Poetischer Surfer-"Tatort" aus München Unter dem Pflaster der Strand

Die Sehnsucht stirbt zuletzt: Der Münchner "Tatort" erzählt von in die Jahre gekommenen Surfern, die noch immer auf die perfekte Welle warten. Ergreifend.

Johann Feindt/ BR

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Eine Frau und zwei Männer liegen am Strand von Nazaré in Portugal, die Augen geschlossen, die Körper eng umschlungen, über ihnen die Sonne, unter ihnen der feuchte Sand. Irgendwann kitzelt die Gischt des eiskalten Atlantiks die drei an ihren Füßen wach. Es ist das Jahr 1984, das kleine Nazaré ist noch nicht der durchkommerzialisierte Hotspot für Big-Wave-Surfer aus aller Welt, der es heute ist. Keiner mokiert sich darüber, wenn man nach dem Wellenreiten noch ein bisschen freie Liebe am Strand macht. Die Leistungsgesellschaft scheint fern, der Sommer endlos.

Irgendwann war er dann aber doch vorbei, die drei Liebenden verloren sich schnell aus den Augen. 35 Jahre später treffen sich die beiden Männer zufällig wieder. Einer von ihnen ist der Kriminalhauptkommissar Franz Leitmayr (Udo Wachtveitl), der nicht viel hat außer seiner Arbeit. Der andere ist der Tagträumer Mikesch (Andreas Lust), der gar nichts hat, nicht mal Arbeit. Nachts surft er mit den jungen Leuten auf der Eisbach-Welle im Englischen Garten.

Mikeschs großer Traum ist Sri Lanka, wo das Surfer-Leben noch heute so frei sein soll wie 1984 in Portugal. Doch gerade hat er ein Messer in den Bauch gerammt bekommen, deshalb muss Leitmayr ermitteln. Der Surf-Kumpel von einst, der nach der ersten Kontaktaufnahme mit offener Wunde aus dem Krankenhaus ausbüxt, hat offenbar Probleme mit Drogengangstern.

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"Tatort" mit Batic und Leitmayr: Ewige Welle, endloser Sommer

Momentan versucht Mikesch einen Deal über 2000 Packungen Schmerzpflaster einzufädeln, die bei unsachgemäßer Benutzung auch als Rauschmittel taugen. Bald kommen zwei Junkies durch die Pflaster ums Leben, Leitmayr muss jetzt wegen Mordes gegen den anderen ermitteln.

Hochbett mit tätowierter Dame

Die Recherche wird zu einer Begegnung mit der eigenen Vergangenheit: Mikesch säuft in den Kneipen von einst, und er schläft im gleichen studentischen Hochbett, das er sich irgendwann in den Achtzigern zusammengenagelt hat. Meist liegt da auch noch eine tätowierte Dame drin, die vergeblich darauf wartet, dass er ihr das Frühstück bringt. Kaffee und andere Getränke schnorrt sich Mikesch in der Regel irgendwo zusammen.

Weshalb wird der eine Bulle und der andere Penner? Die "Tatort"-Folge "Die ewige Welle" entwickelt aus dieser Frage ein melancholisches, lustvolles, doppelbödiges Generationenporträt. Das Autorenduo Alex Buresch und Matthias Pacht haben mit einigen starken Münchner "Polizeirufen" ihre Erzählkunst bewiesen, zuletzt mit dem Schuld-und-Sühne-Gewitter "Und vergib uns unsere Schuld". Regisseur Andreas Kleinert hat sich in außergewöhnlichen Psychogrammen immer wieder mit den Abgewickelten der Geschichte beschäftigt, etwa in der Gewerkschaftertragödie "Als der Fremde kam" mit Götz George.

Kleinerts Filme sind oft Liebeserklärungen an jene, die unter den Wellen der Zeit begraben werden. So einer ist auch Mikesch - der als alter Surfer aber natürlich glaubt, jederzeit wieder auf diese Wellen aufspringen zu können. Und wenn man ihn zwischen all den jungen Leuten auf dem Brett mit unverwüstlich breitem Surfer-Lächeln auf dem Eisbach sieht, möchte man das selbst gerne glauben.

"Die ewige Welle" ist ein moralfreier "Tatort", es gibt hier keine sittlichen Gewinner. Dafür viel Poesie. Die Rückblenden über die Ménage à Trois in Portugal sind im Stil von Truffauts "Jules und Jim" inszeniert, und Regisseur Kleinert versucht die Entgrenzungen von einst ein bisschen in die Gegenwart zu holen: Erst gibt es nackte Körper im Sand des Atlantiks zu sehen, dann nackte Füße im Münchner Moos. Im Verlauf der Untersuchungen trifft Leitmayr auch seine alte Liebe (Ellen ten Damme) wieder, die er ebenfalls 35 Jahre nicht mehr gesehen hat. Geht da was? Die Sehnsucht stirbt zuletzt.

Dieser "Tatort" ist auch eine Geschichte darüber, was einmal war und was hätte sein können. Eine Geschichte über Schmerzpflaster mit Rauschwirkung und Surfer-Träume im Beton. Unter dem Pflaster liegt der Strand.

Bewertung: 9 von 10 Punkten


"Tatort: Die ewige Welle", Sonntag, 20.15 Uhr, ARD

insgesamt 9 Beiträge
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Seite 1
calinda.b 24.05.2019
1. Wie wärs mit einer Erklärung
... wieso "in die Jahre gekommenen" Zuschauer sich den Tatort noch antun. Warten die auch alle auf einen Guten?
Hexavalentes Chrom 24.05.2019
2. Öffentlich- rechtliche Caritas
Es ist nichts anderes als Kundenbindung, wenn eine Elegie auf Langweiler verfasst wird. So können sich alle in ihrem Elend begegnen. In aufrichtigem Selbstmitleid.
ingorippe 26.05.2019
3. Wtf?!!??
Ich würde das ganze gerne mit 3 von 10 Punkten bewerten. Alles sehr holprig und unglaubwürdig. Aller, ich davor "undercover" auf ZDF neo geschaut.....
yoerc_mueller 27.05.2019
4. ♫
Passiert nicht oft, aber diesmal habe ich abgeschaltet. Langweilig, so langweilig.
moriar 27.05.2019
5. Mit Abstand
der langweiligste und uninteressanteste Tatort seit Jahren...
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