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19. Dezember 2014, 15:21 Uhr

Nachwuchs-"Tatort" aus Erfurt

"Jacqueline heißt eigentlich Mandy"

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Jung, cool und aus den neuen Bundesländern? Der MDR versucht in Erfurt die Erneuerung des "Tatort". Glückt leider nur halb. Und das Frauenbild ist voll von gestern.

Da kommen sie wieder angerauscht, die "Tatort"-Ermittler der nächsten Generation. Aus den neuen Bundesländern und stolz drauf. "Wann hast du denn deiner Mutter das letzte Mal Blumen geschenkt? Da hieß Chemnitz noch Karl-Marx-Stadt", frotzelt der eine. Und dann dieses Bonmot, das in einer Bordellbar fällt, in der junge Frauen an der Stange tanzen: Die Barfrau lädt einen der Kommissare ein, doch mit Jacqueline nach oben zu gehen. Die Antwort vom Cop: "Jacqueline heißt eigentlich Mandy und war ein paar Klassen unter mir."

Ein lakonischer und doch tragikomisch leuchtender Satz, der so beinahe auch in einer Rotlicht-Betrachtung des Ost-Literaten Clemens Meyer stehen könnte. Dass in der abgehalfterten Stripbar dann auch noch ein Hipster mit Brille und Pepita-Hütchen amtlichen Raggamuffin auflegt, ist dann vielleicht doch ein bisschen zu viel des Guten.

Trotzdem kommen sie also langsam an, die Spunde aus dem Osten. Als das Trio Henry Funck (Friedrich Mücke), Maik Schaffert (Benjamin Kramme) und Johanna Grewel (Alina Levshin) vor einem Jahr als neues MDR-"Tatort"-Team in Erfurt begann, war man ja leicht abgestoßen von dieser erzwungenen Jugendlichkeit. Inzwischen entwickelte sich da zumindest passagenweise eine interessante Tonalität: ein ganz klein bisschen Kraftklub, ein ganz klein bisschen Clemens Meyer. Und, zugegeben, leider immer noch zu viel "Soko Leipzig"-Sprech.

Wo ist die Gleichstellungsbeauftragte?

Deutschland schaute in den letzten Wochen ja verstärkt auf Erfurt, wo die Linke nach langen, kritisch begleiteten Koalitionsgesprächen den ersten Ministerpräsidenten ihrer Geschichte stellt. Ein komisches Stimmungsgemisch lag und liegt da in der Luft, irgendwas zwischen Ostalgie, ungelösten Konflikten und Aufbruchstimmung. So was könnte der "Tatort" aus der thüringischen Landeshauptstadt eigentlich gut einfangen; er müsste ein Krimi sein, bei der mentalitätsgeschichtliche Verweise auf die untergegangene DDR ohne großes Bohei fallen, während die kurz vor dem Mauerfall geborenen Ermittler mit einem gewissen Lokalstolz unterwegs sind.

Im Ansatz funktioniert das im zweiten Erfurt-"Tatort" (Regie: Johannes Grieser, Buch: Leo P. Ard und Michael B. Müller) auch gut. Allerdings ist der Plot dann doch Bausatzware. Es geht um einen einsitzenden Erfurter Rotlicht-König, der bei der Beerdigung seines Vaters fliehen kann und der Polizisten schmierte, die offenbar aus dem nächsten Umfeld der drei Jungbullen stammen.

Unter anderem gerät auch Kriminaldirektorin Petra Fritzenberger (Kirsten Block) ins Zwielicht. Eine toughe Chefin, die sich im Männerladen hochgeboxt hat. "Dass ich hier sitze", sagt sie in einer Szene vom Chefinsessel zur jungen Kollegin Grewel, "habe ich nicht der Gleichstellungsbeauftragten zu verdanken."

Apropos: Der Figur der Johanna Grewel wird von Filmkollegen und Drehbuchautoren übel mitgespielt. Die Schauspielerin Alina Levshin ("Alaska Johansson"), eigentlich die große Hoffnung ihres Fachs, muss die junge Ermittlerin auch weiter als graues Mäuschen spielen. Die Jungs haben vorne im Auto Spaß, während sie brav auf der Rückbank angeschnallt auf ihren Einsatz wartet. Da war das Frauenbild im "Tatort" schon mal fortschrittlicher.

Wo ist die Gleichstellungsbeauftragte, wenn man sie braucht?


"Tatort: Der Maulwurf", Sonntag, 20.15 Uhr, ARD

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