Generationenkrieg im Saar-»Tatort« Der Vater, der Sohn und der heilige Frust

Hat der Kommissar seinen Papa erschossen? Der »Tatort« aus Saarbrücken kommt als alttestamentliches Familiendrama daher – Schlangen und Giftfrösche inklusive.
Kommissar Hölzer (Vladimir Burlakov) mit Kollegin Heinrich (Ines Marie Westernströer): Große Zweifel an dem System, dem sie zu dienen versuchen

Kommissar Hölzer (Vladimir Burlakov) mit Kollegin Heinrich (Ines Marie Westernströer): Große Zweifel an dem System, dem sie zu dienen versuchen

Foto: Manuela Meyer / SR

Jungsein ist auch nicht mehr das, was es mal war. Vor zwei Jahren ging in Saarbrücken ein Millennials-Team von »Tatort«-Ermittlern an den Start, aber die Thirtysomethings schleppten von Anfang an so viel Psycho-Ballast mit sich rum, dass von jugendlicher Unbeschwertheit und generationsbedingter Aufbruchsstimmung keine Rede sein konnte. Tiefe Schatten unter den Augen, ein Stonewashed-Jeanslook wie aus der Altkleidersammlung und große Zweifel an dem System, dem sie zu dienen versuchen, zeichnen die Kommissare seitdem aus.

Selbst wenn sie während eines lockeren Beisammenseins beim Asiaten Glückskekse auspacken, schauen die Ermittler-Tröpfe von der Saar so verzagt, als ob sie gerade eine im Fluss entsorgte Leiche aus der Plastikplane pellen. Einer von ihnen verdrückt sich denn auch schnell aus der verdrucksten Glückskeksrunde, die am Anfang dieses »Tatort« steht: Er muss noch zu seinem Vater, der ihn angerufen hat – und mit diesem Alten hatte der Schlamassel der Jungen ja begonnen.

Kommissar Hölzer mit dem geflohenen Kollegen Schürk (Daniel Sträßler): Vatermörder?

Kommissar Hölzer mit dem geflohenen Kollegen Schürk (Daniel Sträßler): Vatermörder?

Foto: Manuela Meyer / SR

Kleiner Rückblick: Die Kommissare Leo Hölzer (Vladimir Burlakov) und Adam Schürk (Daniel Sträßer) teilen ein grausames Geheimnis aus der Jugend; der eine hat den gewalttätigen Vater des anderen ins Koma geprügelt, die Tat haben die beiden über einen Brand verschleiert. In der ersten Folge 2020, als sich die alten Freunde im neu aufgestellten Morddezernat in Saarbrücken wiederbegegneten, lag der Alte (Torsten Michaelis) im Koma; in der zweiten 2021 war er im Krankenhaus erwacht und ließ die beiden Jungen fortan im Unklaren darüber, ob er sich an die fatalen Ereignisse erinnerte.

Hat der Sohn den Vater ermordet?

Nun die Konfrontation: Schürk sucht in dieser dritten Folge den verhassten Vater auf, am nächsten Morgen wird das Scheusal tot in seinem Haus gefunden, der Vater muss über Nacht qualvoll über mehrere Stunden verblutet sein. Schürk bleibt untergetaucht, Kollege Hölzer muss mit den Kolleginnen gegen ihn ermitteln. Hat der Sohn tatsächlich kurzen Prozess mit dem Vater gemacht? Oder hat der Alte in einem letzten Akt des Hasses auf den Jungen sich selbst umgebracht, um die Schuld auf den anderen zu schieben?

Tyrannenmord oder Rachefantasie – es zeigt die Raffinesse der Drehbücher von Hendrik Hölzemann, dass diese beiden monströsen Annahmen plausibel erscheinen. Konsequent horizontal hat der Autor die bisherigen Folgen entwickelt; die jüngsten Ereignisse sind auch deshalb glaubhaft, weil sie schon in der Auftaktfolge vorbereitet worden sind.

Eine Schlange und ein Giftfrosch

Es gibt in »Das Herz der Schlange« (Regie: Luzie Loose) zwar etliche einzelne dramaturgische Schwächen; so sind die Kolleginnen (Brigitte Urhausen und Ines Marie Westernströer) trotz größerer Präsenz weiterhin nur Stichwortgeberinnen für die männlichen Hauptfiguren, und der Nebenerzählstrang eines Einbrechernetzwerks wirkt konstruiert. Das Familiendrama aber wird mit langem, kaltem, alttestamentlichem Atem ausgebreitet.

Der Vater, der Sohn und der heilige Frust: Der tief in die Handlung eingeschriebene Zorn und Jähzorn zwischen den Generationen lässt die verwegensten Wendungen glaubhaft erscheinen. Und aus dem Terrarium in der Vaterwohnung schauen eine Schlange und ein Giftfrosch dem biblischen Kampf zwischen Alt und Jung zu.

Der Fluch des Vaters, so viel darf man verraten, ist am Ende dieser aufwühlenden Folge besiegt. Ob das ein Segen für die Entwicklungen der nächsten Saar-Folgen ist, bleibt abzuwarten. Ohne den Vatertyrann im Nacken dürften Hölzer und Schürk endlich jung und verrückt sein. Beim ausgelassenen Glückskeks-Gequatsche mit den Kolleginnen können wir uns die beiden gequälten Stonewashed-Seelen aber noch nicht so recht vorstellen.

Bewertung: 7 von 10 Punkten

»Tatort: Das Herz der Schlange«, Sonntag, 20.15 Uhr

Fotostrecke

Kommissar-Karussell: Alle »Tatort«-Teams im Überblick

Foto: Thomas Kost / WDR