»Tatort« über NS-Verbrechen und Seniorenheime Altenpflege à la McDonald’s

Meine Tante, die Nazijägerin: Kommissarin Odenthal erhält Besuch von einer alten Dame – und im kostenoptimierten Altenheim sterben die letzten hochbetagten NS-Verbrecher. Ein riskant gebauter »Tatort«.
Darstellerinnen Folkerts (l.) und Werner: Wodka und Pizza in großen Mengen

Darstellerinnen Folkerts (l.) und Werner: Wodka und Pizza in großen Mengen

Foto: Benoît Linder / SWR

McDonald’s, Fressnapf, JalouCity, das alles sind Franchise-Marken. Zu Fast-Food, Tierfraß und Rollladen ist in den letzten Jahren ein weiteres Segment im Lizenz-Kommerz hinzugekommen: die Altenpflege.

»Ich bin Franchise-Unternehmerin«, sagt im »Tatort« die Geschäftsführerin eines Seniorenheims, und es klingt eher wie ein Fluch als ein Segen. Die Unternehmerin führt aus: »Drei Mahlzeiten und nachmittags auch noch Kaffee und Kuchen, bei einer Pauschale von 4,30 Euro am Tag. Was denken sich die Leute?« Nun ist einer der 4,30-Euro-Alten zu Tode gekommen und die sowieso schon schmale Pauschale futsch.

Altenverwahrung im Franchise

Die Umstände des Ablebens rufen Lena Odenthal (Ulrike Folkerts) und Johanna Stern (Lisa Bitter) auf den Plan: Der 96-Jährige war vom Arzt erst für tot erklärt worden, bäumte sich dann aber im Feuer des Krematoriums noch einmal auf. Offenbar war der Alte mit Insulin in den Scheintod gespritzt worden. Der Verdacht: Werden die Bewohner und Patienten in der Franchise-Altenverwahrungsanstalt medikamentös runtergepegelt, um eine höhere Pflegestufe anmelden zu können und so eine höhere Pauschale zu bekommen? Und: Funktioniert Pflege inzwischen tatsächlich nach dem Fast-Food-Prinzip?

»Tatort«-Szene mit Maja Zeco (hinten), Rüdiger Vogler und Lisa Bitter: »Drei Mahlzeiten und nachmittags auch noch Kaffee und Kuchen, bei einer Pauschale von 4,30 Euro am Tag«

»Tatort«-Szene mit Maja Zeco (hinten), Rüdiger Vogler und Lisa Bitter: »Drei Mahlzeiten und nachmittags auch noch Kaffee und Kuchen, bei einer Pauschale von 4,30 Euro am Tag«

Foto: Benoît Linder / SWR

Was am Anfang wie ein deprimierender »Tatort« zum Pflegenotstand daherkommt, entwickelt dank der Episodenhauptdarstellerin zwischenzeitlich einen unerwarteten Esprit: Die 79-jährige Ursula Werner (bekannt aus Andreas Dresens Senioren-Erotikdrama »Wolke 9«) spielt die sauf-, rauf- und rauchwütige Tante von Odenthal, die zu Besuch in Ludwigshafen anrückt. »Rauchen Sie genug?«, fragt die alte Dame besorgt in Odenthals Kollegium hinein, das nach früheren Rotweinorgien inzwischen tatsächlich geradezu asketisch lebt. Aber wo die alte Tante ist, da geht es hoch her, und es wird Wodka und Pizza in großen Mengen konsumiert.

»Die Schlange von Natzweiler«

Bei den Besäufnissen taucht die alte Dame tief in die Geschichte ein. Sie hat sich in früheren Jahren einen Ruf als furchtlose Nazijägerin erworben. Ihr Auftauchen und das obskure Ableben des Senioren scheinen in Zusammenhang zu stehen. Der getötete Greis soll einst als »Schlange von Natzweiler« eine KZ-Schreckensherrschaft geführt und mit einem Starkstromkabel Insassen totgeschlagen haben. Kommissarin Stern lässt sich in der Gedenkstelle des Lagers Natzweiler-Struthof in den historischen Kontext einführen; Odenthal wird Zeugin, wie bei der Trauerfeier der mutmaßlichen KZ-Bestie ein Kranz mit dem SS-Wahlspruch »Meine Ehre heißt Treue« aufgestellt wird.

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Kommissar-Karussell: Alle »Tatort«-Teams im Überblick

Foto: SWR/Daniel Dornhöfer

Es ist eine riskante Erzählanordnung, der dieser »Tatort« (Regie: Tom Lass) folgt: in der Gegenwart die kostenoptimierte Kasernierung der pflegebedürftigen Alten, in der Vergangenheit die Einrichtung von Arbeits- und Vernichtungslagern, die das Menschheitsverbrechen ermöglichten. Man könnte verführt sein, das eine Motiv mit dem anderen zu vergleichen und so den Holocaust zu relativieren, die Fallstricke sind im Stoff eingeschrieben. Einmal wundert sich im Film eine bosnische Pflegekraft über das »Land, das Heime baut, um alte Menschen loszuwerden.«

Doch Drehbuchautor Stefan Dähnert, der bereits frühe legendäre Odenthal-Fälle wie »Tod im Häcksler« geschrieben hat, gerät bei seiner mehrmals Haken schlagenden Geschichte nicht in den Verdacht, unfreiwillig den Holocaust zu relativieren. Seine neue Folge fügt sich in eine Reihe von »Tatort«-Produktionen, in denen zuletzt mit Überlebenden aus der NS-Zeit konfrontative Aufarbeitungsdramen entwickelt worden sind, etwa in einer starken Folge aus dem Saarland.

Dass solche Geschichtsaufarbeitungen auch in Pflegeheimen spielen müssen, liegt in der Natur der Sache. Dort leben nun mal die letzten hochbetagten Täter. Und möglicherweise leben sie dort – das ist die grausame Ironie – neben den ebenso hochbetagten letzten Opfern.

Bewertung: 7 von 10 Punkten

»Tatort: Lenas Tante«, Sonntag, 20.15 Uhr, Das Erste

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