burgh und Matthias Reim in die Blumenkübel, nach weiteren Bieren dann zur Kollegin Franziska ins Bett. Linkisch knallen die Körper gegeneinander, am Morgen geht man sich wortlos aus dem Weg. Später zieht der Ermittler dann noch ins Bordell weiter. Nicht um Sex mit der Prostituierten zu haben, sondern um endlich mal anständig mit jemandem reden zu können. Dafür zahlt er gerne.

Am Tag nach der Ausstrahlung starten die Rosenmontagsumzüge zur alemannischen Fasnacht 2020. Nicht anzunehmen, dass sich jemand im Fernsehpublikum durch diesen "Tatort" zum Feiern animiert fühlt.

Bewertung: 8 von 10 Punkten

"Tatort: Ich hab im Traum geweinet", Sonntag, 20.15 Uhr, ARD

Hinweis der Redaktion: Wir haben die Stadt, in der die Prostituierte arbeitete und den Beruf des Mordopfers korrigiert.