Drogen-"Tatort" aus Münster Cannabis, Cola-Rotwein und die volle Dröhnung Lakritz

Erste Lieben, erste Abstürze: Der Münsteraner "Tatort" erzählt von den Träumen und Traumata aus der Jugendzeit von Boerne und Thiel - ein angenehm süffiger Krimi-Drogencocktail.

Willi Weber/ WDR

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Lakritz - du liebst ihn oder du hasst ihn. Bei Professor Karl-Friedrich Boerne (Jan Josef Liefers) ist die Sache etwas komplizierter. Da ist viel Liebe im Spiel und zugleich viel Hass, seit er als Halbwüchsiger in die Tochter eines Lakritz-Fabrikanten verliebt gewesen ist und von deren Halbstarkenfreund den Kopf in eine Schüssel Lakritzsirup gedrückt bekommen hat. Träume und Albträume der Adoleszenz.

Nachdem man den Münsteraner Wochenendmarktchef mutmaßlich mit Zyankali-versetztem Lakritz vergiftet hat, werden durchs Schnüffeln am Naschwerk bei Boerne allerlei widersprüchliche Erinnerungen freigesetzt. Eine Szene am Anfang dieses zartbitteren Haribo-"Tatort" ist wie ein bonbonfarbener psychedelischer Trip inszeniert: Der Professor saust durch ein Bilderlabyrinth aus bunten Lakritzstückchen, die aus Boernes einstiger Lieblingsmischung stammen, und Musikkassetten, die er für die Angebetete bespielt und besprochen hat.

Boerne auf der Suche nach der verlorenen Zeit: So wie der Held aus Marcel Prousts Romanzyklus durch den Duft und Geschmack von Madeleines in seine Jugend zurückgeführt wird, sieht sich auch der Professor olfaktorisch zu seinem alten verkorksten Ich gelenkt. Gedächtnis, Geschmack und Geruch hängen auch im Münster-"Tatort" zusammen.

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"Tatort" mit Boerne und Thiel: Träume und Alpträume der Pubertät

Okay, die Ermittler-Spaßnacken aus Westfalen und der französische Schriftstellerfeingeist Proust könnten sich nicht fremder sein. Aber der Münster-"Tatort" mit seiner Provinz-Hautevolee funktioniert in seinen besseren Folgen eben immer auch ein bisschen wie die Parodie eines Hochkultur-Genres. Thorsten Wettke, der Drehbuchautor des Lakritz-"Tatort", hatte zuvor schon eine Münster-Episode geschrieben, die als grobhumoriger, Kiffer-kompatibler Nachbau eines Kunst-Thrillers funktionierte. Nun gibt es eben den grobhumorigen, Kiffer-kompatiblen Nachbau eines Coming-of-Age-Dramas.

Wie der Nerd zum affigen Genie wurde

Im Mittelpunkt steht die Frage, wie aus dem Nerd und Streber Karl-Friedrich das einsame, affige Genie Boerne wurde. Auf Hochtouren gebracht wird diese Young-Boerne-Geschichte mit den für Münster fast schon obligatorischen halblegalen und illegalen Substanzen - eine passable Dopingmaßnahme für einen kriminalistisch dünnen Plot, die Autor Wettke plausibel macht, indem er als Hauptverdächtigen einen holländischen Lakritzhändler einführt, der möglicherweise nicht nur Lakritze aus dem Nachbarland importiert.

Im Verlauf der Handlung sehen wir, wie die Kunden auf dem Wochenmarkt durch Ecstasy-versetzte Smoothies in kollektive Weltumarmungsstimmung versetzt werden und wie der Hippie-Vater (Claus D. Clausnitzer) von Kommissar Thiel (Axel Prahl) als selbsternannter Schamane ein Altenheim mit Marihuana-Produkten beliefert. Und dann gibt es noch diesen hübschen Dialog zwischen Boerne und Thiel über die Alkoholvorlieben der beiden:

Boerne: "Warum trinken Sie immer, immer, immer nur Bier, Bier Bier, wollen Sie nicht auch einmal so ein gutes Glas Rotwein trinken?"

Thiel: "Hören Sie mir bloß auf, ich habe mir als Jugendlicher mal mit Korea den Kopf weggeschossen, hatte fast eine Alkoholvergiftung, seitdem ist Rotwein für mich passé."

Boerne: "Korea? Was soll denn das für ein Getränk sein?"

Thiel: "Cola mit Rotwein."

Boerne: "Sie haben Cola in Rotwein gegossen und das haben Sie dann getrunken? Das ist ja ekelhaft."

Thiel: "Na, kommen Sie Cola ohne Rotwein ist ja noch ekelhafter."

Man sollte jetzt bitte nicht fragen, wie das alles genau zusammenhängt. Regisseurin Randa Chahoud - war vor über zehn Jahren mal an dem Radikalklamauk "Ijon Tichy: Raumpilot" beteiligt - gelingt es jedenfalls, das Krimi-Drogen-Komik-Gemisch über weite Strecken aus der Münster-üblichen Schnurrigkeit zu befreien und mit guter Umdrehungszahl zu inszenieren.

Ein angenehm süffiger Cocktail aus MDMA, THC, Cola, Wein und Lakritz, der möglicherweise auch beim Publikum widersprüchliche Jugenderinnerungen weckt. Hau weg den Scheiß!

