Neue "Tatort"-Kommissare in Saarbrücken Unsere Väter, die Faschisten

Die Saar-"Tatorte" mit Devid Striesow waren eher albern als abgründig. Der erste Fall der neuen TV-Ermittler Daniel Sträßer und Vladimir Burlakov ist dagegen besonders düster.
Guten Tag, wir sind die Neuen: die Kommissare Adam Schürk (Daniel Sträßer, l.) und Leo Hölzer (Vladimir Burlakov) in der "Tatort"-Folge "Das fleißige Lieschen"

Guten Tag, wir sind die Neuen: die Kommissare Adam Schürk (Daniel Sträßer, l.) und Leo Hölzer (Vladimir Burlakov) in der "Tatort"-Folge "Das fleißige Lieschen"

Foto: Manuela Meyer/ SR

Der Fremde rollt in einem alten Fernbus in Saarbrücken ein. Sein Hab-Acht-Blick geht von der Sulzbachbrücke in die trübe Landschaft, hier liegen offenbar keine schönen Erinnerungen begraben. Weiter vorn im Bus tyrannisiert ein Vater seinen kleinen Sohn, der Fremde geht hin und schlägt den Alten mit einem kurzen Hieb ins Gesicht bewusstlos. Die Faust als Erziehungsratgeber, ein kleiner Clint-Eastwood-Moment.

Manchmal weiß man schon nach einer Minute, ob man mit einem neuen "Tatort"-Team etwas anfangen kann; bei den neuen Ermittlern an der Saar ist das der Fall. Das liegt nicht nur an der punktgenauen Eröffnungssequenz, sondern auch daran, wie von hier aus rigoros in den aktuellen Fall geschnitten wird. Wo man hinschaut in diesem Krimi, überall misshandeln Väter ihre Söhne. Und Großväter ihre Enkel.

Von der Sulzbachbrücke geht es direkt in eine Industriellenvilla, wo der steinalte Patriarch eines Bekleidungsunternehmens bei einem Festessen das Erbe aufteilt. Die Stimme des Alten klirrt kälter als die Champagnergläser beim Anstoßen, als er den ruchlosen seiner beiden Enkeln zu seinem Nachfolger bestimmt, während er dem weicheren nur einen verächtlichen Blick zuwirft.

Nachts wird der Erbe dann mit exakt 60 Schlägen zu Tode gebracht. Am nächsten Morgen will für ihn niemand Tränen vergießen - die neuen "Tatort"-Ermittler haben einen ersten Fall mit vielen Verdächtigen.

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Jung, smart, gewaltbereit

Foto: Manuela Meyer/ SR

Die Neuen, das sind vorrangig: Leo Hölzer (Vladimir Burlakov), der gerade eine interne Untersuchung gegen sich laufen hat, weil er in einer brenzligen Situation zu zögerlich an der Waffe war. Sowie der frisch eingetroffene Adam Schürk (Daniel Sträßer), der Fremde aus dem Bus, der mit der Faust schneller bei der Sache ist als der Kollege mit der Pistole. Die beiden sind Freunde aus Jugendtagen: Schürk litt unter einem brutalen Vater, Hölzer hielt immer zu dem Geschlagenen.

Effizient wird nun der Mordfall des Industriellen-Erben mit der Freundschaft der beiden Kommissare montiert: Die Geschichte des Textilbetriebs geht bis ins "Dritte Reich" zurück, wo das Unternehmen in Geschäfte mit Zwangsarbeitern verwickelt war; die Geschichte der beiden späteren Kommissare läuft auf einen brutalen Befreiungsschlag gegen Schürks sadistischen Erzeuger hinaus.

Der Faschismus in unseren Familien

Unsere Väter, die Faschisten - das ist erst mal eine arg einfache Gleichung. Und doch gewinnen die Filmemacher dieser plakativen Ausgangsposition ein detailgenaues Szenario über Verwerfungen und Verwüstungen über mehr als drei Generationen ab.

Drehbuchautor Hendrik Hölzemann und Regisseur Christian Theede hatten schon gemeinsam einen der nicht ganz schlechten Saar-"Tatorte" mit Devid Striesow inszeniert; damals ging es um die junge IT-Industrie im Saarland. Letztendlich krankte aber auch ihre Folge daran, dass Striesows Kommissar Stellbrink mal wieder den Luftikus geben musste. Albern und abgründig, das ging bei ihm immer durcheinander. Dieser komödiantische Angang schwieriger Stoffe, zu dem Striesow zwischen 2013 und 2019 in seinen acht Stellbrink-Folgen von der SR-Redaktion verdammt war, wird nun von Hölzemann und Theede rigoros ins Düstere gewendet.

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Kommissar-Karussell: Alle »Tatort«-Teams im Überblick

Foto: Martin Rottenkolber / WDR

Klar, es gibt viele Anlaufschwierigkeiten bei der Wiedereröffnung des Saar-Reviers. Um nur eine zu nennen: Dass hier die beiden traumatisch zusammengeschweißten Kommissare zwei intrigant plappernde junge Kripo-Helferinnen zur Seite gestellt bekommen (Brigitte Urhausen und Ines Marie Westernströer), ist im Jahr 2020 ein bisschen peinlich.

Andererseits gibt es auch klug geschriebene und gespielte weibliche Rollen, nämlich die einer alten russischstämmigen Rentnerin, die mit den Zwangsarbeitern in den Textilwerken verbandelt war und die von Marie Anne Fliegel mit lakonischer Tiefe gespielt wird. Der Auftritt der 80-Jährigen ist interessanterweise der stärkste Auftritt in diesem extrem jung besetzten "Tatort". Fliegel war zuvor schon in einer Borowski-Folge zu sehen, wo ebenfalls die verheerende Kraft des Faschismus anhand dreier Generationen einer Familie nachgezeichnet worden war.

Dass der aktuelle"Tatort" über Gewalt und Gegengewalt nun allen Startschwierigkeiten zum Trotz ebenso unerbittlich auf sein Thema zusteuert, ist das Beste, was dem Saar-Revier nach den Striesow-Albernheiten der vergangenen Jahre passieren konnte.

Bewertung: 8 von 10 Punkten

"Tatort: Das fleißige Lieschen", Ostermontag (!), 20.15 Uhr, ARD

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