Serienkiller-"Tatort" Dexter in Dresden

Neue Ermittlerin, neue Härte: Nachdem es im Sachsen-"Tatort" zum kreativen Aderlass gekommen ist, jagt die neu aufgestellte Mordkommission einen Psycho, der seine Opfer ausbluten lässt.

MDR/ Wiedemann&Berg

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Sie sitzen am Küchentisch und trinken im Bademantel Kaffee, sie sitzen auf der Couch und schauen in Puschen fern. Mit viel Liebe zum Detail hat hier jemand in einem verlassenen Haus irgendwo im sächsischen Nirgendwo Stillleben gutbürgerlichen Glücks zusammengestellt. Bei den Figuren handelt es sich um Leichen, die ein Serienmörder mit Sinn fürs Dekorative arrangiert hat. Bevor er sie zu kleinen Themengrüppchen zusammenschob, ließ er sie ausbluten. Sieht anheimelnd aus, muffelt aber ein bisschen.

Das stellen auch die beiden Ermittlerinnen fest, als sie nachts mit einem Spezialkommando das Leichenhaus stürmen. Die Ermittlerinnen, das sind nach einigen Umbauten im Dresden-"Tatort" nun: Karin Gorniak (Karin Hanczewski), die noch den Abgang ihrer Kollegin und Freundin Hennie Sieland verkraften muss, sowie die neue Oberkommissarin Leonie Winkler (Cornelia Gröschel), die Schwierigkeiten hat, die großen Fußstapfen ihrer Vorgängerin auszufüllen.

Gleich beim ersten Zusammentreffen geht alles schief: Gorniak bekommt vom maskierten Serienmörder ein Messer 15 Zentimeter tief in den Bauch gerammt, Winkler schaut versteinert zu. Keine gute Basis, um ein paar Monate später noch einmal gemeinsam auf die Jagd nach dem entkommenen Täter zu gehen - zumal die immer noch traumatisierte Gorniak ein weiteres Mal mit diesem konfrontiert wird.

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MDR-"Tatort": Die dunkle Seite von Dresden

Der Serienmörder überwältigt die Kommissarin und beginnt damit, sie ausbluten zu lassen, damit er sie in einem seiner Kleinbürger-Ensembles aufstellen kann. Er sagt: "Wissen Sie, wann man einen Menschen wirklich sieht, sein wahres Gesicht? Kurz bevor er stirbt. Ihres habe ich noch nicht gesehen." Dann zeigt die Kamera, wie Gorniaks Blut in einen Kanister tropft und der Killer freut sich: "Jetzt sehe ich sie langsam."

Was der Nachbar so treibt, wenn er im Keller lärmt

Wir dürfen das an dieser Stelle so nacherzählen, ohne Spoiler-Alarm ausrufen zu müssen. Denn der emotionale Schwerpunkt dieses handfesten Horrorthrillers liegt nicht auf der Jagd nach dem Täter, sondern in dem Verhältnis von diesem zu der angeschlagenen Kommissarin. Exakt in der Mitte der Handlung erfahren wir, dass es sich beim Täter um einen gut situierten Bürger handelt, der im Untergeschoss seines Eigenheims seinem mörderischen Zeitvertreib nachgeht. Was der Nachbar eben so treibt, wenn er im Hobbykeller lärmt.

Das Drehbuch stammt von Erol Yesilkaya, der in seinen Fernsehkrimis kunstvoll Genrefilme variiert. Den Frankfurter "Tatort" legte er einst als Variation von "Se7en" an, den Berliner als Hommage an "Taxi Driver". Zuletzt lief ein "Tatort" von ihm, in dem er Elemente aus "Das Schweigen der Lämmer" vor dem Hintergrund der Wagner-Festspiele zitierte. Nach Hannibal in Bayreuth nun also Dexter in Dresden.

Wie in der US-Serie mit Michael C. Hall lernen wir den Serienkiller aus der Nahperspektive kennen, der Wechsel von der atemlosen Spannung der Mörderjagd zum sarkastischen Täter-Cop-Tête-à-Tête gelingt. Regie führte Alex Eslam, der seine Karriere mit dem Kurzfilm "Infernal Nuns" begann, einer Huldigung von Siebzigerjahre-Nonnen-Softporno-Rachehorror wie "Ich, die Nonne und die Schweinehunde" .

Nach der Sexploitation nun also die Saxploitation: Eslams sächsischer B-Movie-"Tatort" über einen Killer, der seine Opfer ausbluten lässt, kommt ja nach einem zwischenzeitlichen künstlerischen Ausbluten des MDR-"Tatort": Head-Autor Ralf Husmann und Ko-Hauptdarstellerin Alwara Höfels hatten das TV-Revier im Streit verlassen.