Bewertung: 7 von 10 Punkten


"Tatort: Lakritz", Sonntag, 20.15 Uhr, ARD

insgesamt 12 Beiträge
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romeov 01.11.2019
1. Freue mich darauf
Genau das Richtige an diesem grauen Tag und liebe Tatort-Fundamentalisten: Ja, dieses Format kann auch mal humorvoll sein, denn auch die "normalen" Tatorte haben mit der Wirklichkeit nicht die Bohne zu tun.
chuckal 01.11.2019
2. Mal wieder ahnungslos
Es heißt Madeleine und nicht Madeleine. Es ist der Geschmack des in Lindenblütentee getauchten Gebäcks, der Marcel die Erinnerung bringt, nicht der Duft ! Es ist dieses gemeine Halbwissen, dass die Texte von Herrn Buß so ungeheuer belanglos macht, sowie das Angewanze an die Macher, dass ihn jeden Stuss zur Referenz an etwas Großem erklären lässt. Wenn die Sonne der Kultur niedrig steht, werfen auch Zwerge lange Schatten.
Little_Nemo 01.11.2019
3. Und immer wieder gute Laune
Zitat von chuckalEs heißt Madeleine und nicht Madeleine. Es ist der Geschmack des in Lindenblütentee getauchten Gebäcks, der Marcel die Erinnerung bringt, nicht der Duft ! Es ist dieses gemeine Halbwissen, dass die Texte von Herrn Buß so ungeheuer belanglos macht, sowie das Angewanze an die Macher, dass ihn jeden Stuss zur Referenz an etwas Großem erklären lässt. Wenn die Sonne der Kultur niedrig steht, werfen auch Zwerge lange Schatten.
Soso, "es heißt Madeleine und nicht Madeleine". Gut zu wissen. Dieser feine, wirklich geradezu unmerklich feine, aber zweifellos epochal bedeutsame Unterschied verdient es in der Tat hier breitgetreten zu werden. Wie dem auch sei, ich bin ja eigentlich nicht eben ein Jünger der Münsteraner, aber wenn Herr Buß ihn so lobt, kann man ja mal einen Blick riskieren. Und wenn die Regisseurin im legendären Ijon Tichy ihre Finger drin hatte - als in der Serie, nicht in Tichy selbst - dann natürlich sowieso. Diese Kultreihe hat den Grundstein für meinen Nora-Tschirner-Abhängigkeit gelegt (wo wir schon bei Drogen sind). Und nicht nur meine offenbar, stellte doch auch Denis Villeneuve Ryan Gosling in seinem "Blade Runner 2049"eine berückende Haluzinelle zur Seite.
chuckal 01.11.2019
4. @Little Nemo
Ist ja gut. Ich habe mich verschrieben und mein Korrekturversuch ist nicht mehr angenommen worden. Das können Sie sich doch sehr gut denken. Finden Sie denn meine Anmerkung auch sonst bekloppt? Finden Sie nicht auch, dass man jemanden, der fast jede Woche in seinen Artikeln zu Totart und anderen Formaten mit seinem vermeintlichem Durchblick in kulturhistorischen Anspielungen und Referenzen zu glänzen versucht, einmal darauf hinweisen darf, wenn er Mal wieder - wie so oft daneben liegt? Darum ging es ja. Und es heißt nun einmal nicht Madelaine. ..
Little_Nemo 01.11.2019
5. @chuckal
Zitat von chuckalIst ja gut. Ich habe mich verschrieben und mein Korrekturversuch ist nicht mehr angenommen worden. Das können Sie sich doch sehr gut denken. Finden Sie denn meine Anmerkung auch sonst bekloppt? Finden Sie nicht auch, dass man jemanden, der fast jede Woche in seinen Artikeln zu Totart und anderen Formaten mit seinem vermeintlichem Durchblick in kulturhistorischen Anspielungen und Referenzen zu glänzen versucht, einmal darauf hinweisen darf, wenn er Mal wieder - wie so oft daneben liegt? Darum ging es ja. Und es heißt nun einmal nicht Madelaine. ..
Denken Sie nicht auch, dass sich auch ein Herr Buß mal verschreiben kann und dass man, wenn man das kritisieren will, es dann wenigstens selbst besser machen sollte? Davon abgesehen finde ich gar nicht, dass Herr Buß so oft daneben liegt. Ich bin zwar nicht immer seiner Meinung, aber das ist ja wohl auch nicht zu erwarten. Ich denke wir sollten alle mal lernen, dass eine Kritik in Form einer Rezension nur ein Angebot sein kann und kein Diktat darstellt. Und was die Form anbelangt: Was erwarten Sie denn? Rezensionen wie die Nutzer-Rezensionen auf Amazon, wo einem Leute ellenlang erzählen, dass der besprochene Film voll dufte sei, nee echt total knorke, echt jetzt (oder eben nicht), und aus nichts ersichtlich wird warum eigentlich?.Von einem professionellen Kritiker erwarte ich, eben gerade, dass er mich auch auf Referenzen und Anspielungen hinweisen kann. Warum sollte ich ihn sonst überhaupt lesen? Denn eine Meinung über einen Film kann ich mir natürlich auch selbst bilden. Nur muss ich den Film dafür erstmal sehen. Und da weiß ich, angesichts des schieren Angebots, eine Entscheidungshilfe durchaus zu schätzen. Wer ständig überall nur Leute sieht, die vermeintlich oberschlau tun und sich als Elite aufspielen, hat vielleicht einfach nur Probleme mit seinem Selbstwertgefühl. Und wer alles was diese, die sich vermeintlich für Elite halten, von sich geben für Diktat hält, ist vielleicht einfach zu unselbstständig um selbst zu entscheiden, ob er ein unverbindliches Angebot annehmen will oder nicht.
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