SPIEGEL ONLINE

SPIEGEL ONLINE

19. September 2014, 11:12 Uhr

Münster-"Tatort" über Pharmapfusch

Hat mal jemand Lachgas?

Von

Boerne ist todkrank. Oder auch nicht. Krebspatienten bekommen harte Chemotherapien. Oder auch nicht. Der neue Witz-"Tatort" aus Münster über gefälschte Medikamente lässt den Zuschauer ins Koma fallen.

Krankenhäuser sind eine wunderbare Einrichtung, um anderen Menschen auf die Nerven zu gehen. "Ich bin Ulrich Göbel, kannst Uli zu mir sagen." Der Neue im Nachbarbett entgegnet herzlich: "Professor Boerne, Sie können aber auch Professor Boerne zu mir sagen." Doch Uli lässt nicht locker, im Humptata-Sound der Volksmusik, die aus seinem Transistorradio hallt, wiehert er gut aufgelegt und auch ein bisschen stolz: "Ich hab einen 1a-Lungenkrebs, aber ich merke nichts, nicht mal von der Chemo."

Professor Boerne, der sich wegen einer eigenhändig diagnostizierten Leberkrankheit selbst in die onkologische Station der Uni-Klinik eingewiesen hat, beglückwünscht den Krebskranken: "Dann freuen Sie sich auf Haarausfall, Erschöpfung, Schmerzen, Übelkeit, Lymphödeme."

Eine tolle Szene, in der die Wichtigtuerei des Hypochonders quasi das Leiden des schwer Erkrankten neutralisiert. Jan Josef Liefers spielt den eingebildeten Kranken hier als großen Leidenden, für den jede Inspektion des eigenen Körpers nur weiter in die Tragödie führt. Josef Ostendorf gibt den Todgeweihten, der sich den Schrecken des Tumors zu Schlagern von der Seele schunkelt.

Pointen wie ausgelatschte Schlappen

Leider ist dies die einzige gute Szene. Und leider ist sie nicht mal richtig neu. Schon im Münchner Krankenhaus-"Polizeiruf" mit dem Titel "Fieber" und mit Matthias Brandt in der Ermittlerrolle gab der stets großartige Theaterschauspieler Josef Ostendorf den (in diesem Fall von Hämorrhoiden geplagten) Patienten mit unerschütterlicher Komik. Und wie er nun im Münster-"Tatort" auf die Wiederholungstaste drückt, tun das auch alle anderen Beteiligten. Jan Josef Liefers gibt mal wieder den Snob Boerne, Axel Prahl den Proll Thiel, die beiden scheinen unterfordert und auf Autopilot unterwegs.

Was ist passiert? Gerade befand sich das Münsteraner "Tatort"-Revier, das über die letzten Jahre zum Schmunzelkrimi verkommen war, wieder auf dem richtigen Kurs: In der Folge "Die chinesische Prinzessin" kombinierten die Verantwortlichen tiefschwarzen Humor mit Polit-Thrill, mit "Der Hammer" legten sie zuletzt gar eine formschöne schwarze Groteske im Coen-Brothers-Style vor.

Und nun das. Die Pointen sitzen wie ausgelatschte Schlappen, das Timing wirkt sediert, die Handlung schleppt sich wie am Tropf voran. Es geht um gefälschte Medikamente, die Krebspatienten verabreicht werden. Drehbuchautorin Dorothee Schön, für das kluge Trauerdrama "Der letzte schöne Tag" mit dem Grimme-Preis geehrt, hat Mühe, den schwierigen Krankenhausstoff ins Münsteraner Humorkorsett zu quetschen. Thomas Jauch, der zuvor den bösen Kölner Halbwüchsigen-"Tatort" gedreht hat, inszeniert für das brisante Thema viel zu gediegen.

Ein hintergründiges oder gar abgründiges Stück über kriminelle Kostendämpfungsmaßnahmen im Gesundheitswesen ist dieser "Tatort" also nicht geworden. Im Vergleich zum psychedelischen Münchner Krankenhaus-"Polizeiruf", in dem die Handlung konsequent aus der Perspektive des unter Schmerzmittel gesetzten Kommissars erzählt wird, fehlt ihm ein wirklich interessanter Zugang zum Thema.

Wenn man einmal kurz über das Bild von Professor Boerne im OP-Leibchen geschmunzelt hat, wird einem unweigerlich die traurige Wahrheit bewusst: Dieser Comedy-Pfusch über Krankenhaus-Pfusch ist nicht komisch. Hat mal jemand eine Dosis Lachgas?


"Tatort: Mord ist die beste Medizin", Sonntag, 20.15 Uhr, ARD

URL:

Verwandte Artikel:


© SPIEGEL ONLINE 2014
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung