Dortmund-"Tatort" Zeche dicht, Kumpel hacke

"Uns fickt jeden Tag das Leben, da haste am Abend genug": Die "Tatort"-Ermittler gehen auf Tuchfühlung mit den letzten Bergleuten im Pott. Malocher-Krimi mit hoher Pils- und Kippendichte.

WDR/ Martin Valentin Menke

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Nichts dampft mehr im Pott - nur die Kumpel rauchen wie die Schlote. In der Zeche Sophie-Charlotte haben sie malocht, nun wurde sie wie alle anderen dichtgemacht, in der Kneipe streiten die Kumpel darüber, wie man beim Ex-Arbeitgeber Abfindungen rausholen kann. 20.000 Euro pro Haus in der Bergwerkssiedlung ist das Angebot, das auf dem Tisch liegt. Viel zu wenig für die kaputten Knochen und maroden Lungen, sagen die einen; eh alles egal, sagen die anderen. Dann fliegen die Fäuste.

Mitten drin im Geprügel: Kommissar Faber (Jörg Hartmann), der mit seinem kalkigen Gesicht selbst aussieht, als sei er gerade nach Jahrzehnten unter Tage aus dem Schacht gestiegen. Er ermittelt wegen des Mordes an einem Ex-Bergarbeiter, der sich mit den 20.000 nicht zufriedengeben wollte. Konsumiert wird, was die Zeugen konsumieren, man kennt das aus früheren Folgen des Dortmunder "Tatort". Also schnorrt sich Faber erst mal eine extra starke Zigarette und saugt daran genüsslich, bis sein Gesicht noch fahler wird. Kumpeln bis die Lunge rasselt.

Später klaut sich Faber im Wohnwagen eines Kumpels noch ein Bier aus dem Kühlschrank und prostet ihm dabei ein paar Verdächtigungen zu: "Sie haben Ihr halbes Leben mit Herrn Sobitsch unter Tage verbracht, da weiß man doch, welche Unterhose der andere trägt, ob sie Bremsspuren hat oder nicht." Kollegin Bönisch (Anna Schudt, gerade mit dem International Emmy ausgezeichnet) ist nicht viel diskreter: "Hatte Sobitsch Kontakt zu einer Prostituierten?" Der Ex-Bergmann: "Uns fickt jeden Tag das Leben, da haste am Abend genug."

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Faber-"Tatort": Wut im Bauch, Faust in der Luft

Der Ruhrpott und der "Tatort", das war immer eine Geschichte über die Wut auf die Bosse und die Trauer über die Grenzen der Solidarität. Götz Georges Schimanski verbündete sich bei den "Tatorten" der Achtzigerjahre, zu Zeiten der großen Arbeitskämpfe bei Krupp, mit den Streikenden. Später, in den Schimanski-Specials der Neunziger- und Nullerjahre, jagte er dann durch stillgelegte Stahlwerke und abgewertete Arbeitersiedlungen und wurde Zeuge, wie Freundschaften zerbrachen - auch weil es keinen gemeinsamen Feind mehr gab (Lesen Sie hier ein Interview mit George über Solidarität und Wut in seinen Schimanski-Krimis).

Angst, ertränkt im Bier

In dieses Szenario der Selbstzerfleischung geht auch dieser "Tatort" rein, der nun ein paar Wochen nach der Schließung der letzten Zeche im Ruhrpott zur Ausstrahlung kommt. Geschrieben wurde er von Jürgen Werner, dem Schöpfer des Dortmunder "Tatort". Richtig stark ist die Folge (Regie: Andreas Herzog), wenn sie dicht bei den Kumpeln ist, beim Angstschweiß der Malocher, der aus ihnen kriecht, wenn sie an die Zukunft denken, in der die gewohnte eingeschweißte Gemeinschaft keine Rolle mehr spielen soll. Angst, die in Kästen von Bier ertränkt wird. Zeche dicht, Kumpel hacke.

Schwach ist die Folge, wenn die sozialen Erosionen im Pott in betont aktuelle Gefahrenlagen gedreht werden. So führt die Spur zu einem sogenannten Reichsbürger, der offensichtlich mit Sprengstoff handelt. Beamte, die sein abgeriegeltes Areal betreten wollen, belehrt dieser: "Laut Resolution 56 Schrägstrich 83 der Vereinten Nationen ist das, was Sie hier treiben, Terrorismus." Ein Anschlag durch den Staatsgegner scheint möglich.

