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"Tatort" mit Fellner und Eisner: Gute alte Cop-Schule

Foto: ARD Degeto/ ORF/ Cult Film/ Petro D

Wien-"Tatort" über Waffengeschäfte Alte Schule, neue Feinde

Historischer Fall, neue politische Farbenlehre: Fellner und Eisner spüren Waffendeals von einst nach - und geraten in Konflikt mit den aktuellen Machtverhältnissen. Würdevoller Retro-Krimi.

Die Bläser wallen bedrohlich, der Wolfgangsee präsentiert sich in dunklen Farben, auf seinem grünen Grund liegt ein Autowrack mit einer erschossenen Frau. Wir sehen sie gleich am Anfang in ihrem nassen Grab, während Oberstleutnant Eisners Stimme lakonisch aus dem Off in die Ereignisse einführt. Die Tote ist eine Journalistin aus Hamburg, die an einer Geschichte über Waffengeschäfte arbeitete.

Mit der Bergung der Leiche wird gleich noch ein alter, nie so recht aufgelöster Fall an die Oberfläche gehievt. Die Journalistin recherchierte auch über den ehemaligen österreichischen Verteidigungsminister Karl Lütgendorf, der 1977 zurücktreten musste, weil er im Verdacht stand, in illegale Waffendeals verstrickt zu sein. Lütgendorf gab es wirklich, er starb 1981 durch einen Revolverschuss in den Mund. Offiziell spricht man von Suizid.

Nachdem sich der österreichische "Tatort" zuletzt als stilvoller Retro-Rotlicht-Krimi über einen Strizzi-Patriarchen vom Prater präsentierte, kommt er nun als stilvoller Retro-Verschwörungskrimi daher: Bibi Fellner (Adele Neuhauser) und Moritz Eisner (Harald Krassnitzer) öffnen sich mit jedem Ermittlungsschritt eine neue Perspektive auf den Fall, der sie auch mit unbeantworteten Fragen in der eigenen Behörde konfrontiert.

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"Tatort" mit Fellner und Eisner: Gute alte Cop-Schule

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Fellner kämpft mit dem eigenen Alkoholismus, Eisner lässt beim Aktenwälzen Jazz auf dem Plattenspieler laufen, lakonisch blättern sich die beiden vom Leben gezeichneten Veteranen durch die eigentlich schon geschlossene Akte.

Eisners abgeklärter Off-Kommentar vom Anfang verklingt langsam, um anderen Stimmen Raum zu geben. Etwa der von einem ehemaligen Ministerfreund, der den Ermittlern am Wolfgangsee erklärt: "Der Kalli war ein Offizier, der hätte sich nicht in den offenen Mund geschossen." Oder der von der aufgewühlten Lebensgefährtin der ermordeten Journalistin (Emily Cox), die sich auf Sexspiele mit einem Industriellen einlässt, um diesen Verstrickungen am Mord nachzuweisen.

Im besten Sinne Oldschool

Selbst in süffigen Momenten und bei überraschenden Plot-Wendungen hält dieser "Tatort" seinen recht coolen Grundton. Autor und Regisseur Thomas Roth hatte zuvor einmal einen Wiener "Tatort" über kriminelle Geschäfte um das iranische Atomabkommen wie einen Spionage-Thriller aus dem Kalten Krieg inszeniert; seine neue Folge ist ebenfalls im besten Sinne Oldschool.

Das liegt auch daran, dass er ohne viel pseudomodernen Schnickschnack den historischen Fall vor einem sich verändernden Polizeialltag aufrollt. Denn die Spuren führen die alten Spürhunde Fellner und Eisner in den eigenen Ermittlungsapparat zurück - in der jetzt neue Verhältnisse herrschen. Offenbar halten jetzt die jungen Feschen von der ÖVP und FPÖ Einzug.

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Rolf Vennenbernd/ dpa

Als die beiden Ermittler ihren eigentlich gut vernetzten Chef Ernst Rauter (Hubert Kramar) bitten, auf kurzem Dienstweg Informationen einzuholen, wird der Alte ganz nervös: "Die Zeiten sind vorbei. Diese ganze Transparenz!" Dann zieht er, der leidenschaftliche Kippen-Kriminaler, traurig an seiner E-Zigarette, so als wolle er der neuen Führung damit signalisieren, dass er doch bereit sei für den Zeitenwechsel. Denn die Macht im neuen Österreich wird nicht länger zwischen Rot und Schwarz, sondern eher zwischen Türkis (der neuen Marketingfarbe der ÖVP) und Blau aufgeteilt.

Alter politischer Fall, neues politisches Farbenspiel: Bald rauscht die Chefin der Inneren Sicherheit auf die Bildfläche, in ihrem Schatten ist ein junger Handlanger dabei, der die Haare wie Sebastian Kurz trägt und auch so redet. Die Chefin der Sicherheitsbehörde blockt alle Ermittlungsbemühungen zu den Waffengeschäften von einst ab, Rauter muss sich fügen und tut das der alten Schule gemäß: "Küss die Hand."

Am Ende wird es ein wenig unübersichtlich bei der Frage, wer da eigentlich wem im Weg steht. Trotzdem: "Wahre Lügen" ist ein gelungener Oldschool-Krimi, in dem das Gestern würdevoll mit dem Heute ringt.

Bewertung: 8 von 10 Punkten


"Tatort: Wahre Lügen", Sonntag, 20.15 Uhr, ARD