"Tatort"-Faktencheck Lässt die Russenmafia wirklich in Deutschland morden?

Ein Russe, der seelenruhig Auftragsmorde begeht? Ein Ermittler, der Kollegen belügt und Zeugen erschießt? Der Frankfurter "Tatort" trug reichlich dick auf - wie weit entfernte er sich von der Realität? Der Faktencheck.

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Ein Cop vom Sittendezernat ballert Zeugen nieder, Mordermittler Paul Brix spaziert breitbeinig durchs Rotlichtviertel und zu Familienfeiern der Russenmafia: Lange war ein "Tatort" nicht mehr so testosterongetrieben wie die Frankfurter Episode "Hinter dem Spiegel". Aber waren die Ingredienzien des rasanten Retroplots auch realitätsnah? Der Faktencheck:

Ist die Russenmafia in Deutschland wirklich so mächtig?

Klare Antwort: Ja. Die Darstellung der russischen Gangster im "Tatort" als wortkarge Tötungsmaschinen ist zwar ironisch überdreht, aber ansonsten nicht ganz unwahrscheinlich. Nach der Wende expandierte die organisierte Kriminalität von der ehemaligen Sowjetunion aus mit rasantem Tempo in Westeuropa und richtete sich auch in Frankfurt ein.

Geld verdienen die Kriminellen unter anderem mit Waffen, Drogen, Kunstschätzen, Prostitution - und schrecken auch vor Morden nicht zurück. Inzwischen ist bekannt, dass mutmaßliche Paten der Russenmafia sogar im Bundeskanzleramt empfangen wurden und wohl auch Kontakte zu Russlands Staatschef Wladimir Putin pflegen.

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In Deutschland ist die Ausbreitung der Russenmafia auch ein Ergebnis gescheiterter Integration: In den Neunzigerjahren schlossen sich etliche aus der ehemaligen Sowjetunion eingewanderte Aussiedler den kriminellen Banden an. Wie genau diese Parallelstrukturen gegenwärtig aussehen, könnte bald ein spektakulärer Prozess in Lüneburg zeigen: Dort sitzt derzeit ein halbes Dutzend mutmaßlicher Mafiosi auf der Anklagebank.

Wie gefährlich ist das Frankfurter Bahnhofsviertel?

Dubiose Bierklausen, zwielichte Mafiosi, düstere Bordelle: Das Areal rund um den Frankfurter Hauptbahnhof kommt in diesem "Tatort" nicht gerade einladend daher. Und tatsächlich galt noch vor einigen Jahren das knapp einen Quadratkiometer große Viertel als eines der gefährlichsten Pflaster Deutschlands, war berüchtigt für die Kombination aus offener Drogenszene und Prostitution.

Immer wieder kam es zu blutigen Auseinandersetzungen rivalisierender Banden, auf der anderen Seite entwickelte sich auf engstem Raum ein dichtes Panorama der unterschiedlichsten Kulturen - kulinarisch, musikalisch, sprachlich.

SPIEGEL TV über den Wandel im Frankfurter Bahnhofsviertel:

SPIEGEL TV
Dieser Trend kippt schon seit den Achtzigerjahren langsam, politisch gesteuert unter anderem durch den Bau weiterer Wolkenkratzer im Stadtzentrum. So hält im Bahnhofsviertel inzwischen die Gentrifizierung Einzug: Gastronomie-Ketten buhlen um die besten Standorte, Besserverdienende investieren in Immobilien, Touristen strömen über die einst verruchte Kaiserstraße. Kommissar Brix' Streifzüge durch diese Welt wirken daher wie eine Zeitreise in die dreckigen Achtziger.

Wofür ist bei der Polizei die Sitte zuständig?

Sittenpolizist Wolfgang Preiss (Justus von Dohnányi) hat sich im "Tatort" vom Sonntag auf Geschäfte mit der Mafia eingelassen und erschießt nun für ihn gefährliche Zeugen. Dieser "Tatort" ist nicht die erste Episode des TV-Krimis, in dem die Rivalität zwischen Mordkommission und der Sitte eine Rolle spielt - allerdings war deren Verwicklung selten so groß. Tatsächlich genießen die Sittendezernate einen nicht immer tadellosen Ruf.

Das liegt offenbar am Zuständigkeitsbereich der Sittenpolizisten, bei denen der Name Programm ist: Das Bürgerliche Gesetzbuch beschäftigt sich eigens mit "den guten Sitten" und erklärt ein Rechtsgeschäft für nichtig, das gegen sie verstößt. In den Babyjahren der Republik war die Sitte daher vor allem für das sogenannte Dirnenwesen zuständig, jahrelange ahndeten die Beamten sogar das Tragen zu kurzer Röcke. Inzwischen gelten Miniröcke als ebenso sittengemäß wie Prostitution, neben unerlaubtem Glücksspiel zählen Sexualdelikte aber noch immer zum Kerngeschäft der Sittendezernate.

Die Nähe zu den Drahtziehern der organisierten Kriminalität birgt jedoch Risiken: Immer wieder plaudern in kriminellen Milieus eingesetzte Beamte bevorstehende Polizeieinsätze aus, manche Ermittler lassen sich sogar als Informanten anwerben oder erpressen. Das "Tatort"-Szenario ist daher zugespitzt - völlig unrealistisch aber nicht.

Retro-"Tatort" aus Frankfurt



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appendnix 14.09.2015
1. GEZahlte Geldverschwendung
Ich sag nur: Primitiver, durchsichtiger Plot, unterdurchschnittliche Schauspieler und Kameraführung, kurz: Unglaublich, dass für so 'nen Schrott, so viel unfreiwillig GEZahltes Geld verballert wird - Deutschland eben!
witsbolt 14.09.2015
2. Witzig....
...woran hat man denn erkannt, das der Tatort in Frankfurt spielt?Am Titel? An den 2 gezeigten Hochhäusern? Den Tatort hätten sie ebensogut in Wuppertal drehen können....
derschnaufer 14.09.2015
3. Dieser Tatort
war für mich vertgeudete Lebenszeit. Auch bin ich der Meinung dass mit einer solch miesen Qualität und zwar auf allen Ebenen der Tatort auf Dauer kaputt gemacht wird.
sachse78 14.09.2015
4. Warum nur
wusste ich vorher , dass bei dieser Tatort Kritik Putin der wahre Schuldige ist. ;-)
vassiliki2000 14.09.2015
5. Wer posaunt eigentlich immer seine negative Meinung zum Tatort aus
Wahrscheinlich die "politisch Korrekten" die keine Vorurteile schüren wollen und bei denen die Realität "politisch unkorrekt" ist. Besser ausblenden als hinsehen und die Realität ausblenden....
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