Wien-"Tatort" über kaputten Politikbetrieb Korruption, ein österreichisches Lebensgefühl

Osteuropäische Oligarchin, manipulativer Innenminister: Der Wiener "Tatort" zeigt die kriminelle Energie in Österreichs Politik - wenn auch viel zu kunstbeflissen angesichts der schmutzigen Wirklichkeit.

Hubert Mican/ ORF/ ARD

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Korruption ist sein Leben. Der Abgeordnete Raoul Ladurner aus Tirol (Cornelius Obonya) hat sich einen Namen als Aufklärer erworben, immer wieder hat er Bestechung und Manipulation im österreichischen Politikbetrieb offengelegt. "Korruption. Das neue Normal?" - so lautet der Titel des neuen Buches, das er gerade in die Läden gebracht hat. "Die selbst ernannte Reinigungskraft der Nation" - so nennen ihn diejenigen, die ihn desavouieren wollen. Es sind nicht wenige.

Nun gab es einen Angriff auf das Wiener Eigenheim des Antikorruptionspolitikers. Die Ehefrau wurde mit einem Messerstich in die Brust ermordet, die Tochter schwebt nach einem Stich in den Bauch in Lebensgefahr. Eine Spur in dem Fall führt zu einer undurchsichtigen ukrainischen Geschäftsfrau, über die der Abgeordnete Unterlagen für einen Untersuchungsausschuss gesammelt hat. "Uran-Handel, ein bisschen viel Parteienförderung", wird den Ermittlern aus dem Hintergrund zugeraunt.

Doch Eisner (Harald Krassnitzer) und Fellner (Adele Neuhauser) werden immer wieder vom österreichischen Innenminister persönlich an ihren Untersuchungen gehindert. Den Fall soll auf dessen Geheiß eine aus Tirol stammende Polizeikollegin (Gerti Drassl) übernehmen, die eigentlich durch ihre Bekanntschaft zu dem Abgeordneten befangen ist.

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"Tatort" aus Österreich: Abgründe der Alpenrebublik

Eine Oligarchin aus dem ehemaligen Ostblock, ein rechtsstaatliche Standards aushebelnder Innenminister - auf den ersten Blick scheint der neue Wiener "Tatort" der Film der Stunde zum Politchaos in Österreich nach dem Strache-Video zu sein. Doch welche Ironie: In seiner kunstbeflissenen Konstruktion wirkt der Krimi seltsam deplatziert vor der aktuellen Kulisse des sich mit fadenscheinigen Selbstinszenierungen und süffigen Selbstdemontagen zerlegenden österreichischen Parteienbetriebs.

Erhöhter Blick auf Wiener Brut

Die Verantwortlichen für den Krimi - die Regisseurin und Michael-Haneke-Schülerin Catalina Molina gibt ihr "Tatort"-Debüt, Autor Uli Brée ist einer der Stammautoren der Reihe - versuchen in "Glück allein", einen erhöhten Blick auf die Wiener Brut zu finden und eine universale Anfälligkeit der Alpenrepublik für Kleptokratie, Günstlingswirtschaft und Amtsanmaßung nachzuzeichnen. Korruption, ein österreichisches Lebensgefühl.

Dafür stellen sie einen Korruptionsbekämpfer ins Zentrum ihrer Geschichte - der offenbar selbst alle Formen der Manipulation und des Machtmissbrauchs anwendet. Wie die Ermittler herausfinden, führte der Politiker mit dem Saubermann-Image und Aufklärer-Gestus ein grausames Regiment in der Familie. Ermittler Eisner ist instinktiv angewidert von dem Politiker, weil er sich an seinen übermächtigen Vater erinnert fühlt.

Am Anfang, während in der Küche fürs Gulasch Kalbsfleisch mit jenem Messer gewürfelt wird, mit dem später mutmaßlich die Politikerfamilie ermordet wird, erklingt heiter "Eine kleine Nachtmusik". Später wird die Melodie für den ambitionierten Score düster variiert; mit Mozart geht es immer tiefer hinab ins kollektive, demokratiefeindliche österreichische Unterbewusstsein.