Effizientes Serienkillerthriller-Handwerk

Der Dresden-"Tatort" soll nun hart statt witzig sein, und diese Forderung wird mit der Episode "Das Nest" auch erfüllt. Yesilkaya und Eslam spielen souverän die zum Genre gehörigen Schockszenen durch: Eine junge Frau wird vom anfangs gesichtslosen Mörder durch eine Großküche gejagt, die Ermittlerin wird von ihm im höflichen Ton über die Art ihres Sterbens informiert. Effizientes Serienkillerthriller-Handwerk.

Doch um wirklich nachwirken zu können, werden der psychologische Subtext und die ästhetischen Querverweise nicht stark genug ausgespielt. Die am Anfang so liebevoll in Szene gesetzte Leichenwelt, die doch irgendwas mit der inneren Verfasstheit des Täters zu tun haben muss, bleibt dekoratives Gimmick. Und das Zusammenwachsen der alten und der neuen Kommissarin wird mehr behauptet als erlebbar gemacht.

Vielleicht liegt es an der schwierigen Herstellungssituation des Dresden-"Tatorts", wo ja ein ständiges Kommen und Gehen, Sterben und Wiederaufstehen herrscht. Nichtsdestotrotz: Den Weg zur dunklen Seite Dresdens gehen wir prinzipiell mit.

Bewertung: 7 von 10 Punkten


"Tatort: Das Nest", Sonntag, 20.15 Uhr, ARD

insgesamt 41 Beiträge
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Augustusrex 26.04.2019
1. Was denn?
Keine eigenen Ideen mehr? Nur Nacherzählen von bereits bekannten Plots? Das ist nicht viel. Na ja. mal sehen. Vielleicht geht es ja.
Dramaturgen-Frau 26.04.2019
2. Wenn gar nichts mehr geht: Psychopath geht immer
Warum ist das so? Weil das Konstruieren von Plotpoints / Wendepunkten im Film wirklich Fantasie und Können verlangt. Beim Psychopathen ist das ganz einfach: der kann schließlich alles und immer machen und an jedem Ort ohne jede Begründung auftauchen. Er ist ja ein Psychopath. Das Ganze wird in Dresden, Sachsen, dann natürlich pc-gemäß vor den Landtagswahlen im Osten von den Herren Yesilkaya und Eslam (nomen est omen!) dargeboten. Nein, was Buß hier ankündigt, den Versuch eines Vorbildabklatsches, kann bei den bis auf Martin Brambach in seinen darstellerischen Fähigkeiten doch arg beschränkten Ensembles nur nach hinten losgehen. Es ist in der Vergangenheit auch immer nach hinten losgegangen. Die ARD wird halt nicht klug. Dass nun also der Rest sehenswerten Humors mit Martin Brambach aus diesem Tatort vergrault wird, ist traurig. Es wird ein ekelhaftes Blutgemantsche, das wir am Sonntagabend vor Beginn der neuen Arbeitswoche ganz sicher nicht sehen wollen. Für mich heißt das: Bella Block auf zdfneo. Muss ich diesen Tatort jetzt auch noch in die Reihe der bekämpfenswerten Produktionen übernehmen? Wir waren doch schon so froh, mit dem Abgesang der unseligen Postel dem Ziel einer seh-baren Tatortreihe so nahe gekommen zu sein.
fräulein_hildegard 27.04.2019
3. Warum immer nur Mord?
Ich bin sicher, ich bin eine der ganz wenigen, die den Hamburger Tatort mit Cenk Batu vermissen. Da ging es auch mal um Betrug oder Erpressung, für mich jede einzelne Folge immer spannend. Wahrscheinlich nicht Mainstream genug, daher nur noch Gemetzel, Komik oder völlig abgedreht. Schade eigentlich.
gersois 28.04.2019
4. Tatort aus Dresden
Der große Nachteil eines Tatorts aus Dresden ist der Kommissariatsleiter, dargestellt von Martin Brambach. Brambach schneidet in allen seinen Rollen - egal ob Tatort oder andere Reihe - immer dieselben Grimassen. Seine "Schauspielerei" ist so vorhersehbar und abgenutzt, dass er endlich im TV länger pausieren müsste.
twister13 28.04.2019
5. Bitte nicht!
Da ist aber genau die Falsche ausgestiegen und die Falsche drin geblieben. Frau Karin Hanczewski deren Schauspiel sich darin erschöpft wahlweise wie ein Eichhörnchen mit Verstopfung drein zu blicken oder, wenn sie die richtig toughe, harte Kommissarin rauskehren will, wie ein Eichhörnchen mit ganz schlimmer Verstopfung. Keine Ahnung wer die Dame gecastet hat. Die Messerattacke wäre doch eine wunderbare Gelegenheit gewesen sie in die ewigen Tatort Jagdgründe zu schicken. Keiner, aber wirklich keiner hätte sie vermisst.
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