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06. März 2012, 10:57 Uhr

"Tatort" aus Dortmund

Hömma!

Von , Dortmund

Hightech statt Hochofen: Der neue "Tatort" aus Dortmund soll den Strukturwandel der Region reflektieren - was Jörg Hartmann als neuem Hauptermittler den Einsatz schwer macht. Der kann zwar kumpeln wie ein Pottler, hält aber nichts von billiger Ranschmeiße.

Vom 18. Stock des Bürogebäudes am Hauptbahnhof sieht die Stadt sehr kompakt aus. Ein Blick aus dem Fenster zeigt das Westfalenstadion, die Liebfrauenkirche und das riesige U der abgewickelten Union-Brauerei. Der Himmel ist grau, die Häuser dort unten sind es auch, es ist kein Prunk und keine Pracht zu sehen, bloß bundesdeutscher Durchschnitt.

Jörg Hartmann, schlank, trainiert, fester Händedruck, tiefe Stimme, sitzt in einem schwarzen Ledersessel und schaut hinaus auf sein Revier. Diese Stadt wird - wenn es gut läuft - an ihm haften bleiben wie Köln an Klaus J. Behrendt, München an Miroslav Nemec und Hamburg an Manfred Krug. Hartmann ist der neue "Tatort"-Kommissar, der ab Herbst gemeinsam mit drei Kollegen in Dortmund ermitteln wird, und weil der "Tatort" ein nationales Kulturgut ist, ist er zugleich viel mehr.

Bei den Fernsehkrimis im Ersten geht es zu wie im Profifußball, Identifikation mit dem Verein beziehungsweise der Stadt ist ganz, ganz wichtig. Und so gerät Hartmann, der etwa 15 Kilometer von Dortmund entfernt aufgewachsen ist, aber inzwischen in Potsdam lebt, vorübergehend zum Pottflüsterer: Immer wieder soll er den Journalisten das Ruhrgebiet im Allgemeinen und die Seele seiner Bewohner im Besonderen erklären - was er mit eindrucksvoller Disziplin tut.

Also, was hat es denn mit Dortmund auf sich, Herr Hartmann?

Er schätze "das Einfache" an seiner Heimat, sagt der 42-Jährige, den "direkten Ton". Hier werde "nicht lange gequasselt", hier sage man "Hömma" und nicht "Hören Sie mir bitte einmal zu!" Natürlich weiß auch Hartmann, der für die Rolle des Stasi-Offiziers Falk Kupfer in der ARD-Serie "Weissensee" mit dem Deutschen Fernsehpreis ausgezeichnet wurde, dass er in Klischees spricht. "Aber müssen die grundsätzlich falsch sein?"

Der OB hofft, dass alles echt wird

Überhaupt ist an diesem Tag viel von Authentizität die Rede. Der Polizeipräsident bietet die Unterstützung seiner Behörde an, der Oberbürgermeister wünscht, dass in der Fiktion "hoffentlich alles echt" sein wird und ein WDR-Abteilungsleiter spricht von dem "Lebensgefühl" und der "klaren Verortung", die den deutschen Vorzeigekrimi so erfolgreich machten.

Die wohldosierte Wirklichkeit ist mittlerweile offensichtlich ein großer Wert im sonntagabendlichen Unterhaltungsprogramm. Zwar gibt es schmerzhaft realitätsnahe Krimi-Serien wie "KDD" oder "Im Angesicht des Verbrechens", aber auf einem "Tatort"-Sendeplatz ist so viel Authentizität und Härte dann doch nicht immer erwünscht. Hinzu kommen aber durchaus noch andere Begehrlichkeiten.

Denn auch das Ruhrgebiet will nicht mehr bloß Kohlenpott sein, sondern eher Kompetenzzentrum - Hightech statt Hochofen. Das Problem ist nur: Einer aktuellen Forsa-Umfrage zufolge assoziieren sehr viele Deutsche die Gegend immer noch mit Bergbau, Stahl und Umweltverschmutzung. Weshalb nun, bitte schön, der Fernsehkrimi seinen Teil dazu beitragen soll, ein neues Bild des Ballungsraums zu zeichnen: Transportmittel "Tatort".

Politisch unkorrekt und provokant

"Von diesen vielen Erwartungen müssen Sie sich freimachen", sagt Jörg Hartmann, "sonst werden Sie wahnsinnig." Er habe sich gewissenhaft auf die Rolle des Kriminalhauptkommissars Peter Faber vorbereitet: Ermittler getroffen, Dokumentationen angesehen, Sachbücher studiert. "Polizeiarbeit ist viel Verwaltungskram und das ist natürlich nicht sehr spannend." Bei allem Willen zur Wirklichkeit sei der Fernsehkrimi immer noch kein Dokumentarfilm.

Der Faber aber, so wie Hartmann ihn beschreibt, könnte tatsächlich ein Ermittler werden, wie es ihn im deutschen Fernsehen bislang selten gab. "Politisch unkorrekt, wund, porös, einer, der sich den Abgründen seines Berufs schutzlos ausliefert, der provoziert und austeilt."

Wenn Hartmann das sagt, kann man ihm gut glauben: Von seiner Sidekick-Rolle in "Bella Block" bis zum Stasi-Offizier in dem grandiosen DDR-Dramolett "Weissensee" - um Sympathien hat er mit seinen Rollen nie gebuhlt. Und nun soll eben auch sein Faber ein Einzelgänger sein, ein Gescheiterter, der zurückkehrt in sein Dortmund, weil der Ort seiner Kindheit alles ist, was ihm noch geblieben ist.

Erstmals gibt es vier Ermittler

Erstmals werden im "Tatort" insgesamt vier Kommissare ermitteln: Aylin Tezel spielt die deutsch-türkische Oberkommissarin Nora Dalay, die in einem Problemstadtteil lebt und unbedingt bei der Polizei Karriere machen will. Stefan Konarske wiederum gibt den Kriminalisten Daniel Kossik. Sein Profil: Stehplatz-Dauerkarte beim BVB, Hütte in der Laubenkolonie, Vater war "unter Tage", der Bruder ist arbeitslos. Und Anna Schudt mimt die leidensfähige Hauptkommissarin Martina Bönisch, Mutter zweier Kinder, Karriere für die Familie geopfert, Organisationswunder.

Von der kommenden Woche an dreht das Team gleich zwei Folgen am Stück - unter anderem an der stillgelegten Kokerei Hansa, auf der früheren Zeche Zollern und am Phönixsee, der auf dem Gelände eines ehemaligen Stahlwerks angelegt wurde. Der erste Fall ("Alter Ego") wird im Herbst ausgestrahlt. Neben den beiden Dortmund-Folgen wird der WDR im Jahr weiterhin dreimal den "Tatort" aus Köln und zweimal aus Münster senden.

Die Innenaufnahmen der Dortmunder Kriminalfilme jedoch werden - allem Streben nach Authentizität zum Trotz - nicht im sogenannten Spesengebiet entstehen, sondern aus Kostengründen in Fernsehstudios. Und die liegen in Köln.

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