In dieser Universalkritik erscheint der Politthriller streckenweise wirkungslos. Der Wiener "Tatort" entwickelte über die letzten Folgen ja ein stärkeres politischeres Profil, Hauptdarstellerin Neuhauser bezog im SPIEGEL explizit Stellung gegen rechts. Doch im Vergleich zur letzten Folge, in der leichthändig, aber auch konkret auf die damals geltende neue politische Farbenlehre angespielt wurde, bleibt "Glück allein" in seinem Versuch einer Tiefenbohrung in die politische Verfasstheit des Landes unverbindlich.

Vielleicht wird der Blick auf diesen ambitionierten "Tatort" aber auch nur durch das No-Budget-Video mit Strache versperrt: Gegen die unverstellte Unverfrorenheit der "b'soffenen Geschichte" auf Wodka und Red Bull hat dieses edel gedrechselte Schöngeist-Psychogramm mit Mozart und Bio-Rind einfach keine Chance.

Bewertung: 5 von 10 Punkten


"Tatort: Glück allein", Sonntag, 20.15 Uhr, ARD

insgesamt 18 Beiträge
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hefe21 31.05.2019
1. Low Budget Produktion?
Mit Verlaub, von einem "No-Budget-Video"kann überhaupt keine Rede sein - in österreichischer Tradition muss einer miesen Qualität keine niederklassige Kostenrechnung gegenüberstehen. Die dafür kolportieren Summen erreichen inzwischen durchaus das landläufige Budget einer Tatortproduktion. Die landestypische Korruptionsfolklore zieht sich seit Jahrzehnten auch durch unzählige ORF-Produktionen, man kann nicht mehr genau nachvollziehen, welche Seite sich da gegenseitig am meisten befruchtet. Der manisch aufstiegswillige HC hat sein "Drehbuch" ja auch nicht selbst erstellt, er hat es über die Jahre inhaliert, bzw. es wurde ihm eingeflösst. Es trifft hier der alte Spruch zu, dass man jemanden aus Österreich rausbringen kann, aber man kann Österreich nicht aus den Insassen rausbringen. Die hysterischen Reaktionen auf das Video sind ja auch einer dann immer wieder unangenehmen Selbsterkenntnis geschuldet.
Knossos 31.05.2019
2. Schen; dosch nehma!
Außer wohl fehlender Konkretisierung spezifisch österreichischer Politroutine, wird nicht so ganz deutlich, was dem Kritiker am Film mißfällt. Indes aber, daß ihm eines nicht aufstößt. Und zwar, ein Korruptionsbekämpfer (ohne "Anti-" davor, sonst sinnverkehrt), der zugleich und obligatorisch selbst Macht mißbraucht / nicht koscher ist. Denn (Falcone, Borsellino und andere Idealisten vermögen gegen billiges Cliché ja nichts mehr auszurichten, und über Couragierte, die noch unter uns weilen, macht doch Keiner einen Tatort), wer Staub aufwirbelt hat selbst schmutzig zu sein. So fällt der Rahmen auch zünftig aus, und fällt daher schon gar nicht mehr auf. ... Daß sich ein Bild von Korruption lockerer hinnehmen läßt, wenn der Mensch und halt Alle dabei von Natur aus charakterlos zu sein scheinen. Amen
Gottloser 31.05.2019
3. Peter Pilz vs Strache und Kickl
Das steckt hinter diesem Tatort. Fast schon reale Politik, obwohl ich nicht weiß, wie Pilz sich zuhause aufführt!
Augustusrex 31.05.2019
4. Was ist
ein "Antikorruptionsbekämpfer"? Zweifellos jemand, der für Korruption kämpft. Anders ist das Wort nämlich sinnlos. Weiterhin sind die Tatorte aus Österreich immer sehenswert, schon allein wegen Neuhauser und Krassnitzer.
Garda 31.05.2019
5. zu 2. und 3.
Zitat von GottloserDas steckt hinter diesem Tatort. Fast schon reale Politik, obwohl ich nicht weiß, wie Pilz sich zuhause aufführt!
zu 2.: was bedeutet Ihr Titel (Schen; dosch nehma)? zu 3. hatte von Pilz immer eine gute Meinung. Aber sein Auftritt vorigen Montag war eine Frechheit weit unter der Gürtellinie.
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