Vertrackter Franken-»Tatort« Bitte glauben Sie nicht alles, was Sie hier sehen

Wälder, Keller, Tiefkühltruhen – wo liegt die Wahrheit begraben? Dieser »Tatort« um einen vermissten Jungen jagt das Publikum durch ein Labyrinth aus Lügen und Täuschungen.
Fabian Hinrichs als Kommissar Voss: Unheimliches Licht, beschränkte Sicht, Schritt für Schritt zur Wahrheit

Fabian Hinrichs als Kommissar Voss: Unheimliches Licht, beschränkte Sicht, Schritt für Schritt zur Wahrheit

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Hendrik Heiden / BR

In wie viele Keller müssen wir hinabsteigen, durch wie viele finstre Wälder irren und wie viele Truhen und Schränke öffnen, bis sich uns endlich die Wahrheit offenbart? Dieser »Tatort« schleust uns durch dunkle Räume und tiefe Abgründe, bis er uns eine vage Ahnung über das Verbrechen vermittelt, um das es hier geht. Dieser »Tatort« ist eine Zumutung. Und er will das wohl auch sein.

Dabei beginnt er so zärtlich. Kommissarin Paula Ringelhahn (Dagmar Manzel) ist endlich wieder verliebt, ihr neuer Lover, Rolf aus Bamberg (Sylvester Groth), macht ihr nach der ersten Nacht bei ihm daheim aus reinem Überschwang gleich drei verschiedene Arten von Eiern zum Frühstück. Sehnsucht rostet nicht, so geht Liebesglück 50+.

Hinrichs mit Kollegin Ringelhahn: Sehnsucht rostet nicht

Hinrichs mit Kollegin Ringelhahn: Sehnsucht rostet nicht

Foto: Marc Reimann / BR

Doch Rolf gerät in den Verdacht, den siebenjährigen Mike entführt und vielleicht sogar ermordet zu haben. Auf einmal steht Ringelhahns Kollege Felix Voss (Fabian Hinrichs) vor der Tür und will den Liebhaber der Kollegin vernehmen. Doch Ringelhahn hält an ihrer neuen Liebe fest – kann dann allerdings doch nicht der Versuchung widerstehen, während einer zweiten Nacht in den Keller des neuen Freundes hinabzusteigen.

Paula im Keller

Unheimliches Licht, beschränkte Sicht, Schritt für Schritt tastet sich die Kommissarin vor, erlebt die gesamte Gefühlspalette zwischen Erleichterung und Entsetzen und muss ihre Gefühle auf den Prüfstand stellen: Der Lover ein Mörder? Die Liebe eine Illusion? Die Welt ein schwarzes Loch, das alle Hoffnung und alles Glück in sich aufsaugt? Mit der Wahrheit ist es in diesem Krimi eine komplizierte Sache: Der Plot ist kunstvoll verschachtelt und wird aus verschiedenen, zum Teil stark verzerrten Wahrnehmungsebenen erzählt. Bitte glauben Sie nicht alles, was Sie sehen.

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Kommissar-Karussell: Alle »Tatort«-Teams im Überblick

Foto: Martin Rottenkolber / WDR

Das Drehbuch zu »Wo ist Mike?« hat Thomas Wendrich geschrieben. Er hat zuvor für die TV-Trilogie »Mitten in Deutschland: NSU« den Film »Die Täter – Heute ist nicht alle Tage« mitverantwortet, in dem das Leben und die Verbrechen von Beate Zschäpe aus deren Sicht erzählt wurden. Regie bei Wendrichs Franken-»Tatort« führte Andreas Kleinert, einer der großen Stilisten des deutschen Fernsehfilms, der die Innenwelten seiner Figuren stets in eigenwilligen Settings spiegelt. Zuletzt begeisterte er mit dem Wellenreiter-»Tatort«, der das trostlose München zwischenzeitlich wie ein Surferparadies erscheinen ließ.

Bamberg, das Labyrinth

In Kleinerts neuem Sonntagskrimi wird nun ausgerechnet das beschauliche Bamberg zu einem dunklen Erzähllabyrinth, durch das sich das Publikum getrieben sieht. Die Figuren, die es darin trifft, sind nicht immer verlässlich in ihrer Wahrheitsübermittlung.

So begegnen wir einem Siebzehnjährigen, der offenbar unter psychotischen Schüben leidet und sich in Schränke einschließt, um der Umwelt zu entkommen. Oder wir schauen mit Kommissar Voss durch eine Virtual-Reality-Brille einen Film, der aus der Perspektive eines Kindes zeigt, wie es von einem Mann durch den Wald gejagt wird – eine therapeutische Maßnahme für Gewaltverbrecher, die auf diese Weise brutalstmöglich ihr zerstörerisches Verhalten gespiegelt bekommen sollen.

Virtuelle Wirklichkeit, gefühlte Wirklichkeit, segmentierte Wirklichkeit – in diesem »Tatort« ist es ein langer, vertrackter Weg zu Wahrheit. Aber auch wenn es weh tut, der Weg lohnt sich.

Bewertung: 8 von 10 Punkten

»Tatort: Wo ist Mike«, Sonntag, 20.15 Uhr, Das Erste

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