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26. Januar 2018, 16:35 Uhr

Dresden-"Tatort"

Mein Mann, der Pädo

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Der Stammautor ist weg, die Hauptdarstellerin folgt bald - und plötzlich gelingt dem MDR ein "Tatort" für den mündigen Zuschauer: Aus mehreren Perspektiven betrachtet "Déjà-vu" ein Pädophilie-Verbrechen.

Ein junges Paar im Bett, er arbeitet bei den Wasserwerken, sie ist Lehrerin an einer Grundschule. "Erzähl mir eine Geschichte", sagt er. Und sie erzählt. Von einem "holden Knaben", der sich entblößt, von einem anderen "holden Knaben", der ihm dabei zusieht. Dann haben die junge Frau und der junge Mann Sex, sie erzählt beim Geschlechtsakt die Geschichte des "Knaben" weiter. "Bei dir werde ich ein besserer Mensch", sagt der junge Mann. Alltag eines Pädophilen und seiner um die Neigung wissenden Partnerin: der heteronormative Geschlechtsakt als nächtliche Buße für das Gewaltverbrechen.

Dieser Dresden-"Tatort" will viel. Und erreicht viel. Er zeigt das Leben eines Pädo-Verbrechers, der einen Jungen missbraucht und ermordet und dann so tut, als ob sich diese Tat im Nachstellen einer heterosexuellen Beziehung vergessen lässt. Er zeigt das Leiden der Opfer-Eltern, die zwischen Wut und Ohnmacht dahinvegetieren. Er zeigt das Lavieren der Ermittler, die bei den Untersuchungen immer wieder an psychologische, bürokratische und juristische Grenzen stoßen. Fast immer behält dieser Krimi seine ausgeruhte, fast schon lakonische Distanz zum Geschehen.

Ein recht großer Schritt für den Dresdner "Tatort", bei dem die verantwortliche Redaktion zuvor nie so recht zu wissen schien, ob sie jetzt eigentlich eine Krimikomödie oder einen Gesellschaftsschocker drehen wollte. Stammautor Ralf Husmann hat inzwischen frustriert hingeschmissen, Alwara Höfels ebenfalls, sie ist hier bei ihrem vorletzten Auftritt als Oberkommissarin Sieland zu sehen.

Es ist, bittere Ironie, ihr bester. Vielleicht auch deshalb, weil die Genervtheit und Verzweiflung, die sie im Laufe ihres Engagements beim Dresdner "Tatort" aufgestaut hat und die sie nun beim Spielen zeigt, in die Handlung passen.

Auch Martin Brambach - er bleibt dem sächsischen TV-Revier erhalten - spielt hier so gut wie beinahe nie zuvor als Kommissariatsleiter Schnabel. Er rennt in seiner Rolle aufgewühlt über die Büroflure, klagt über zu viel Datenschutz und zu wenig Personal. Schnabel, so wie ihn Brambach jetzt spielt, ist eine Mischung aus Empathiemonster und Wutbürger, aus Musterbeamten und Ossi-Nörgler. Dresden, kompliziert.

Einmal geht Schnabel einen Journalisten an, der gehört haben will, dass ein Flüchtling für die Tat verantwortlich sein soll: "Ja, das stimmt", tönt Schnabel ironisch, "der hat den Jungen zuerst gekocht und dann aufgegessen. So wie man das so macht in Afrika." Ein anderes Mal sagt Schnabel gegenüber den Kollegen aufgebracht: "Wenn wir in Deutschland doch Methoden anwenden dürften wie in den USA oder den Niederlanden!"

Der Satz steht so im Raum, er wird nicht einsortiert und bewertet wie in anderen Episoden. "Tatorte" sind ja oft wie Pro-und-Kontra-Stücke aufgebaut, so als müssten auch wirklich alle Meinungen zu Gesellschafts- und Rechtsfragen sauber gegeneinander abgewogen werden, um auf der sicheren Seite zu stehen.

Der junge Regisseur Dustin Loose (Studenten-Oscar für den Kurzfilm "Erledigung einer Sache") hält es aus, Unvereinbares und Unversöhnliches unkommentiert im Raum stehen zu lassen. Das Publikum ist in den besten Szenen dieses multiperspektivischen Krimis auf sich selbst zurückgeworfen. So gesehen ist "Déjà-vu" (Buch: Mark Monheim, Stephan Wagner) ein "Tatort" für den mündigen Zuschauer - und ein echter Modernisierungsschub für den bei seinen "Tatorten" oft so unglücklich und rückwärtsgewandt agierenden MDR.

Nur eine Sache ist wirklich dämlich: Am Ende erfährt Oberkommissarin Sieland, dass sie schwanger ist - eine eher bescheidene Vorbereitung für den Zuschauer auf den Umstand, dass Alwara Höfels im übernächsten "Tatort" nicht mehr dabei ist. Schwangerschaft als Karriereende, das ist schon sehr gestrig.

Bewertung: 7 von 10 Punkten

"Tatort: Déjà-vu": Sonntag, 20.15 Uhr, ARD

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