»Tatort« über schwäbisches Wohlstandsbürgertum Der brutale Charme der Bourgeoisie

Überforderter Mann begeht Fahrerflucht, schwangere Ehefrau beseitigt Spuren: Dieser schön sarkastische Stuttgart-»Tatort« zeigt, wie effizient das bürgerliche Glück im Schwabenland organisiert wird.
»Tatort«-Darstellerinnen Christina Hecke (l.) und Tatjana Nekrasov: Familie und andere Verbrechen

»Tatort«-Darstellerinnen Christina Hecke (l.) und Tatjana Nekrasov: Familie und andere Verbrechen

Foto: Benoît Linder / SWR

Männer in der Rushhour ihres Lebens sind ein Sicherheitsrisiko. Rasen ohne nach links und rechts zu gucken über den Karriere-Highway; rempeln bei der Familienplanung alles, was ihnen als Hindernis erscheint, aus dem Weg. Der Anwalt Ben Dellien (Nicholas Reinke) ist auch so ein Flitzer: In der Kanzlei steht der Karrieresprung zum Partner an und in der Familie die Geburt des dritten Kindes. Bürgerliches Glück kurz vor Vollendung.

Doch auf dem Heimweg aus der Kanzlei während eines letzten Handy-Telefonats mit der Kollegin fährt der Anwalt einen Obdachlosen an, der sein Fahrrad am Rand der dunklen Landstraße entlang schiebt. Ein dumpfer Knall; Dellien steigt aus, schaudert, zaudert und taumelt ins Auto zurück, um davonzudüsen. Das Opfer bleibt, so rekonstruiert es später der Gerichtsmediziner, hilflos wie ein Käfer auf dem Rücken am Straßenrand liegen und verblutet innerlich.

Lannert (Richy Müller, l.) und Bootz (Felix Klare): Beinahe bekommt man Mitleid mit dem Mörder. Aber nur beinahe.

Lannert (Richy Müller, l.) und Bootz (Felix Klare): Beinahe bekommt man Mitleid mit dem Mörder. Aber nur beinahe.

Foto: Benoît Linder / SWR

Der Anwalt aber zieht sich nach der Fahrerflucht daheim die Decke über den Kopf – und hofft, dass sich die ganze Sache am nächsten Morgen als böser Traum entpuppt. Und tatsächlich läuft nach dem Erwachen im Luxuseigenheim die bürgerliche Optimierungsmaschine so geschmeidig, als wäre nichts gewesen. Kinder werden in die Schule gebracht, wichtige Meetings absolviert. Vorsichtshalber fährt Dellien noch das Auto durch die Waschstraße, um mögliche Spuren zu beseitigen.

Krimi aus Täterperspektive

Wie dann doch bei allem Vertuschungsaktionismus eine verbleibende Restspur die Stuttgarter Thorsten Lannert (Richy Müller) und Sebastian Bootz (Felix Klare) ins Wohlstandsglück führt, das ist in diesem über weite Strecken aus der Täterperspektive erzähltem Krimi elegant und psychologisch präzise in Szene gesetzt. Beinahe bekommt man Mitleid mit dem Mörder. Aber nur beinahe.

Der Regisseur und Autor Niki Stein hatte 2015 für das Stuttgarter »Tatort«-Team bereits die Ereignisse rund um das Bauprojekt Stuttgart 21 zu einem ausladenden, fiktionalisierten Korruptionstableau verdichtet, das den damaligen Oberbürgermeister Fritz Kuhn auf den Plan rief. Der sorgte sich um das Image der Stadt, die in dem Krimi als »Drecksloch« beschrieben und ins Bild gesetzt worden war. In Steins neuem »Tatort« sieht Stuttgart nun so tippitoppi aus, dass sich eigentlich keiner beschweren kann.

Frühstück machen, Verbrechen vertuschen

Allein die Wohnwelt, in die sich die saturierte Happiness des Karrierejuristen ergießt: Fassaden aus Glas lassen die Sonne rein, offene Durchgänge zwischen allen Wohnebenen schaffen ein transparentes Gemeinschaftserlebnis, bei dem es keine Geheimnisse geben kann. Glück ist hier eine gemeinsame Erfolgsanstrengung, für die beide Ehepartner an einem Strang ziehen. Und so nimmt bald auch ganz selbstverständlich Delliens hochschwangere und hochpatente Ehefrau (Christina Hecke) die Vertuschung der mörderischen Fahrerflucht neben die Frühstückszubereitung für die Kids auf ihre To-do-Liste.

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Kommissar-Karussell: Alle »Tatort«-Teams im Überblick

Foto: Martin Rottenkolber / WDR

In vielerlei Hinsicht fühlt man sich bei Steins »Der Mörder in mir« an Claude Chabrols Klassiker »Vor Einbruch der Nacht« aus dem Jahr 1971 erinnert. Auch hier folgen wir einem Mörder durch sein von Ritualen bestimmtes bürgerliches Leben, das trotz aller äußerer und innerer Erschütterung wie am Schnürchen läuft; auch bei Chabrol kommt der wissenden und duldenden Ehefrau eine aktive Rolle zu.

Diese wird nun im »Tatort« auf die Spitze getrieben: Während der Anwalt, das Rushhour-Wrack, immer ungeschickter und ausgelaugter Schuld zu verschleiern sucht, zeigt die kurz vor der Niederkunft stehende Ehefrau Initiative. Charmant, wie sie das Vertuschungsmanagement übernimmt. Noch wenige Stunden bevor es in den Kreißsaal geht, stößt sie den Mann vom Krankenhaustelefon im martialischen schwäbischen Singsang zurecht, dass er sich jetzt gefälligst zusammenzureißen hat, um der immer härter nachfragenden Polizei mit Lügen Paroli zu bieten. Es gehe immerhin um ihre Ehe und ihre Kinder. So kriminell kann Familiensinn sein.

Bewertung: 8 von 10 Punkten

»Tatort: Der Mörder in mir«, Sonntag, 20.15 Uhr, Das Erste

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