Köln-"Tatort" über Kampfmittelräumdienst Männer, die an Bomben rummachen

Bombe im Eigenheimparadies: Der Kölner "Tatort" zeigt, wie die Spezialisten eines Kampfmittelräumdienstes um ein bisschen Normaloglück ringen. Riskanter Einsatz.

WDR/ Martin Valentin Menke

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Die Identifizierung des Opfers gestaltet sich schwierig. Es wurde bei der Explosion einer Fliegerbombe aus dem Zweiten Weltkrieg getötet, auf den ersten Blick sind keine erkennbaren Leichenteile am Ort der Verwüstung auszumachen. Irgendwann findet man dann doch noch einen Unterkieferpartikel, anhand dessen man seine Identität feststellt. Bei dem Toten handelt es sich um einen Bombenentschärfer, der als geschickt und umsichtig galt, ein zuverlässiger Handwerker des Risikogeschäfts, die Ermittler gehen bald von Mord aus.

Das Desasterszenario am Anfang dieses "Tatort" ist ohne große Knalleffekte ins Bild gesetzt; die Explosion selbst kommt für das Fernsehpublikum nur als ferner Donner daher. Und doch schafft der Einstieg eine Atmosphäre ständiger Bedrohung, die sich bis zum Finale des Krimis durchzieht. Wann immer im Verlaufe dieses "Tatort" Männer mit Zangen und Klemmen an 250-Kilo-Bomben rummachen, weiß man um den potenziell verheerenden Ausgang dieser Schrauberei.

Die Explosion fand auf dem Gelände des Familienunternehmens Maiwald statt, das sich auf die Räumung und Entsorgung alter Kampfmittel spezialisiert hat. Später sehen wir Vater Maiwald (Ralph Herforth) und Sohn Maiwald (Adrian Topol) auf einem Übungsgelände, vor dem Jungen steht eine Fliegerbombe, die er mit der Zange bearbeitet. Fragt der Senior: "Du willst eine MC 500 mit einem 123er Langzeitzünder händisch entschärfen?" Sagt der Junior: "Wenn man die Auslösespindel dreiviertel eindreht, dann klappt das."

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Köln-"Tatort": Gaaaanz vorsichtig!

Als der Sohn weiterschraubt, spritzt ihm blaue Farbe in sein Gesicht, der Zünder ist losgegangen. Wäre es eine scharfe Bombe gewesen, wäre er jetzt tot. Der Alte blickt verächtlich; so einem will er nicht seinen Betrieb übergeben. Auch eine Art über den deutschen Mittelstand und seine explosiven Nachwuchssorgen zu erzählen.

Ein typisches Thema für den Kölner "Tatort", der am meisten bei sich ist, wenn er sich den Mittelstand und dessen familiäre und finanzielle Notlagen vornimmt; wenn es um verschuldete Tischlereien, Mauscheleien unter Autoschraubern oder Tricksereien von Feinkosthändlern geht. Es ist das zurzeit bedrohlich wacklige Kleinbürgermilieu, in dem Schenk (Dietmar Bär) und Ballauf (Klaus J. Behrendt) ermitteln.

Explosiver Baugrund?

Auch Kleinunternehmer Maiwald kämpft ums Überleben - nicht nur während er und seine Leute die Bomben entschärften, sondern auch, wenn er oder sein Sohn zweifelhafte Deals mit Bauunternehmern eingehen, für die sie den Boden nach Blindgängern aus dem Zweiten Weltkrieg absuchen. So etwa im Flora-Quartier, das am Stadtrand entstehen soll. Eine alte Bombe im Baugrund wäre eine Katastrophe für das schon fortgeschrittene Projekt.

Der junge Maiwald hat dem Bauherren ein Unbedenklichkeitszertifikat ausgestellt. Möglicherweise ein bisschen übereifrig. Ein Grundstück im Flora-Quartier hatte auch der Spezialist erworben, der am Anfang von der Weltkriegsbombe zerfetzt wurde. Er wollte hier mit seiner Frau wohnen, einer traumatisierten Bosnierin (Alessija Lause), die er bei einem Einsatz auf dem Balkan kennengelernt hatte.

Im Umfeld des Paares gibt es noch einen Ex-Kollegen (Sascha Alexander Gersak), dem beim Räumungseinsatz in Bosnien ein Bein und Teile der Hüfte weggesprengt worden sind. In Anwesenheit der recherchierenden Kommissare kifft er gegen die Phantomschmerzen an und sagt: "Schon ätzend, wenn man sich die Eier kratzen will, die in Bosnien an der Hauswand kleben."

Zu viel erklärt, zu wenig gespielt

Drehbuchautor und Regisseur Thomas Stiller zeigt eine so verschworene wie versehrte Gruppe von Menschen; in der furiosen Münchner Folge "Macht und Ohnmacht" aus dem korrupten Milieu der Streifenpolizisten hatte er bereits ähnlich brutale Abhängigkeitsverhältnisse inszeniert. Sein Kölner "Tatort" ist nun eine Art "Hurt Locker" aus dem deutschen Mittelstand.

