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"Tatort" aus Franken: Mein Kumpel, der Flüchtling

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Verdeckter Ermittler im Flüchtlings-"Tatort" Würstchen undercover

Achtung, da ist Esel drin! Kommissar Voss schmuggelt sich mit tschetschenischen Wurstwaren in eine Flüchtlingsunterkunft. Wer denkt sich so einen "Tatort" aus?

Wie schön, wenn man eine Oma in Tschetschenien hat. Allein die Würste, die man von ihr bekommt: Duften nach Hausschlachterei, künden von den Kräutern des Kaukasus. Eingewickelt in Zeitungspapier verteilt Hauptkommissar Felix Voss (Fabian Hinrichs) diese Würste auf den Gängen seines Reviers; gerade ist er aus einem Urlaub in der Heimat seiner Eltern zurückgekommen. Paula Ringelhahn (Dagmar Manzel) und die anderen Kollegen schnuppern allesamt selig an den tschetschenischen Fleischwaren, fragen dann aber besorgt: "Ist da Esel drin?"

Wie schön, wenn man eine Oma in Tschetschenien hat. Das dachten sich auch die Verantwortlichen dieses Flüchtlings-"Tatort" und schneiderten dem Kommissar einen ziemlich fadenscheinigen Migrationshintergrund auf den Leib, weil das so gut zur aktuellen Geschichte passt: Auf eine Gemeinschaftsunterkunft in Bamberg wurde ein Brandanschlag verübt, und weil man den frisch aus dem Kaukasus heimgekehrten Voss noch nicht am Tatort gesehen hat, schleust man ihn verdeckt als tschetschenischen Flüchtling ein.

Fortan radebrecht sich der Ermittler mit albernem Akzent durch die Unterkunft und verteilt seine Esel-oder-doch-nicht-Eselwurst an Syrer, Iraker und Marokkaner. Bald ist Voss im Kreis der Flüchtlinge angekommen: Er kümmert sich rührend um den 16-jährigen Basem, der allein nach Deutschland geflohen ist. Er putzt schwarz für 6,50 Euro die Stunde und muss sich dabei von der fränkischen Vorarbeiterin demütigen lassen. Er wird mit seinen neuen Freunden von Rechtsradikalen attackiert und hat ordentlich einzustecken.

Malen nach Zahlen für den Migrationskrimi

Wir würden ja furchtbar gerne mitfühlen mit dem empathischen Undercover-Cop. Aber wie hier die gängigen Motive rund ums Thema Flüchtlingsheim aufgeklaubt, verknüpft und ausgepinselt werden, lässt einen doch sehr unberührt zurück. Malen nach Zahlen für den Migrationskrimi.

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"Tatort" aus Franken: Mein Kumpel, der Flüchtling

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Dabei haben die Filmemacher zuvor gezeigt, dass sie anders können: Regisseur Markus Imboden hat zuletzt einen risikofreudigen, sprachverrückten Frankfurter "Tatort" über Migranten und Neue Rechte gedreht, Autor Holger Karsten Schmidt lieferte mit dem Drehbuch zu "Auf kurze Distanz" einen formvollendeten, mitreißenden Undercover-Thriller.

Gerade aber die Szenen im Franken-"Tatort", in denen Voss mit Tschetschenenlegende in die Schattenwirtschaft rund um den Flüchtlingsbetrieb einsteigt, sind von betrüblicher Einfalt. Immer wenn es brenzlig wird, zaubert er seinen Dienstausweis aus dem Schuh, und schon ist wieder alles paletti. Nie war ein Undercoverjob ungefährlicher.

Als der Ermittler etwa beim Putzen in einem verdächtigen Betrieb rumschnüffelt und dabei von einer Mitarbeiterin entdeckt wird, holt er sofort seine Pappe raus und mahnt: "Mordkommission Franken. Voss. Wissen Sie, welche Strafe auf einen Geheimnisverrat zum Nachteil der Bundesrepublik Deutschland steht? Ich bin Teil einer verdeckten Ermittlung, sie sind zum Stillschweigen verpflichtet, verstoßen Sie dagegen - Freiheitsstrafe nicht unter zehn Jahren! Alles klar?"

Alles klar, Herr Kommissar. Besonders schade ist dieser brachial der Lösung zustrebende "Tatort", weil Manzel und Hinrichs als Ringelhahn und Voss vor zwei Jahren besonders behutsam eingeführt worden sind. Wer auf eine sanfte, aber fundierte Ausgestaltung der Ermittlerbiografien hoffte, bekommt's nun hart und dumpf. Man schleift und würgt sich die Figuren zurecht, bis sie irgendwie in die konstruierte Handlung passen. Ein weiterer Beleg dafür, wie lieblos die ARD-Redaktionen zum Teil mit den von ihnen betreuten Figuren verfahren.

In Anbetracht dieses Würstchen-undercover-"Tatort" fragt man sich schon, wofür die Redakteure des öffentlich-rechtlichen Rundfunks eigentlich bezahlt werden. Alle reden über das horizontale Erzählen in US-Serienvorbildern, aber von den Verantwortlichen ist niemand bereit, weiter als bis zur allernächsten Produktion zu denken.

Gut möglich, dass der Tschetschenenhintergrund bei Ermittler Voss für eine andere nützliche Backstory schnell auf dem Müll der "Tatort"-Geschichte landet.

Bewertung: 3 von 10 Punkten


"Tatort: Am Ende geht man nackt", Sonntag, 20.15 Uhr, ARD

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Fotostrecke: Alle "Tatort"-Teams im Überblick

Foto: Martin Rottenkolber / WDR
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