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12. April 2019, 15:03 Uhr

Riskante Selbstversuche im Dortmund-"Tatort"

Der Tod kommt in Tüten

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Nach dem Erstickungstod einer Internistin nehmen die Dortmunder "Tatort"-Kommissare die Missstände in einer Notaufnahme ins Visier - Nahtoderfahrung und Pillenrausch inklusive.

Die wollen doch nur spielen. Oder auch nicht. In Dortmunder "Tatort"-Folgen kommt es oft zum grimmigen Höhepunkt, wenn Kommissar Faber (Jörg Hartmann) an Kollegin Bönisch (Anna Schudt) das Verbrechen nachstellt. Der kranke Faber ist dann beängstigend schnell in der möglichen Psychologie des Täters drin, und Bönisch schaut in der Rolle der Sterbenden dem vom Faber glaubhaft verkörperten Irrsinn ins Antlitz. Im aktuellen Fall ist die Rekonstruktion der Tat besonders heikel, das Opfer wurde erstickt, körperliche Schäden sind beim Todesspiel von Faber und Bönisch nicht auszuschließen.

In einer Notaufnahme wurde eine Internistin tot im Ruheraum aufgefunden, die Kleidung halb abgestreift, eine Plastiktüte über den Kopf. Die Ermittler breiten ihre Spekulationen zur Tat aus, der eine glaubt an einen Racheakt, die andere zieht ein sexuell motiviertes Erstickungsspiel mit Todesfolge in Betracht.

Die Antwort ist irgendwo auf den überfüllten Fluren der Notaufnahme zu finden, die kurz vor dem Kollaps steht. Die Ermittler werden mit den Auswüchsen eines wankenden Gesundheitssystems konfrontiert: Überstunden pro Monat im fast dreistelligen Bereich, kaputte Beziehungen als Berufsrisiko und medizinisches Personal, das sich am Medikamentenschrank großzügig für den Eigengebrauch bedient.

Krank sind Pfleger und Ärzte, krank sind aber auch die Polizisten, von denen jeder im Verlauf der Ermittlungen sein eigenes Experiment mit einer Plastiktüte startet. Während Bönisch und Faber den Erstickungsvorgang in ihrer obligatorischen Rekonstruktion gemeinsam als Mord nachspielen, zieht sich die Kollegin Dalay (Aylin Tezel) die Plastiktüte in einem Solo-Selbstversuch über den Kopf - und droht tatsächlich zu ersticken. Ein anderes Mal sehen wir Faber alleine in der Küchenecke des Reviers mit einer Tüte über dem Kopf, er atmet und atmet unter dem Plastik, aber nichts passiert, fast schon enttäuscht zieht er die Tüte wieder ab.

Trip in eine nicht therapierbare Gesellschaft

Schon klar, wer einen Mord verstehen will, muss den Tod umarmen. Aber wie das Kripo-Team hier manisch in die Tüte bläst, das hat schon pathologische Züge. Was als Themen-Krimi zum überlasteten Gesundheitssystem beginnt, wendet sich in einem psychedelisch überreizten Trip in eine Gesellschaft, die sich nicht therapieren lässt. Und am wenigsten therapierbar sind die Ermittler selbst.

Im Zentrum steht mal wieder Faber, der hier Visionen von seiner Frau und seinem Kind hat, die wohl bei einem Verkehrsunfall ums Leben gekommen sind - ein Trauma, das auch immer wieder vom Serienmörder Graf gegen ihn ausgespielt worden ist . Am Anfang des neuen "Tatort" irrt Faber durch die Stadt, später sagt er: "Ich hab was geträumt, und jetzt such ich die Stelle, wo ich war im Traum."

Der Kommissar hat einen Vogel. Die anderen aber auch: Eine der überarbeiteten Pflegerinnen hat in der Küche der Notaufnahme einen Karton mit einer Taube stehen, deren gebrochenen Flügel sie kurieren will. Später mummelt ein krankes Kaninchen im Karton. Helfersyndrom und Hygiene-Notstand: In einem anderen "Tatort" wäre daraus ein Fall über Keime und Viren im Krankenhaus gebaut worden, hier geht es eher um schwerer zu fassende Entzündungen. Um, sagen wir es ruhig pathetisch, die der Seele.

Drehbuchautor Markus Busch hat viele Drehbücher für Krimis von Dominik Graf geschrieben, oft reicht da der Kriminalfall in den Bereich des Unterbewussten, zuletzt in dem Kunstmarkt-Thriller "Am Abend aller Tage". Regisseur Richard Huber drehte einige starke "Tatort"-Folgen mit dem Hamburger Undercover-Cop Cenk Batu, der bei seinen verdeckten Ermittlungen in verschiedenen Camouflagen wie ein Gespenst durch das Leben der anderen irrte.

So ähnlich ist es jetzt auch in dieser Dortmunder Folge, in der das gefährliche Spiel mit der Plastiktüte nur einer von vielen Selbstversuchen ist, die Faber in der verzweifelten Hoffnung unternimmt, irgendwo sein verlorenes Selbst zu erspüren. In der Notaufnahme trifft der Kommissar auf einen Psychologen (brillant: Alex Brendemühl), der alles über ihn zu wissen scheint. Frage zur Begrüßung: "Herr Faber, gehe ich richtig in der Annahme, dass Sie früher Antidepressiva genommen haben oder immer noch nehmen?" Der Doc rät zur LSD-Therapie. Hat Faber, der Untherapierbare und Unkontrollierbare, endlich seinen Meister gefunden?

Faber erhält also mal wieder viel Prominenz in diesem "Tatort" - diese Prominenz wird aber auch klug in die Geschichte eingearbeitet: Wenn um einen herum alle krank sind, kann der eigene Krankheitszustand ja nur ein Ermittlungsvorteil sein.

Bewertung: 8 von 10 Punkten


"Tatort: Inferno", Sonntag, 20.15 Uhr, ARD

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