Faktencheck zum Franken-"Tatort" Nürnberg, Stadt des Niedergangs?

War da noch was außer Christkindlesmarkt und Bratwurst? Der erste Franken-"Tatort" löste sich von den üblichen Nürnberg-Klischees und zeigte eine Stadt im Umbruch zwischen sterbenden Traditionsunternehmen und Hightechforschung.
Fabian Hinrichs als Kommissar Voss im "Tatort": Düsteres Franken?

Fabian Hinrichs als Kommissar Voss im "Tatort": Düsteres Franken?

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Jetzt also auch Nürnberg. Der "Tatort" hat nach München einen weiteren Standort in Bayern. In der Auftaktfolge "Der Himmel ist ein Platz auf Erden" gingen die beiden neuen Kriminalhauptkommissare Felix Voss (Fabian Hinrichs) und Paula Ringelhahn (Dagmar Manzel) auf Mörderjagd zwischen alten Gewerberuinen und neuen Hightechschmieden.

Stadt des Niedergangs?

Zur Begrüßung gibt es für den frisch zugezogenen Voss einen kleinen Exkurs in Nürnberger Stadthistorie der eher trostlosen Art: "Das ist unsere Weltgeschichtsstraße", sagt seine Ermittlerkollegin, als die beiden durch die langgezogene Fürther Straße fahren. Mal wandert dabei ihr Blick nach links aus dem Autofenster, mal weist ihre Hand nach rechts: "Quelle, Adler, AEG - lauter untergegangene Weltunternehmen."

Das klingt ein bisschen depressiv, und tatsächlich haben Stadt und Region in der Vergangenheit unter so manchem Strukturwandel gelitten. Als Quelle, einst Europas größtes Versandhaus, 2009 am Ende war, gingen Tausende Arbeitsplätze verloren. Das ehemalige Versandzentrum im Nürnberger Westen mit mehr als 72.000 Quadratmetern steht seitdem leer und muss zwangsversteigert werden. Beim Elektrokonzern AEG gingen bereits 2007 die Lichter aus, betroffen waren damals 1750 Jobs.

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Franken-"Tatort": Kleiner Tod, großer Tod

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Das ist aber nur die eine Seite, denn Nürnberg steht heute nicht schlecht da: Der bayerischen Landeshauptstadt München hechelt es zwar hinterher, aber im bundesweiten Großstadtvergleich hat Nürnberg eine passable Bilanz bei der Arbeitslosenquote: Diese lag etwa im Dezember 2013 bei 7,4 Prozent und damit nur geringfügig höher als in Hamburg und deutlich niedriger als etwa in Düsseldorf (8,6 Prozent).

Mehr als 25.000 Unternehmen sind in Nürnberg angesiedelt, auch in jüngster Vergangenheit kamen neue hinzu, etwa aus dem IT-Bereich. Der Unternehmensbestand entwickele sich in der Stadt seit Jahren positiv, heißt es im Wirtschaftsbericht 2014.

Angst vor München?

Der Polizeipräsident schäumt, nachdem sich Voss bei seinen Ermittlungen in einem Universitätsinstitut fragwürdiger Methoden bedient hat: "Sie haben uns nicht nur den BND und die Ministerien, sondern auch die Hauptstadt an den Hals gehetzt", donnert er. Damit sich der Kommissar dieser Tragweite auch wirklich bewusst wird, schiebt er hinterher: "M-ü-n-c-h-e-n!!" - ganz so, als gäbe es nichts Bedrohlicheres.

Das kleine Nürnberg zittert vor der Landeshauptstadt? So, so. Natürlich steht die fränkische Metropole im Schatten des mächtigen München, wo auch die politischen Entscheidungen fallen. Selbstverständlich war es für Nürnberg eine Schmach, als es 1806 dem Bayerischen Königreich zugeschlagen wurde. Zu befürchten hat die zweitgrößte Stadt des Freistaats heute aber genau dies: nichts.

Politisch ist das Verhältnis zwischen den beiden Städten ohnehin entspannt: Die Oberbürgermeister Dieter Reiter (München) und Ulrich Maly (Nürnberg) verstehen sich schon allein wegen ihrer SPD-Parteibücher bestens.

Und dann ist da noch Bayerns Finanzminister Markus Söder, gebürtiger Nürnberger und durch und durch Franke. Als dem ambitionierten CSU-Mann nach der Landtagswahl 2013 auch das neu geschaffene Heimatministerium unterstellt wurde, traf er eine Entscheidung, die keine Zweifel an seiner Heimattreue ließ: Der Sitz des Ministeriums ging nach…Nürnberg.

Stadt der Fachwerkhäuser?

Fachwerkhäuser, Lebkuchen, Bratwurst, provinziell und spießig - unter diesem Image hat Nürnberg lange gelitten, manche sehen die Stadt noch heute so. Der "Tatort" zeigt Nürnberg vor allem von seiner urbanen Seite: noble Stadthäuser in Grünlagen, nicht enden wollende Verkehrsunterführungen, gesichtslose Bauten aus den Fünfzigern entlang von Straßenbahnlinien, glitzernde Glasfassaden.

Das wirkt alles nicht so klein, wie man vielleicht von der Stadt erwartet hätte, die neben historischen Bauwerken auch moderne Architektur vorzuweisen hat (Neues Museum). Anfang der Neunzigerjahre hielt laut einer Umfrage nur jeder hundertste Bundesbürger Nürnberg für eine Großstadt. Falls noch Aufklärungsbedarf bestand, dürfte der "Tatort" einen Beitrag geleistet haben.