Es mag naheliegen, dass der Verlust der einstigen Arbeitswirklichkeit, so wie sie die Bergleute und Stahlarbeiter in und um Dortmund erleben, zu einer Art Realitätsverlust führen kann. Im Dortmund-"Tatort" wirkt diese Entwicklung (plus der üblichen Verfassungsschutz- und V-Mann-Schweinereien) aber angepappt - im Münchner "Reichsbürger"-"Tatort" war sie schon sehr viel feinnerviger in Szene gesetzt worden.

Im Dortmund-Krimi erscheint der Schwenk zu den rechten Realitätsverweigerern indes so, als hätte die Verantwortlichen Angst gehabt, die Bergarbeiter-Geschichte allein sei nicht relevant genug für die Gegenwart. Dabei liegt gerade in ihr politisches und menschliches Drama.

Und was wird nun aus den Bergleuten? Die sollen zum Teil in einer alten Industrieanlage arbeiten, die zur "Erlebniswelt Kohle und Stahl" umgestaltet wurde. Einem von ihnen, gar nicht witzig, wurde ein Job in der Geisterbahn angeboten. Ein "Tatort", der daherkommt wie ein Gruß an die Gespenster einer untergegangen Arbeitswelt.

Bewertung: 7 von 10 Punkten


"Tatort: Zorn", Sonntag, 20.15 Uhr, ARD

insgesamt 3 Beiträge
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Dramaturgen-Frau 18.01.2019
1. Hört sich eigentlich sehr vielversprechend an
Die Betonung liegt auf "eigentlich", denn der Kritiker benennt das Manko. Man könnte meinen, ARD-WDR haben nichts dazugelernt; es ist aber, wie wir alle wissen, anders: "Im Dortmund-Krimi erscheint der Schwenk zu den rechten Realitätsverweigerern indes so, als hätte die Verantwortlichen Angst gehabt, die Bergarbeiter-Geschichte allein sei nicht relevant genug für die Gegenwart." Da hat niemand in der verantwortlichen Redaktion Angst gehabt. Das ist Vorgabe, quasi Dank des qua Befehl alimentierten Staatsfernsehens an den Staat, die Regierung. Ich bin sicher, dass der Drehbuchautor das nicht freiwillig in die Story gepackt hat. Es ist "freiwillig entstanden worden", sozusagen, durch die Nahe Zusammenarbeit von Drehbuchproduktion und Redaktion. Manchmal möchte die Redakteurin nur den Namen ihres Patenkindes ins Drehbuch schreiben lassen (z.B. Quirin), manchmal muss eben mehr gelenkt werden. Zur Lenkung, die der WDR relotiusmäßig an den Tag legt, ist auch dieser Artikel erhellend: http://www.spiegel.de/kultur/tv/wdr-fehler-und-verstoesse-gegen-standards-bei-menschen-hautnah-a-1248667.html Was in der Doku geht, geht doch im fiktionalen Tatort-Format erst recht, gelt?! Es ist schade, wenn der wirklich gelungene Tatort aus Dortmund auch in den Propagandasack geworfen wird. Und es noch bedauerlicher, wenn das gar nicht nötig ist, wie eben der Kritiker ja auch zu recht schreibt. In diesem Sinne Grüße aus dem Wiener Caféhaus.
peho65 20.01.2019
2. Sehr gut!
Gleuch kommt bestimmt wieder viel Blabla hier im Forum, von wegen GEZ und Geld zurück und so. Mir egal! Ich fand ihn richtig gut. Das Dortmunder Team ist ohnehin eines der Besten!
jpphdec 21.01.2019
3. Offenes Ende?
Da an anderer Stelle beklagt wurde, die Folge habe ein offenes Ende, hierzu eine Anmerkung. Am Anfang wird erwähnt, daß Sobitsch mit einem Projektil Kaliber 7,62 erschossen wurde. An Faustfeuerwaffen kommen da eigentlich nur zwei in Frage: Nagant M1895 Revolver oder Tokarew TT-33. Letztere hält Keller am Ende in der Hand. Ob die Drehbuchautoren wirklich derart tief eingestiegen sind, oder das nur Zufall ist, mag der geneigte Zuschauer selbst entscheiden. Wäre aber wirklich clever, wenn es so ist.
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