Fotostrecke

"Tatort" mit Klara Blum: Monster auf Glotzenformat

Foto: SWR/Peter Hollenbach

"Tatort" aus Konstanz Kinderschreck lass nach

Schaut Euch das Schwein an! Im "Tatort" aus Konstanz geht es um den Sexualmord an einem Jungen. Das Thema Pädophilie wird nur angerissen, der Schrecken löst sich in wohligem Schauer auf. Und dank des Monsters übersieht der Zuschauer schnell die dürre Story. Vielleicht aber auch nicht.

Ein Pädophiler bekennt sich: Im Jahr 1930 riss Peter Lorre seine traurigen großen Augen weit auf und offenbarte in Fritz Langs "M - Eine Stadt sucht einen Mörder" das gestörte Innere seiner Figur. In seinem Blick lagen: Gier, Ekel, Todesangst. Und der Schrecken vor dem Individuum mit dem unbeherrschbaren Trieb verwandelt sich in dem Film in den Schrecken vor einer Gesellschaft, die diesem Individuum nichts entgegenzusetzen hat als seine Auslöschung.

80 Jahre nach "M" ist der Umgang mit Sexualstraftätern ein anderer, Strafe geht jetzt Hand in Hand mit Therapieren. Doch Lorres Performance - und die Abfolge von Grauen, Mitleid und wieder Grauen, die sie auslöst - ist noch immer Vorbild für fast alle Darstellungen von Pädophilen. Und davon gibt es im deutschen Fernsehen reichlich. Oft wird dort so getan, als wolle man die pervertierte Lust verstehen - um dann doch nur einen augenrollenden Widerling vorzuführen.

Nun ist es wieder so weit, dieses Mal im "Tatort" aus Konstanz. Während der Ermittlungen zu einem Mord in einem Schullandheim gerät Kommissarin Klara Blum (Eva Mattes) in die Gewalt von Holger Nussbaum (Hansa Czypionka). Der saß viele Jahre wegen eines Kindsmords im Gefängnis, gestanden hat er ihn aber nie. Fraglich, ob er die alte Tat begangen hat. Noch fraglicher, ob die neue auf seine Rechnung geht. Aber fraglos hat der Mann eine pädophile Neigung.

Das Mittelmaß im Monströsen

Um die Wahrheit aus ihm herauszukitzeln, malt Blum in ihrem Geiselversteck in Anspielung auf Nussbaums mutmaßliche Opfer das perfekte Objekt seiner Begierde aus: einen Jungen, "schmal wie eine Gazelle, so wie Sie es lieben". Der so angestachelte Mann bricht schließlich in einen Monolog aus, der wie ein billiges Plagiat der Lorre-Aufführung wirkt.

Wieder einmal also ein Pädophiler im Bekennerrausch. Aber hilft so eine Vorführung wirklich, den zerstörerischen Trieb zu verstehen? Oder ist der Sexualstraftäter dadurch nicht längst zu einer Art Ausstellungsstück geworden, der noch dem mittelmäßigsten Krimi etwas Monströses verleihen soll?

Bei der "Tatort"-Episode "Nachtkrapp" (Buch: Melody Kreiss, Regie: Patrick Winzcewski) ist leider Letzteres der Fall. In einem ziemlich plump entwickelten Plot, der erst einen Pfaffen und dann einen Hausmeister in den Kreis der Verdächtigen rückt, spielt das Thema Pädophilie eigentlich nur eine Nebenrolle. Es dient als diffuser Angstmacher, über den man lieber gar nicht so viel wissen will. Was zählt, ist der wohlige Schauer. Dazwischen gibt es ein paar Impressionen vom Nebel über dem Bodensee und dem Frühtau auf den Alpen, am Ende ein erzwungenes grausames Fanal.

Einmal erzählen sich die Jungs in einem dunklen Schlafzimmer des Schullandheims von dem Wesen, das der "Tatort"-Folge den Titel gibt. Der Nachtkrapp geht angeblich des nachts rum und sammelt Kinder ein. Lieber schnell unter die Decke kriechen, damit man das Scheusal nicht sehen muss!

Was ich nicht seh', tut mir nicht weh! Bei Kinderfolklore mag so eine Kopf-unter-die-Decke-Haltung seine Richtigkeit haben. Doch ein Krimi mit Anspruch sollte einem ja eher die Augen öffen.


"Tatort: Nachtkrapp", Sonntag 20.15 Uhr, ARD

Die Wiedergabe wurde unterbrochen.