Doch anders als in Kathryn Bigelows Kriegsdrama über ein US-Bombenräumkommando im Irak sieht man hier oft nicht, wie sehr der Druck sich in die Figuren einschreibt. Die Traumata werden oft eher rausgeschrien als sich etwa im ewig alerten oder ewig nervösen Gebaren der Figuren zu zeigen. Es wird zu viel erklärt, zu wenig gespielt.

Eine Szene ist aber sensationell: Als die traumatisierte Bosnierin in der Nacht von einem Einbrecher heimgesucht wird, lässt sie diesen an ihr Bett kommen, um ihn dann wie aus einem Reflex heraus zu Boden zu schlagen. Sie ist ein Kriegsopfer, das kein Opfer mehr sein will - und sich nach Alltag sehnt. Im Verlauf des Krimis sieht man, wie sie nach dem Mord an ihrem Mann um ihren Platz im Eigenheimparadies des Flora-Quartiers kämpft. Stark, wie sich hier die Ausnahmegemeinschaft und das Normaloglück überlagern.

Bewertung: 6 von 10 Punkten


"Tatort: Bombengeschäft", Sonntag, 20.15 Uhr, ARD

insgesamt 10 Beiträge
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Seite 1
kai-ser210 29.03.2019
1. Spoiler?
Ich dachte am Anfang des Artikels noch, die Bombe hätte einen Spezialisten beim Entschärfen aus Versehen getötet. Jetzt lese ich am Ende etwas von Bosnierin und Mord an ihrem Mann usw.. Also entweder verstehe ich den Text nicht richtig oder hier wurde mal schön gespoilert und das vermeintliche Unglück bereits als Mord entlarvt. Das wäre aber ein redaktionelles Desaster. Ich hoffe also auf Ersteres.
Dramaturgen-Frau 29.03.2019
2. Ernie & Bert aus Köln - ich freu mich!
Vor längerer Zeit wurde der, wie ich fand, eigentlich ganz gute Tatort aus dem Saarland mit Gregor Weber und Maximilian Brückner alias Stefan Deininger und Franz Kappl abgesetzt, weil er, wie der Intendant sagte, bezüglich der beiden Ermittlerfiguren "auserzählt" sei, was aber natürlich faktisch gar nicht der Fall war. Wer auf alle Fälle "auserzählt" ist, sind Ernie & Bert aus Köln. Doch dieses Gespann wird weitergeführt. Warum? - Weil es in seiner Waldorf-und-Statler-Manier noch großen Zuschauerzuspruch erfährt. Letztlich ist es so wie bei Paaren, deren Liebe schon lange erkaltet ist, die aber weiter zusammebleiben. Kennt man. Und das ist für das ARD-Publikum 60+ das Allerwichtigste: dass man "Ah, kenn ich..." am Bildschirm rufen kann. Da wird dann die Figur Freddy Schenk als Ehemann vorgeführt, der vor seinem Ehedrachen zuhause zittert, diesen aber natürlich noch abgöttisch "liebt". Ja, ja. Gähn. Und wie bzw. ob die Figur Max Ballauf seine Sexualität oder ähnliche Bedürfnisse noch lebt, weiß der Zuschauer auch nicht. Ist auch für die Generation 60+ bekanntlich nicht mehr wichtig. Angst vor dem Hausdrachen? - Jaaa, ha, ha, ha... kenn ich! Sex? Hmm... was war das nochmal gleich? Essen? Nun ja, Kölsch saufen an einer Kirmesbud am Rhein ist dann noch das einzige Freizeiterlebnis der beiden, die das Alter des durchschnittlichen ARD-Zuschauers haben. Wir können froh sein, dass wir überhaupt einen neuen Tatort heute Abend sehen und nicht wegen des Programms von RTL und Co. wieder in die Röhre gucken müssen wie letzten Sonntag.
Malibonus 29.03.2019
3. @dramaturgen-frau
Sie kennen entweder keine oder die falschen 60+.
Dramaturgen-Frau 29.03.2019
4. Wie kommen Sie zu dieser Behauptung?
Zitat von MalibonusSie kennen entweder keine oder die falschen 60+.
Woran machen Sie das fest? Es geht auch nicht um "persönlich kennen", sondern um Statistik. Und die ist klar auf meiner Seite. Einerseits gibt es immer Ausnahmen, andererseits halte ich die Überbewertung persönlicher Kontakte als schlagenden Beweis für Argumentationen sehr schwach. Ich weiß, gegenwärtig ist das sehr en vogue: ich glaube nur, was ich selber sehe. Mit dieser Haltung kann man aber auch eine Rakete auf 500m über Erdniveau bringen, um zu "beweisen", dass die Erde eine Scheibe ist, wie das ein Irrer in den USA vor kurzem wieder versucht hat. Ihre "Argumentation", die, wie gesagt, keine Erläuterung beinhaltet, kommt mir so vor, als sei sie von diesem US-Irren verfasst.
frida1209 29.03.2019
5.
@Dramaturgen-Frau: Generation 60+ - Sie reproduzieren hier doch nur Ihre eigenen Vorurteile, von wegen Statistik. Sagen Sie doch mal was zum Tatort ohne persönliche Anwürfe und Polemik. Danke.
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