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26. April 2019, 11:36 Uhr

Serienkiller-"Tatort"

Dexter in Dresden

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Neue Ermittlerin, neue Härte: Nachdem es im Sachsen-"Tatort" zum kreativen Aderlass gekommen ist, jagt die neu aufgestellte Mordkommission einen Psycho, der seine Opfer ausbluten lässt.

Sie sitzen am Küchentisch und trinken im Bademantel Kaffee, sie sitzen auf der Couch und schauen in Puschen fern. Mit viel Liebe zum Detail hat hier jemand in einem verlassenen Haus irgendwo im sächsischen Nirgendwo Stillleben gutbürgerlichen Glücks zusammengestellt. Bei den Figuren handelt es sich um Leichen, die ein Serienmörder mit Sinn fürs Dekorative arrangiert hat. Bevor er sie zu kleinen Themengrüppchen zusammenschob, ließ er sie ausbluten. Sieht anheimelnd aus, muffelt aber ein bisschen.

Das stellen auch die beiden Ermittlerinnen fest, als sie nachts mit einem Spezialkommando das Leichenhaus stürmen. Die Ermittlerinnen, das sind nach einigen Umbauten im Dresden-"Tatort" nun: Karin Gorniak (Karin Hanczewski), die noch den Abgang ihrer Kollegin und Freundin Hennie Sieland verkraften muss, sowie die neue Oberkommissarin Leonie Winkler (Cornelia Gröschel), die Schwierigkeiten hat, die großen Fußstapfen ihrer Vorgängerin auszufüllen.

Gleich beim ersten Zusammentreffen geht alles schief: Gorniak bekommt vom maskierten Serienmörder ein Messer 15 Zentimeter tief in den Bauch gerammt, Winkler schaut versteinert zu. Keine gute Basis, um ein paar Monate später noch einmal gemeinsam auf die Jagd nach dem entkommenen Täter zu gehen - zumal die immer noch traumatisierte Gorniak ein weiteres Mal mit diesem konfrontiert wird.

Der Serienmörder überwältigt die Kommissarin und beginnt damit, sie ausbluten zu lassen, damit er sie in einem seiner Kleinbürger-Ensembles aufstellen kann. Er sagt: "Wissen Sie, wann man einen Menschen wirklich sieht, sein wahres Gesicht? Kurz bevor er stirbt. Ihres habe ich noch nicht gesehen." Dann zeigt die Kamera, wie Gorniaks Blut in einen Kanister tropft und der Killer freut sich: "Jetzt sehe ich sie langsam."

Was der Nachbar so treibt, wenn er im Keller lärmt

Wir dürfen das an dieser Stelle so nacherzählen, ohne Spoiler-Alarm ausrufen zu müssen. Denn der emotionale Schwerpunkt dieses handfesten Horrorthrillers liegt nicht auf der Jagd nach dem Täter, sondern in dem Verhältnis von diesem zu der angeschlagenen Kommissarin. Exakt in der Mitte der Handlung erfahren wir, dass es sich beim Täter um einen gut situierten Bürger handelt, der im Untergeschoss seines Eigenheims seinem mörderischen Zeitvertreib nachgeht. Was der Nachbar eben so treibt, wenn er im Hobbykeller lärmt.

Das Drehbuch stammt von Erol Yesilkaya, der in seinen Fernsehkrimis kunstvoll Genrefilme variiert. Den Frankfurter "Tatort" legte er einst als Variation von "Se7en" an, den Berliner als Hommage an "Taxi Driver". Zuletzt lief ein "Tatort" von ihm, in dem er Elemente aus "Das Schweigen der Lämmer" vor dem Hintergrund der Wagner-Festspiele zitierte. Nach Hannibal in Bayreuth nun also Dexter in Dresden.

Wie in der US-Serie mit Michael C. Hall lernen wir den Serienkiller aus der Nahperspektive kennen, der Wechsel von der atemlosen Spannung der Mörderjagd zum sarkastischen Täter-Cop-Tête-à-Tête gelingt. Regie führte Alex Eslam, der seine Karriere mit dem Kurzfilm "Infernal Nuns" begann, einer Huldigung von Siebzigerjahre-Nonnen-Softporno-Rachehorror wie "Ich, die Nonne und die Schweinehunde" .

Nach der Sexploitation nun also die Saxploitation: Eslams sächsischer B-Movie-"Tatort" über einen Killer, der seine Opfer ausbluten lässt, kommt ja nach einem zwischenzeitlichen künstlerischen Ausbluten des MDR-"Tatort": Head-Autor Ralf Husmann und Ko-Hauptdarstellerin Alwara Höfels hatten das TV-Revier im Streit verlassen.

Effizientes Serienkillerthriller-Handwerk

Der Dresden-"Tatort" soll nun hart statt witzig sein, und diese Forderung wird mit der Episode "Das Nest" auch erfüllt. Yesilkaya und Eslam spielen souverän die zum Genre gehörigen Schockszenen durch: Eine junge Frau wird vom anfangs gesichtslosen Mörder durch eine Großküche gejagt, die Ermittlerin wird von ihm im höflichen Ton über die Art ihres Sterbens informiert. Effizientes Serienkillerthriller-Handwerk.

Doch um wirklich nachwirken zu können, werden der psychologische Subtext und die ästhetischen Querverweise nicht stark genug ausgespielt. Die am Anfang so liebevoll in Szene gesetzte Leichenwelt, die doch irgendwas mit der inneren Verfasstheit des Täters zu tun haben muss, bleibt dekoratives Gimmick. Und das Zusammenwachsen der alten und der neuen Kommissarin wird mehr behauptet als erlebbar gemacht.

Vielleicht liegt es an der schwierigen Herstellungssituation des Dresden-"Tatorts", wo ja ein ständiges Kommen und Gehen, Sterben und Wiederaufstehen herrscht. Nichtsdestotrotz: Den Weg zur dunklen Seite Dresdens gehen wir prinzipiell mit.

Bewertung: 7 von 10 Punkten


"Tatort: Das Nest", Sonntag, 20.15 Uhr, ARD

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